SCHWEINER:ei

kunsthutAuf dem Weg zu einem Grillfest in Gögglingen bei Ulm lege ich eine Pause ein, und setze mich auf den Betonsockel einer Garteneinzäunung. Hinter mir befindet sich ein Bauernhaus, links davon steht der Heustadel mit den landwirtschaftlichen Geräten und rechts davon, dem Geruch nach, der Schweinestall. Der Zaun umschließt einen kleinen Hausgarten, mit einem Ausgang aus dem Haus. Meine Anwesenheit auf der Gartenmauer befremdet die Bauersleute, sie beginnen den Geräuschen nach im unbewirtschafteten Garten mit allen möglichen Tätigkeiten. Einmal wird ein Teppich ausgeklopft, ein Wasser ausgeleert und oftmals die Tür geöffnet. Ich drehe mich trotz des regen Treibens hinter mir nicht um. Ein selbstgefalteter Hut, aus den Blättern der „Kunstzeitung“, schützt meinen Kopf vor der Mittagsonne. Ich denke an den Duft der Grillwürstchen und Kotelett, derweil der Geruch vom Schweinestall in meine Nase strömt. Beim Essen wird unser Leben, von der Wiege bis zur Bahre, bestimmt vom Schwein.

Wie wir die Schweine in großen Mastbetrieben behandeln, ist schweinisch. Schweine in einer kleinen Zucht führen ein schweinisch gutes Leben, bis zu dem Tag, da sie geschlachtet werden. Jedes von uns Kindern hatte am Bauernhof sein Lieblingsschwein, für das man einen extra Leckerbissen in der Futterküche besorgt hat. Die Freuden eines Schweineleben, das ausgiebige Fressen, haben ein Ziel, das es mit dem Schwein ein baldiges Ende nimmt, um als Grillwürstchen und Kotelett einen guten Duft zu verbreiten.

Im Alltag gibt es für Verfehlungen eine kurze und klare Ansage, du bist ein Schwein. Die jetzige Wirtschaftskrise wurde von einigen Profitschweinen ausgelöst. Wir Verbraucher sind arme Schweine. Die ganz Armen, denen es beim täglichen Essen auch am Schweinefleisch mangelt, waren die ersten Opfer der Schweinegrippe.

Eine Dorfbewohnerin richtet einen argwöhnischen Blick auf meine Kopfbedeckung und macht einen Bogen um meine Person. Die Mittagsglocken läuten meinen letzten Kilometer ein.

Schweinskotelett.

URLAUB:reif

Ein regelmäßiger Urlaub war früher bei den Bergbauern oder bei den kleinen Handels- und Gewerbetreibenden nicht möglich. Wird man älter, denkt man öfter an Urlaub. Man braucht die körperliche Erholung und stellt sich die Frage, wie lange es körperlich möglich sein wird, auf Urlaub zu fahren. Auch im Alter hat man Pläne und Projekte, die man noch verwirklichen möchte. Man sieht im Urlaub eine vergeudete Zeit, in der man eines der Projekte verwirklichen kann. Solange man es noch selbst bestimmen kann, was soll Vorrang haben, der Urlaub oder die Arbeit. In diesem Zwiespalt kann man den Urlaub nicht genießen. Man beginnt die Urlaubszeit, und die Arbeitszeit mit Aufgaben zu überladen. Es ist wie bei einem Pferdefuhrwerk, man will in kurzer Zeit viel bewegen und mutet dem Pferd zu viel zu. Das Pferd streikt. Bei uns ist es der eigene Körper, dem man zuviel zumutet und der dann streikt.

 

Was kann das Ziel von einem Urlaub sein? Ein Ziel kann sein, dass man von den Sorgen um die Zukunft Abstand gewinnt. Man bekommt Freiheiten angeboten, die lange Leine. Sie wird gekürzt, wenn man sie ausnützen will.

 

Leinen los.        

 

VER:antwortung

Der Kreis für unsere Verantwortung wird immer größer. Es genügt nicht, dass wir die Verantwortung für die Familie, einen Betrieb oder die Gemeinde tragen. Heute wird verlangt, dass jeder Verantwortung für die ganze Welt übernimmt. Wie nehmen wir die Welt wahr?, besteht die Wahrnehmung der Welt aus der Zeitung, aus dem Fernsehen, neu dazugekommen ist das Internet. Auf Reisen nehmen wir entferntere Teile der Welt wahr, diese  werden jetzt durch  Reiseberichte oder Google Erath ersetzt. Der Drang zum Verreisen kann zur Sucht werden, ein Ablenkungsmanöver, weil man sich nicht wahrnehmen will, ein verreisen vor sich selbst. Je mehr wir an Informationen aufnehmen, umso unsicherer werden wir in unserer Urteilsbildung.

 

Früher genügte zur Urteilsbildung, dass man die unmittelbare Umgebung aufmerksam wahrgenommen hat. Heute glaubt man, dass zur Urteilsbildung die ganze Welt einfließen muss, trotzdem ist alles Stückwerk.

 

Die Tastatur.

BLÄTTER:rauschen

Zu den Annehmlichkeiten eines Kuraufenthaltes gehört die Zeit zwischen den Kuranwendungen. Die Therapien sind nicht immer angenehm, in vielen Fällen sind sie anstrengend. Die Zeit zwischen den Anwendungen kann man sich mit dem Lesen von Tageszeitungen vertreiben. Die Kurorte im Gasteinertal verfügen über einen Lesesaal, wo eine Reihe von deutschsprachigen Tageszeitungen angeboten werden. Hier liegen Schundzeitungen und Schwundzeitungen nebeneinander, es ist eine geistige Dialysestation. Im Lesesaal rauscht es, wie das Laub im Herbst. Dazu kommt das Rauschen der Entlüftung, gleich der am WC. Manche verbinden das Lesen einer Tageszeitung mit dem Trinken von einer Tasse Kaffee. Der Lesesaal verhält sich zu einem Café wie ein Klinikspeisesaal zu einem Gourmetrestaurant. Vor dem Fenster spielt eine hochgewachsene Dame auf einer Flöte. In der Zeitung habe ich vom digitalen Buch gelesen, vom Rascheln beim Seiten umblättern zum geräuschlosen digitalen Umblättern. Oft finden sich in verschiedenen Zeitungen dieselben Nachrichten, wessen Meinung zählt? Plötzlich ist man eingenickt.

 

Vom Lesesaal zum Schlafsaal.