Notizbuch…

… eines Hofnarr.

„Nicht hinter den sieben Bergen, bei den drei Zwergen, sondern vor den sieben Bergen ohne die drei Zwerge lebten die Kerzen im Kerzenland. Keine der Kerzen wurde von einer anderen Kerze mehr geachtet oder verachtet, alle Kerzen lebten einfach miteinander. An einem Morgen sahen die Kerzen, dass eine von ihnen Licht spendete, wie sie es bis dahin nur von der Sonne kannten. Zum ersten Mal wurde eine Kerze von den anderen Kerzen beachtet. Die Kerze war selbst verwundert, da sie nicht wusste wer sie, während sie schlief, entzündet hatte. Aus allen Richtungen des Kerzenlandes strömten die Kerzenschwestern und die -brüder herbei, um die brennende Kerze zu bewundern. Die brennende Kerze fand Gefallen an der Beachtung und bestand darauf, dass sie etwas Außergewöhnliches sei. Sie verlangte von den Schwestern und Brüdern, dass andere ihre Arbeit verrichteten und für ihr Wohl sorgen. Auf die Frage, wer sie entzündet habe, hüllte sie sich in Schweigen, da niemand gesehen hatte, von wem sie das Licht empfangen hatte. Um aber ihre Bevorzugung nicht zu verlieren erfand sie ein Wesen, von dem sie nicht wusste ob es existierte und nannte es OTT. Am nächsten Tag war sie eine auserkorene OTTS und dessen Gesandte. Die Kerzenbrüder mussten für OTT eine Hütte bauen und einen Teil ihrer Ernte dort abliefern. Da die Kerzen keine Erklärung für das Licht hatten, glaubten sie an OTT. Die leuchtende Kerze bestellte andere Kerzen zu OTTS und ihren eigenen Dienern. Einige Kerzen weigerten sich, an OTT, den sie nie gesehen hatten und von dem niemand wusste, wo und ob er wirklich existierte zu glauben und einen Teil ihrer Ernte abzuliefern. Diese wurden von OTTS-Dienern dazu gezwungen. Fortan herrschte im Kerzenland unter den Kerzen Achtung, Missachtung, Beachtung und Verachtung. [1] Seite 98


[1] Seite 98, Franz Supersberger, Beobachtungen eines Hofnarren, Auszug, Die Brücke 2-3, Kärntner Kulturzeitschrift, Frühjahr 1976

Der Hofnarr…

…und ich.

„Ich, der Hofnarr, frage mich, ob ich eigene Gedanken haben darf. Jede Frage führt zu einer anderen Frage, jede Antwort ist eine Frage. Die Selbstverständlichkeit, mit der man fragenden Kindern antwortet, ist eine der fragwürdigsten Handlungen. Auf die wichtigsten Fragen gibt es keine Antworten, die wichtigsten Fragen werden nicht gestellt. Es sind die Nebensächlichkeiten, die das größte Interesse hervorrufen. Ich, der Hofnarr, existiere nur aus unbeantworteten Fragen. Während man die Frage, wer die nächste Wahl gewinnt, monatelang in den Zeitungen und in Gesprächen erörtert und dabei bedenken muss, dass eine Wahl nicht das Geringste verändert, die Veränderungen im Staat nicht eine Folge des Wahlausganges sind, wird die wichtigste Frage, der gegenüber der Frage: Wie wird das Wetter?“ zur Nebensächlichkeit wird, nicht gestellt: „Warum stellt man Fragen?“

Für mich stellt sich die Frage, wann ist eine künstlerische, eine wissenschaftliche Arbeit fertig? Bei philosophischen Überlegungen kommt man zumeist nach mehreren Jahren nicht mehr zum gleichen Ergebnis. Der eine und andere Gedanke kommt dazu und kann das Ergebnis verändern. Es ist wahrscheinlich, dass die Lektüre der letzten Jahre diese Seminararbeit mitbestimmt. Dies meint Hans Jonas, wenn er sagt: „…..so ist es evident, dass dabei das persönliche Erleben, als Einfühlung in den Gegenstand, der selber ja Niederschlag von Erlebnis ist, in das Erkennen von Anfang bis zu Ende, bis in sein Ergebnis unzertrennlich hineingehört und die ganze Auslegung durchdringt“.[1]   „…. Das Persönliche mischt sich ein und damit die Zeit Gebundenheit, (….) Das heißt auch, das eine Sicht niemals das letzte Wort haben kann, wie sie ja auch in der Regel nicht das Erste war.“ [2]


[1]  Seite 8, Hans Jonas, Leben, Wissenschaft, Verantwortung, Ausgewählte Texte; Wissenschaft als persönliches Erlebnis, Verlag Reclam 2004 [2] Seite 9, Hans Jonas, Leben, Wissenschaft, Verantwortung, Ausgewählte Texte; Wissenschaft als persönliches Erlebnis, Verlag Reclam 2004

Offizier vom Tag…

… die Nachtwache.

