reise:gestern I

Beim Radfahren an der Drau habe ich diesmal mein aktuelles Notizbüchlein nicht dabei und greife auf ein Notizheft in der Satteltasche vom Fahrrad zurück. Fast auf den Tag genau findet sich in diesem ein Eintrag, der Einzige, welcher acht Jahre zurückliegt. So schnell werde ich in der Zeit zurückversetzt. Die wirkliche Zeitverschiebung besteht darin, dass sich der Eintrag mit der damaligen Befindlichkeit mit einer Notiz zu den Ferienerlebnissen in den Kinder- und Jugendjahren verbindet. Von der Arbeit bin ich mit dem Fahrrad von Arnoldstein kommend beim Sonnenblumenfeld in Warmbad angelangt. Es ist etwa acht Uhr abends und ich mache eine Pause. Mein Empfinden ist nach einem Kuraufenthalt gestört, die Gymnastikübungen für den Rücken haben eine unstabile Phase ausgelöst. Durch das Radfahren hoffe ich das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Mein Fokus ist in die Zukunft gerichtet. Wie werden sich die nächsten Jahre in der Selbstständigkeit, die Letzten vor der Rente, verhalten. Umgekehrt versuche ich durch Rückblicke in das Vorvorgestern Stabilität zu schaffen. Welche Erinnerungen habe ich an die Ferien der Kindertage.

In den sechziger Jahren war in den großen Sommerferien ein Besuch bei der Schwester für mich ein Höhepunkt. In den Sommermonaten arbeitete sie als Serviererin oder als Stubenmädchen zumeist in einem Seehotel am Wörthersee. Bei diesem Sonntagsausflugsziel wurden wir, Geschwister und ich, vom Vater oder von der Mutter begleitet. Keinesfalls von beiden Elternteilen. Es war eine eiserne Regel, dass sich nie beide Elternteile an einem längeren Ausflug beteiligten. Der Grund, man wollte verhindern, dass bei einem Unglück im Straßen- oder Zugsverkehr beiden Elternteilen etwas zustoßen könnte. Damit wäre der Bauernhof verwaist gewesen, ein Notstand für die Versorgung der Haustiere und uns Kindern. Geregelt war auch, dass einer von den älteren Geschwistern am Hof bei einem Elternteil blieb. Einerseits um diesen bei der abendlichen Versorgung der Schweine, Kühe und Hühner zu unterstützen, anderseits bei einem Unglück eine tatkräftige Hilfe am Hof zu sein. Es gab keine größeren gemeinsamen Familienausflüge, die Fürsorge für die Landwirtschaft hatte vor allem anderem Vorrang.

Immer wieder sonntags.

2 Gedanken zu „reise:gestern I

  1. Solche Gründe sind wohl kaum mehr bekannt.

    Ein Cousin meines Vaters, Edmund, hatte einen Bauernhof nebst Sägewerk und Mühle.
    Da war ich zweimal als Kind. Als Ausgleich half man bei der tägl. Arbeit.
    Nun ist der Hof längst verwaist, weil der Sohn früh starb.

  2. Hallo Gerhard!

    Bei manchen Erinnerungen denke ich „zweimal nach“. War dies damals wirklich so, ja es war so!

    Gruss schlagloch.

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