ORTS.wechsel

Wir sind mit Bekannten unterwegs und besuchen mit ihnen den Ort Cividale, in der Ebene von Friaul, mit den Kultstätten der Langobarden und der gewagten Teufelsbrücke über die Natisone Schlucht. Von dem Stadtpanorama bin ich jedesmal gefesselt. Wir spazieren über die Piazza,  dabei erezählen sie von den Schwierigkeiten, welche die Schwester verursacht und von den Wünschen der Enkelkinder. Kein Wort zu dem herrlichen Ambiente. Sie blicken erst auf, als sie darauf aufmerksam gemacht werden. 

Es gibt Bekannte, die verbringen die Tage ihrer Pension damit, dass sie ständig verreisen. Sie sind kaum länger als eine Woche in ihrer angestammten Wohnung. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes das Reisefieber. Für mich ist es unvorstellbar ständig unterwegs zu sein, jeden Tag in einer anderen Umgebung zu verbringen. Die immer neuen Eindrücke würden mich erschlagen, ich würde es nicht schaffen meine Eindrücke in den Notizheften aufzuschreiben, sie mental zu verarbeiten. Ein Ausspannen wäre für mich dabei unmöglich, ich hätte das Gefühl an Ort und Stelle etwas zu versäumen, mein Kopf würde von so vielen Informationen zugemüllt werden. Um ihn zu entlasten ist es für mich entspannend, wenn ich die gleichen Urlaubsorte wähle. Viele glauben, dass wenn man viele Orte bereist hat, viel gesehen hat. Dabei ist man vor sich selbst ständig auf der Flucht. Ich leide darunter, dass es mir bis jetzt nicht möglich war, mich mit meinen Aufzeichnungen von der Sommerakademie 2008 in Kremsmünster zu beschäftigen und schon steht die nächste Sommerakademie vor der Tür. 

Ortsbestimmung.

MEHR:meer

Von uns Menschen sagt man, wir kommen und gehen. Das nächstliegende ist das Kommen und Gehen in einem Haus, auf dem Postamt, in der Schule, in einem Café, am Bahnhof oder in einem Geschäft. Die vielen Möglichkeiten deuten auf das unstete Leben des Menschen hin. Manches mal ist damit auch das Kommen und Gehen der Menschen auf Erden, das Geboren werden und das Sterben gemeint. Sitze ich an der Küste bei Selce und blicke auf das Meer ist es so, als würde das Wasser am Strand kommen und gehen. Um mich gelbe und violette Blumen, ein Streifen roten Mohn. Schmetterlinge gleiten durch die Luft, das Summen der Fliegen und der Hummeln, seit einer Stunde kein einziges Boot. Ich fühle mich wie als Kind auf der Wiese in Politzen. Gegenüber der graue Felsen der Insel Krk. Die Stadt Vrbnik klebt wie ein Vogelnest am Felsen, von der Sonne werden die roten Ziegeldächer angestrahlt. Das Wasser wird nicht müde zu Kommen und zu Gehen, da werde ich beim Beobachten früher müde.

Endlos.

VERVÜCKT:heit

Wir, die wir uns normal benehmen, stecken voller Verrücktheiten. Der Fortschritt, unser tägliches Leben wäre ohne die verrückten Ideen verschiedener Menschen nicht möglich. Denken wir an unsere Fortbewegung, das Auto, die Eisenbahn oder das Flugzeug. Es ist eine Verrücktheit das wir, die wir von Natur aus mit zwei Füßen ausgestattet sind und uns seit Millionen von Jahren mit einer Geschwindigkeit von vier Kilometer in der Stunde bewegen, uns in ein Auto setzten und damit die dreißigfache Geschwindigkeit erreichen. Dafür geben wir oft bis zu dreißig Prozent von unserem Gehalt aus, um unser Leben einer ständigen Gefahr auszusetzen. Dazu kommen die Probleme mit der Lärm- und Abgasbelastung, die unsere Umwelt gefährdet.

