sicht:weise II

Wenn es um Entscheidungen im Beruf geht, welche Werbemittel man einsetzt um die Fleischerei zu bewerben, wird es existenzieller. Die Großbetriebe treffen keine Bauchentscheidungen, alles wird von Werbe- und Marketingprofis gesteuert und kontrolliert. Sie verfügen über die rechnerische Kompetenz und können verfolgen, wie sich der Umsatz bei den beworbenen Artikeln entwickelt. Anders agieren Kleinbetriebe. Von ihnen wird verlangt, sie sollen die in Bedrängnis gekommenen Dorfzentren durch Gemeinschaftsaktionen beleben. Durch Aktivitäten wie Vollmondshoppen, Wühltische, Wettkämpfe und Verlosungen den Hauptplatz beflügeln. Sie verfügen zumeist über keine Kontrollinstrumente, ob sich der finanzielle Aufwand für das Straßenfest gelohnt hat. Sie sind auf das Bauchgefühl angewiesen und dabei wird es keine einhellige Meinung geben.

Wie sich die Sichtweise bei Menschen in Minutenschnelle verändert erlebte ich beim Besuch der Stadtapotheke. Ich besorgte für eine Nachbarin, vor ihrem Kurantritt, für drei Wochen die Medikamente. In der Apotheke warteten viele auf die Bedienung. Es war gerade so, als wollten sich die Villacher vor der nächsten Grippewelle mit Medikamenten eindecken. Früher einmal hatte man das Kranksein für den Winter aufgehoben, wo in der Landwirtschaft und im Garten weniger Arbeit war. Auch die Handwerker im Baugewerbe versuchten ihre Beschwerden hintanzuhalten, um sie während der Stempelzeit auszukurieren. Ausnahmen waren akute Erkrankungen oder Unfälle.

Beim Warten machte eine ältere Frau aus der Warteschlange drei Schritte vorwärts, um sich an der Budel abzustützen. Sie gibt mir zu verstehen, dass sie sich nicht vorschwindeln möchte, sondern Probleme mit dem Kreislauf hat. Meine Äußerung: “Wir werden alle älter, da kommt es leider zu Beschwerden, vor allem bei kalter Witterung”, kommentierte sie mit einem schmeichelhaften:, “Sie können bei den Altersbeschwerden nicht mitreden, sie sind ja noch ein junge Mann”. Damit veränderte sich meine Sichtweise auf meine Befindlichkeit und auf mein gefühltes Alter.

Erstaunt zeigte sich die Frau, als ich der Apothekerin drei Rezepte reichte und sie mit acht verschiedenen Medikamenten zurückkam. „Ja, auch junge Menschen können schon an verschiedenen Krankheiten leiden“, quittierte sie ihre Überraschung. Auf die Frage der Apothekerin, ob ich eine Tüte brauche, verwies ich auf meinen Stoffbeutel. Dort hatte ich schon einen Laib Brot und zwei Nußschnecken verstaut. Ich ergänzte, die Medikamente gehören zu meinem  täglichen Brot.

Immer öfter.

sicht:weise I

Ich habe mich schon lange davon verabschiedet, dass es zwischen mehreren Personen zur selben Sache eine einhellige Auffassung geben muss. In bestimmten Lebensbereichen ist es unumgänglich, dass man zu einer Meinung kommt. Nicht umsonst werden Gesetze erlassen, sodass wir im Alltagsleben in wesentlichen Sachen, egal ob es um Sicherheit, Steuern, Verkehr und vieles mehr handelt, eine Orientierung haben. Dabei sollte man nicht vergessen, dass sich einzelne Gesetzestexte an Unübersichtlichkeit und Kompliziertheit gegenseitig überbieten. Dadurch will man jede Unsicherheit ausschließen, dabei sind die Gesetzestexte der kürzere Teil der Vorschrift. Viel umfangreicher sind zumeist die Auslegungen in der Praxis, vor allem die Kommentare zu den Gerichtsurteilen.

