GESCHÄFT:gründung II

Der Schritt das Papiergeschäft zu übernehmen und die Entscheidung zur Selbstständigkeit mit zwanzig Jahren erfolgte sehr spontan. Dabei waren einige Fragen offen, wie meine Kündigung in einer Spittaler Damenschuhfabrik. Eine Woche vor meiner Neuübernahme überraschte ich den Personalchef bei seinem morgendlichen Kontrollgang durch die Fertigungshalle damit, dass ich ihm mitteilte, ich werde am Montag nicht mehr zur Arbeit kommen, da ich am Mittwoch mein eigenes Geschäft eröffne. Der Personalchef wurde ungehalten und bestand von Firmenseite darauf, dass ich eine vierzehntägige Kündigungsfrist einhalten müsste. Für mich, als „Absatzschrauber“, müsste zuerst ein Ersatz gefunden und jemand neu eingeschult werden. Ich arbeitete in der Endfertigung am Montageband in Akkord. Jeder Ausfall eines eingeschulten Arbeiters oder Arbeiterin bedeutete einen Rückgang bei den Produktionszahlen. Allein  dadurch, dass manche Lederteile ungenau zugeschnitten waren, ist es zu Verzögerungen bei der Montage gekommen und hat zu gegenseitigen Schuldzuweisungen geführt, weil jeder sein maximales Pensum erreichen wollte. In den siebziger Jahren wurde jeder Schuh „gebraucht“ und war bereits vorbestellt. Ich hielt an meiner Ankündigung fest.

Etwa zehn Minuten später kam der deutsche Betriebsleiter zu mir und machte mich darauf aufmerksam, dass, sollte ich die Kündigungsfrist nicht einhalten, jeder Schuh, der durch meinen spontanen Abgang weniger produziert wird, von meinem Lohn abgezogen wird.

Als ich vor kurzem diese Episode bei Freunden erzählte, berichtete ein Zuhörer von einer ähnlichen Erfahrung. In einer Fabrik von Fernseh- und Radiogeräten ist es bei der Montage zu ähnlichen Szenen gekommen. Es hat soweit geführt, dass sich die Frauen gegenseitig an den Haaren gezogen haben, wenn eine am Montageband zu langsam war.

Solidarität

 

GLÜCKS:bringer II

Der Jahreswechsel ist auch damit verbunden, dass es in den Zeitungen und im Fernsehen eine Rückschau auf die Ereignisse des vergangenen Jahres gibt. Dabei kann man feststellen, dass, blickt man sechs oder neuen Monate zurück, man von Vielem nichts mehr weis. Wie schnell manches Unglück, Erdbeben, eine politische Wende aus den Schlagzeilen verschwunden ist, weil schon die nächste Katastrophe an die Tür klopft und Einlass begehrt. Dabei werden Dauerzustände, wie Hungersnot, Kinderarbeit, Flüchtlingselend, sowie Bürgerkriege in der dritten Welt nicht mehr wahrgenommen, von unserem Hirn ausgeblendet, weil wir sonst erdrückt würden. Regelmäßig zum Jahreswechsel erinnert man sich in den Medien der prominenten Toten, aus dem kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Leben. Hat es in der Familie einen Todesfall gegeben, so denkt man am Weihnachtsabend und am Silvesterabend derer besonders. Es ist heilsam, zwischen all der Hektik und Betriebsamkeit derer zu Gedenken, weil wir spüren, dass es nur eines kurzen Anstoßes bedarf um hinwegzuscheiden und die Zeit für keinen ewig dauert.

Da ist es nicht weit, wenn man darüber spekuliert, da es auf der Welt verschiedene Zeitzonen gibt und der erste Jänner in Sidney viel früher kommt als in Wien oder in New York wie es bei einem oft vorausgesagten Weltuntergang wäre? Würde dieser zuerst in Sidney beginnen, später dann Österreich erreichen und zu guter letzt Amerika betreffen. Man könnte, wie wir es zu Silvester im Fernsehen erleben mit der  Begrüßung des neuen Jahres, den Weltuntergang von Australien ausgehend live im Fernsehen übertragen. Wir könnten in Europa solange zusehen bis er uns erreicht hat und wir mit einem „Flop“ ausgelöscht würden. Weltuntergang als Unterhaltungsshow mit großem Realitywert bis zur letzten Sekunde.