Die größere Verrücktheit ist das Verreisen mit dem Flugzeug. Vieles, dass wir bequem aus Reiseerzählungen, von TV-Reportagen oder Diashow kennen, wollen wir durch eine Fernreise selbst erkunden. Würden in einem Geschäft von uns für einen Einkauf die Personaldaten erhoben werden, woher wir kommen und den Grund des Einkaufes, so würden wir ein anderes Geschäft ansteuern. Müssten wir beim Betreten des Geschäftes einen Ausweis vorweisen, ein Foto und einen Fingerabdruck hinterlassen, würden wir schnellstens umkehren. Anders verhalten wir uns bei einer Reise mit dem Flugzeug. Wir nehmen eine lange Wartezeit für die Abfertigung im Schalterraum in Kauf, Auskünfte, Gebäcks- und Leibeskontrollen. Alles freiwillig und zu eigenen Sicherheit, die versprochen wird, aber die es nicht gibt. Weil irgendwann jemand wieder so verrückt sein wird und versuchen wird, ein Flugzeug in die Luft zu sprengen. Die Beschwerden und die Anpassungsschwierigkeiten die das Fliegen hervorruft, nimmt man gerne in Kauf. Bei ähnlichen Gefährdungen am Arbeitsplatz würde man das Arbeitsinspektorat einschalten.

Tiefflug.

ZUG:reise

Lese ich während einer Bahnfahrt in der Zeitung von schrecklichen Schicksalen, dann  lasse ich von der Zeitung ab. Ich unterhalte  mich mit den Reisenden, dabei kommt man zum Thema Verreisen und  Fliegen. Da komme ich mit meiner Bodenständigkeit und meiner Vorliebe für das Zugfahren nur am Rande vor. Ich schaue auf die kleinen Dinge, die sich im Zugabteil abspielen. Gerade gibt es im Bahnhof Chiemsee vom Zugbegleiter eine Durchsage, dass die Reisenden nach München den Regionalzug benützen sollen, da der EC-Zug restlos überfüllt ist. Am Eingang zum Zugabteil sitzen manche am Boden, überall stapelt sich das Reisegepäck und ein Kinderwagen muss auch noch Platz haben. Wie sich die Reisenden im übervollen Zug verhalten ist ganz unterschiedlich. Die einen schlafen, verschlafen sozusagen die Überfüllung, ihnen bringt man am meisten Respekt und Zurückhaltung entgegen. Andere packen den Laptop aus und brechen zu einer virtuellen Reise auf oder haben die Kopfhörer vom IPod im Ohr. Manche drängen sich durch die stehenden Leute, auf der Suche nach dem Rest der Familie. Kinder spielen am Boden ein Würfelspiel und die Würfel rollen immer wieder unter die Sitze. Ein dunkelhäutiges Mädchen „läuft“ mit dem Zug mit, sie läuft im Abteil am Stand und ist der Meinung, dass wenn sie zum Laufen aufhört, der Zug zum Stillstand kommt. Am Kopf fängt sie an zu schwitzen, dann gibt sie auf und verlangt ihre Haribogummis. Der grau melierte Herr im hellen Anzug vertieft sich in ein Piper Taschenbuch. Die ständig vorbeidrängenden Passanten zwingen ihn zum Aufgeben und er legt das TB zur Seite, verschränkt seine Arme und schaut dem Treiben zu. Ein Mädel und ein Bub haben auf dem Schoß eine Obststeige, die sie zu einem Transportbehälter für zwei Zwerghasen umfunktioniert haben. Die vielen verschiedenen Handyklingeltöne ergeben ein eigenwilliges Konzert. Inmitten dieser Unrast sitzen zwei Ehepaare und haben ein Sechsertragerl Löwenbräu auf der Ablage stehen, lesen und kommentieren gemeinsam die Bild Zeitung. Andere schauen argwöhnisch, wenn sich neben sie jemand hinsetzt.

Nerven sparen, Bahn fahren.