Die eigene Sichtweise hängt davon ab, auf welcher Seite man steht, welche persönlichen Interessen man hat. An einem alltäglichen Vorkommen illustriert. Im Ortskern reihen sich an einer Bundesstraße Privathäuser, Geschäftshäuser und Gasthäuser, teilweise unterbrochen durch kleine Vorgärten, aneinander. Die Fleischerei will zur Straßenseite eine neue Leuchtreklame montieren. Auf einer Seite wird die Sichtbarkeit der Werbeschrift durch einen immer größer werdenden Eschenbaum beeinträchtigt. Der Metzger ist der Meinung, ein so großer Baum hat im Ortskern nichts zu suchen. Die Äste werden mit den Jahren Schäden an seinem Hausdach verursachen. Es wäre an der Zeit den Baum zu fällen, gleichzeitig könnte sein neues Reklameschild die volle Wirkung entfalten. Dem hält der Bundesbahnbeamte, der Besitzer des kleinen Vorgarten in dem der Baum steht entgegen, entlang der Bundesstraße werden soundso immer mehr Bäume gefällt. Es könnte hilfreich sein, wenn man die störenden Äste entfernt. So stehen sich zwei Interessen und zwei Sichtweisen gegenüber.

Es gibt alltägliche Vorfälle, wie beim Frühstück. Ob das Brot hart oder weich ist, ob zu viel Marmelade auf dem Butterbrot ist oder zu wenig, ob der Kaffee zu süß ist oder angenehm? Jeder sieht es, nach seinem Geschmack, anders.

Geschmacksnerven.

IM:AM

Es gibt Fragen, welche sich auf den ersten Blick beantworten lassen. Es gibt Experimente, welche sich auf den ersten Blick als harmlos herausstellen. Es gibt Gedanken, welche auf den ersten Blick als unwichtig erscheinen. Welche Unterschiede ergeben sich in der Bedeutung, wenn man in einem Satz das Wort IM statt AM oder umgekehrt, wenn man in einem Satz AM statt IM verwendet? Eine kleine Kostprobe.

IM See spazieren gehen oder AM See spazieren gehen. IM Wald wohnen oder AM Wald wohnen. IM Bahnhof warten oder AM Bahnhof warten. IM Anfang war das Wort oder AM Anfang war das Wort.

Bei diesem kleinen Sprachexperiment verändert sich durch den Austausch von nur einem Buchstaben der ganze Inhalt. Im Kloster zu Wiblingen steht  über dem Bibliothekseingang der Satz, Alle Schätze der Weisheit und der Wissenschaft. Dort gibt es Bücher, ein Regal voll, wo darüber ein Disput geführt wird, welcher Art die ursprünglich Version beim Johannesevangelium gewesen ist: IM Anfang war das Wort oder AM Anfang war das Wort. Wobei jeweils die Gegenpartei die andere Partei beschuldigt, dass in den ersten Jahrhunderten des Christentums, die jeweils andere Version falsch übersetzt oder überliefert wurde.

Nicht nur in Wiblingen, auch in anderen Bibliotheken wundert man sich über die Fülle von theologischen Werken, welche sich oftmals mit Fragen beschäftigen wie: Wie viele und welche Tiere waren in der Arche Noah und waren sie dort nach Geschlechtern getrennt untergebracht? Gutgemeint spekulierte man auch darüber, ob unter den Tieren so etwas wie eine Rangordnung  eingehalten wurde? Wie konnte es Noah vermeiden, dass zum Beispiel die Maus nicht von der Katze oder der Frosch nicht von der Schlange gefressen wurde? Mit solchen konkreten Fragen beschäftigten sich Weise und füllten damit die Buchbestände der Bibliotheken.

Wir sollten uns Gott, neben allen ehrwürdigen und weisen Eigenschaften, auch als einen Gott mit Humor vorstellen, der sich für seinen Alltag  etwas Abwechslung wünschte. Was lag dabei näher als ein Ebenbild zu schaffen, versehen mit kleinen Fehlern, den Menschen. Wie sollte man sonst die Ewigkeit ertragen?