Während der neunmonatigen Bundesheerzeit leistete die Verpflegung ihren Beitrag zur Verteidigungsbereitschaft. In der Belgierkaserne in Graz, mit etwa 700 Soldaten, funktionierte die Essenausgabe mit militärischer Disziplin. In zweier Reihen wurden wir von der Unterkunft zum Essen abkommandiert. Anfang der siebziger Jahre funktionierte die Essensausgabe genauso wie heute in einem Selbstbedienungsrestaurant. Als Panzerschütze entnahm ich in der Selbstbedienungsmeile das Essgeschirr und Besteck. Weiter ging es von einer Station zur nächsten, einen Schöpfer Suppe, einen Gupf Reis, zwei Fleischlaibchen und darüber einen Schöpfer Fleischsoße. Auf das Tablett kam noch eine kleine Schüssel grüner Salat und ein Kompott. Zurück ging es zum Essplatz, ein Biertisch mit den Bänken. Außer bei der Essenausgabe wurden die Grundwehrdiener in der Küche auch für andere Arbeiten eingesetzt. In der Großraumküche staunte ich über die Riesentöpfe, in die Zucker und Salz Säckeweise geleert wurden. Hilfsdienste beim Kochen leisteten Rekruten mit einer Ausbildung in der Gastronomie, andere Rekruten wurden zum Geschirrabwaschen verpflichtet. Geschirrspüler, welche diese Mengen an Geschirr bewältigen hätten können gab es Anfang der siebziger Jahre in der Belgierkaserne nicht. Wahrscheinlich wurden solche erst in späteren Dezennien erzeugt, auf jeden Fall waren die Rekruten die günstigere Anschaffung / Variante. Die Abwaschbecken hatten die Größe einer Standard Badewanne. Jeder Teller durchlief einen bestimmten Rhythmus. Der erste Abwäscher spülte den Hauptspeisenteller mit einem Wasserschlauch ab, der Nächste wischte in einer Lauge den Teller mit einem Wettex sauber, der dritte Abwäscher tauchte den Teller zum Klarspülen in ein Wasser und reichte es dem Nächsten zum Abtrocknen. Dieser Rhythmus hat sich bei mir eingeprägt, ich brause heute noch den Hauptspeisenteller zuerst mit Wasser ab und stelle ihn erst dann in den Geschirrspüler.

Weiterlesen

Treffpunkt…

… Weikhard Uhr.

Kurz vor Graz informierte mein Zugnachbar die Bekannten, dass er um soundso Uhr in Graz ankommen wird. Sollte er sich verspäten, würde er sie informieren. Mit der Zunahme der Reisegeschwindigkeit hat sich auch die Kommunikation entwickelt. Vor Jahrzehnten war es unmöglich seine Ankunft in Echtzeit bekanntzugeben. Eine Möglichkeit war, eine Woche davor über das Festnetztelefon seinen Besuch, mit der festgelegten Ankunftszeit, anzukündigen. Heute können wir jede Verspätung, sei es, weil man am Bahnhof eine Selchwurst ist, in Echtzeit weitergeben. Diese Echtzeitmitteilungen führen auch zu Problemen, dass fix zugesagte Verpflichtungen abgesagt werden.

Damit zu kämpfen hatte zum Jahresanfang eine Nichte, welche in der Pfarre St. Paul ob Ferndorf mit der Organisation der Sternsinger betraut war. Für den Besuch der Bewohner wurden mehrere Sternsinger Gruppen gebildet, drei Jugendliche als „Die Heiligen Drei Könige“ und ein Erwachsener als Begleiter. So ziehen sie zwischen Neujahr und Heiligen drei König von Haus zu haus. So erfreulich der Einsatz der Jugendlichen sich für die Sternsingeraktion darstellte, es kam zu Schwierigkeiten. Morgens, wenn sich die Teilnehmer beim Pfarrhof trafen klingelte das Handy: Dem einem Jugendlichen war am Morgen übel, ein anderer fuhr lieber mit der Mamma in das Einkaufszentrum, ein anderer möchte mit dem Freund in das Hallenbad gehen. Wie soll es gehen, wenn plötzlich mehrere der Heiligen drei Könige ausfallen? Diese kurzfristigen Absagen hat es vor Jahrzehnten nicht gegeben, wenn die Zusage beim Sternsingen der Jungschar mitzuwirken gegeben wurde, dann war man am Treffpunkt da.

Weiterlesen

Jungfernfahrt…

..Koralmbahn.

Das Wetter meinte es an diesem Tag, Anfang Februar, mit den Reisenden nicht gut, wir fuhren durch eine Nebelsuppe, wenn auch mit hoher Geschwindigkeit. Zeitweise rasten wir durch einen Tunnel, wo die Sicht auch wegbleibt. Wie erlebt wohl der Nachbar den Geschwindigkeitswechsel, der wieder gerade zum Buch, Das Geheimnis der Pyramiden Energie, greift?  Wie passen die Einblicke in die Pyramidenrätsel, die spirituelle Welt der Ägypter mit der Hochgeschwindigkeit zusammen? Jetzt gebe ich mir einen innerlichen Ruck und spreche den Zugsnachbar an: „Wie er die ägyptische Kultur mit dem Hochgeschwindigkeitszug kombiniert, wo ich feststelle, dass es ihm nicht egal ist, mit welcher Geschwindigkeit der Zug gerade fährt.“

Es ist für ihn die Jungfernfahrt auf der Koralmstrecke.  Er habe sich zu Hause gefragt, wie er die in allen Köpfen grassierende Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h erleben wird. Dies ist ihm bei seiner Fahrt zu Bekannten nach Graz das Wichtigste. Auch von ihrer Seite gab es vorab die Aufgabe, ihnen zu berichten wie sich die Höchstgeschwindigkeit anfühlt. Ihm fehlt ein Vergleichsmuster. Er konnte sich nicht ganz so gut ausdrücken, wie ich es mit dem Beispiel beim Autofahren versucht habe. Die Empfindung von Schnell zu Stillstand konnte er mir nachvollziehen. Graz kennt er aus seiner Studentenzeit, beide haben wir darüber gerätselt, seit wann der Jakominiplatz für den privaten Autoverkehr gesperrt ist und nur mehr von den öffentlichen Verkehrsmitteln befahren wird.

Weiterlesen