Zukunftshoffnung.

GLÜCKS:bringer

Rund um den Jahreswechsel gab es eine Fülle, ich sage eine Überfülle, von Angeboten wie man in den letzten Tagen des alten Jahres Zerstreuung findet. Die Tatsache, dass etwas zu Ende geht und etwas Neues beginnt, macht uns Angst. Unzufriedenheit oder Sorgen verschwinden auch durch einen Jahreswechsel nicht, nicht von einem Tag auf den Anderen. Da nützt kein Silvestermenü, kein Sekt und keine Feuerwerksraketen. Wir können damit einen schlechten Zustand für ein paar Stunden ausblenden, der dann umso stärker in unser Bewusstsein zurückkehrt. Was bleibt von den vielen ernsten oder spaßhaften Voraussagen, wobei sich auf diesem Gebiet nicht nur heutige Astrologen zu Wort melden, man greift zurück auf Seher wie Nostradamus oder die Prophezeiungen der Mayas. Dazu kommen sogenannte Trend- und Zukunftsforscher, mit eigenen Instituten, die sich anmaßen,Trends für die nächsten Jahre vorherzusagen. Dabei hat man längst vergessen, was dieser Herr oder diese Frau vor fünf Jahren gesagt hat, niemand fragt mehr danach. Geholfen wird der Gesellschaft durch Zukunftsforscher nicht, weil die neuen Visionen kommen von den kreativen, schöpferischen Menschen, die stehen meistens nicht auf den Showbühnen.

Dazu passt, dass zu Jahresbeginn in den Medien darüber spekuliert wird, was das Neue Jahr bringen wird. Mit Aussagen von Politiker, das manche Krisen gelöst sind, die uns dann umso heftiger ein ganzes Jahr beschäftigen werden und von uns allen finanzielle Opfer verlangen. Wie oft ist vergangenes Jahr, in Zusammenhang mit der Eurokrise das Wort gefallen, wir können alles stabilisieren, wir haben die Lösung?

Bei all den Ankündigungen und Berichten ist es aufgefallen, als ein Regionalsender zu Jahresbeginn die Hörer aufgefordert hat, im Studio anzurufen und zu erzählen, was ihnen im abgelaufenen Jahr Glück gebracht hat. Innerhalb weniger Minuten haben sich über hundert Hörer gemeldet, die von positiven Erlebnissen berichten konnten.

Für mich habe ich den Versuch gemacht, in Stichworten die Jahre aufzuschreiben, von denen ich sagen konnte, die haben mir Glück gebracht. Bald musste ich feststellen, dass die Zahlen bis fünfundzwanzig nicht ausreichten um die guten Jahre zu nummerieren. Da verlieren einige schlechte Jahre schnell an Bedeutung, vielleicht haben sie etwas positives zu den anderen Jahren beigetragen.

Zahlenlotto.

DREI:wochen

Vor drei Jahren habe ich um diese Zeit darüber nachgedacht wie es möglich sein wird bis zur Pension, arbeitsmäßig und gesundheitlich, gut zu leben. Zum Ende meines Arbeitsleben nicht einen Absturz zu erleben. Jetzt stehe ich vor der Tatsache, dass es bis zum Jahreswechsel nur mehr drei Wochen sind. Vieles dreht sich im Kreis und die letzten Tage gewinnen immer mehr an Fahrt. Es ist wie eine Talfahrt vom Wurzenpass, bei einem Gefälle von 12 Prozent, man tritt auf die Bremse, aber der Druck geht in das Leere. Das Auto wird immer schneller und man weiß nicht, ob man die nächste Kurve schaffen wird.

Bei einem technischen Gebrechen gibt es die Gebrauchsanweisung als Hilfe , es wird Punkt für Punkt überprüft. Anhand einer Übergeberliste hacke ich die einzelnen Punkte ab und erstelle neue Listen. Mit jeder Liste gewinne ich  festen Boden unter den Füßen und die Bremsen greifen. Vor einem Jahr war alles weit weg.

Neuschöpfung.