FASCHING

bruder:sonne

Zum Jahresanfang wird für das kommende Jahr viel geplant und man hofft, dass ein bestimmtes Vorhaben so und so verlaufen wird. Je nachdem wie religiös der Einzelne ist, welche Beziehung er zum Schöpfer hat, wünscht er sich dessen Unterstützung. Für verschiedene Anliegen und Vorhaben gibt es in allen Religionen Schutzgöttinnen und Schutzheilige. Einerlei ob jemand eine Reise unternimmt, auf eine reiche Ernte hofft oder um einen Nachwuchs bittet. Genauso haben die verschiedenen Berufe, wie Schneider, die Zimmerleute, die Bergleute, die Matrosen ihre  bestimmten Schutzheilige. Der Hl. Franz von Assisi ist der Schutzheilige der Tiere.

Mir wurde vor einem Jahr eine mehrwöchige Kur bewilligt. Ich hoffte meine Therapie im Frühjahr oder im Sommer antreten zu können. Vom Kurhaus erhielt ich die Mitteilung, dass ein Therapieplatz erst ab Mitte Oktober frei sein wird. Der Oktobertermin war fix. Es gab die Möglichkeit mich auf die Warteliste zu setzen, um dann kurzfristig einen Kurtermin zu bekommen. Die Monate verstrichen und es gab keinen Rückruf. Als der Frühling vorbei war hoffte ich auf den Sommer. Ich haderte innerlich, doch das Kurheim meldete sich nicht. Im Juli erkrankte unsere Hauskatze Undine und nach einer schweren Operation bedurfte sie meiner Pflege. Zu den Nachbehandlungen musste ich mit ihr in die Tierarztpraxis fahren. Während dieser Wochen hoffte ich, dass vom Therapiezentrum kein Telefonanruf kommt. Ich betete zum hl. Franziskus, dass Undine zunimmt und gesund wird. Gleich nach der Operation verweigerte sie das Fressen und magerte zusätzlich ab, es war  eine dramatische Situation. Eines Tages kam die Kehrtwende, sie begann mit immer größeren Appetit zum Fressen, .

Ärgerte ich mich danach darüber, dass ich erst Ende Oktober zur Kur fahren kann, bei voraussichtlichem tieferen Temperaturen, so dachte ich an  Undine. Was wäre aus ihr geworden, wäre ich in den Wochen ihrer Rekonvaleszenz auf Kur gewesen? Heute bin ich dem hl. Franziskus dafür dankbar, dass sie durch die Wohnung düst. Kommen wir nach Hause verlangt sie ungeduldig nach dem Fressen. Manches, was wir zuerst bemängeln, hat oftmals im nachhinein betrachtet seinen Sinn. Während der Kur, Ende Oktober bis Mitte November im vergangenen Jahr war durchgehend warmes und schönes Wetter.

Sonnengebet

energie:ferien

Die Kärntner setzen ihre Hoffnungen auf Schnee, nach den grünen Weihnachten und dem frühlingshaften Jänner, in den Februar. Bald beginnen die Energieferien und viele Kinder möchten gerne Schi fahren oder Eis laufen. Der heutige Tourismus ist nicht energiesparend, die Bezeichnung Energieferien wurde vor dreißig Jahren eingeführt und ist irreführend. In Mittelkärnten gibt es für eine durchgehende Schneedecke oft zu wenig Schnee, dies schmälert auch die Umsätze bei den Skiliften. Nur die höher gelegenen Wintersportzentren sind ausgelastet. Man kann sagen, dass es auf Grund der Witterungsverhältnisse in diesem Schuljahr dreimal Osterferien geben wird oder werden es weiße Ostern? Überall sieht man die Kinder beim Radfahren und Ballspielen.

Die Sportartikelhändler, die Kleider- und Schuhhändler, versuchen mit reduzierten Preisen die Winterware zu verkaufen. Im Lager stapelt sich die Frühjahrsware, nicht die Jahreszeiten oder das Wetter bestimmen unseren Jahresablauf, sondern die neue Kollektion der Schuh- und Kleiderindustrie. Von der Ware in den Schaufenstern der Schuh- und Textilgeschäften wird  unser Lebensrhythmus beeinflusst.

Zwei Paar Schuhe