geschäft:gründung II

Der Schritt das Papiergeschäft zu übernehmen und die Entscheidung zur Selbstständigkeit mit zwanzig Jahren erfolgte sehr spontan. Dabei waren einige Fragen offen, wie meine Kündigung in einer Spittaler Damenschuhfabrik. Eine Woche vor meiner Neuübernahme überraschte ich den Personalchef bei seinem morgendlichen Kontrollgang durch die Fertigungshalle damit, dass ich ihm mitteilte, ich werde am Montag nicht mehr zur Arbeit kommen, da ich am Mittwoch mein eigenes Geschäft eröffne. Der Personalchef wurde ungehalten und bestand von Firmenseite darauf, dass ich eine vierzehntägige Kündigungsfrist einhalten müsste. Für mich, als „Absatzschrauber“, müsste zuerst ein Ersatz gefunden und jemand neu eingeschult werden. Ich arbeitete in der Endfertigung am Montageband in Akkord. Jeder Ausfall eines eingeschulten Arbeiters oder Arbeiterin bedeutete einen Rückgang bei den Produktionszahlen. Allein  dadurch, dass manche Lederteile ungenau zugeschnitten waren, ist es zu Verzögerungen bei der Montage gekommen und hat zu gegenseitigen Schuldzuweisungen geführt, weil jeder sein maximales Pensum erreichen wollte. In den siebziger Jahren wurde jeder Schuh „gebraucht“ und war bereits vorbestellt. Ich hielt an meiner Ankündigung fest.

Etwa zehn Minuten später kam der deutsche Betriebsleiter zu mir und machte mich darauf aufmerksam, dass, sollte ich die Kündigungsfrist nicht einhalten, jeder Schuh, der durch meinen spontanen Abgang weniger produziert wird, von meinem Lohn abgezogen wird.

Als ich vor kurzem diese Episode bei Freunden erzählte, berichtete ein Zuhörer von einer ähnlichen Erfahrung. In einer Fabrik von Fernseh- und Radiogeräten ist es bei der Montage zu ähnlichen Szenen gekommen. Es hat soweit geführt, dass sich die Frauen gegenseitig an den Haaren gezogen haben, wenn eine am Montageband zu langsam war.

Solidarität

 

Ein Gedanke zu „geschäft:gründung II

  1. Hallo Schlagloch 🙂
    Da könnte ich auch einige Anekdote beitragen.
    Anfang der 80er Jahre habe ich in einer Näherei gearbeitet. Akkord.
    Da kam es zu folgendem Erlebnis.
    Anne (geistig etwas langsamer) hat sich mit ihrer Doppelnahtmaschine in den Zeigefinger genäht. Die Nadeln gingen durch und steckten fest. Anne wußte nicht, was sie tun sollte ( unser Chef war ein Ar.. mleuchter und wegen seiner Wutanfälle berüchtigt).
    Sie rief die vor ihr arbeitende Moni. „Moni, kannst du mal schauen?“ keine Reaktion. „Moni, schau doch mal, was soll ich tun?“ Auch nach der dritten Bitte von Anne kam dann von Moni nur – ohne sich umzudrehen – ein unwirsches: „Jetzt nicht, in der Pause.“ Mittlerweile hatte dann aber schon eine andere Kollegin gemerkt, dass da was nicht stimmt. Sonst hätte die Arme wohl bis zur Pause da sitzen bleiben müssen.
    Wir waren über die Tatsache, dass Akkordarbeit so weit gehen kann, ziemlich erschrocken.

    Eine andere Geschichte: Eine Kollegin, schwanger, bekam heftige Blutungen. Sie mußte sich in dem Rote-Kreuz-Raum hinlegen und auf den Krankenwagen warten. Da hat unser Chef allen Ernstes verlangt, dass die Sanitäter die Trage mit der Kollegin durch das Fenster (90 cm Fensterbretthöhe) raustragen sollten, damit die Produktion nicht gestört würde.
    Unser Gewerkschaftsvertreter war „von den Socken“, als er das hörte und konnte ob der Dämlichkeit unseres Chefs nur mit dem Kopf schütteln.

    Hallo Schlafmuetze!

    Ich glaube, wir sind Raubtiere im Schafskleid.

    Gruss schlagloch.

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