Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

mundl:I

In einem Alt Wiener Caféhaus sehe ich auf einem Plakat die Ankündigung für ein Theaterstück, Orgien im Gemeindebau.  Dies dürfte ein Volksstück, ein Schwank sein? Als Nichtwiener denke ich an die Fernsehserie, Ein echter Wiener geht nicht unter. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre waren die Folgen mit dem Mundl als Hauptdarsteller ein Aufreger, inzwischen hat die TV-Serie Kultstatus erlangt. Bei der Erstausstrahlung habe ich mich über die deftigen Ausdrücke schon ein wenig gewundert. Ob dies daherkam, dass wir in Kärnten zur Provinz zählten und für uns die Wiener die Gscherten oder Goscherten waren? So hat man sich gegenseitig mit Kosenamen verwöhnt. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden die Highlights der Serie öfters wiederholt. Die Folge, Jahreswende, gehört zu den Fixpunkten im österreichischen Silvesterprogramm.

Wie es damals der Fall war wurden die Männer, um den Hausfrauen in der Küche nicht im Wege zu stehen, am Silvestertag zum Friseur oder in ein Gemischtwarengeschäft geschickt. Zumeist gab es eine kleine Besorgung zu erledigen. So konnten die Frauen ungestört mit den Vorbereitungen für das Festessen beginnen. Dies war auch in den Landgemeinden üblich. Während des Vormittags waren in der Stadt und auch im Dorf vor allem Männer unterwegs. Im Friseursalon wurde den Herrn ein Glas Sekt oder ein Schnaps angeboten, es gab einen Grund zu feiern, Jahreswechsel. Auf offener Straße begegnete man seinen besten Freund und ging gemeinsam in eines der Gasthäuser oder zu einer Silvesterpunschhütte und stieß auf das neue Jahr an. Derweil bereitete die gute Seele von einer Ehefrau das Silvestermenü vor. Am späten Nachmittag meldete sich bei den meisten Ehemännern das schlechte Gewissen und mit einer Packung Leuchtraketen steuerte man, leicht schwankend, das Zuhause an. Angeheitert trafen sie in der Wohnung ein und ernteten einen strafenden Blick der Ehefrau. Es erschien nicht nur der Christbaum in einem schiefen Licht, auch der Haussegen geriet in Schieflage.

Bei der Fernsehserie kommt Herr Sackbauer, Mundl, am späten Nachmittag vom Friseur nach Hause, wo schon die ersten geladenen Gäste eintrudeln. Frau Sackbauer weiß nicht was sie zuerst tun soll, sich um den angeheiterten Ehemann kümmern, die Gäste begrüßen oder in der Küche weiter das Menü zubereiten. Zudem gibt es Turbulenzen bei den Kindern und Schwiegerkindern. Dramatisch wird es, als Mundl kurz vor Mitternacht seine Feuerwerkskörper vom Balkon aus abschießt. Diese zertrümmern die Fensterscheibe der gegenüberliegenden Wohnung und explodieren dort im Wohnzimmer. Polizei, Feuerwehr und Seitensprünge, bis das Geläute der Pummerin alle versöhnt.

Goldregen.

speck:seiten II

Das Aufschneiden des Speckes gehört seit meinen Kindheitstagen zum täglichen Ritus. Heute noch wird von mir der Speck händisch, mit einem scharfen Messer, in feine Scheiben geschnitten. Nie würde ich dafür eine elektrische Schneidmaschine benützen. Die Lust am Schnippseln fördert die Essenslust eines gschmackigen Speckes. Der selbstgemachte Speck war auf dem Bauernhof ein fester Bestandteil der täglichen Jause. Bis der Speck am Bauernhof  auf den Teller, auf das Jausnbrettl kam, habe ich als Jugendlicher meinen Teil beigetragen. Nach dem Schlachten eines Schweines, dies geschah nach dem ersten Kälteeinbruch, wurden Teile vom Schwein zum Speckselchen vorbereitet. Die Speckseiten wurden mit einem Gemisch aus Gewürzen und Salz eingepökelt und in dieser Surr mehrere Wochen gelagert.

Am Dachboden des Bauernhauses befand sich eine aus Ziegeln errichtete Selch, deren Abzug an den Hauskamin angeschlossen war. Die Speckseiten und die Hauswürstel wurden in der Selch aufgehängt und die Selch stundenweise eingeheizt. An den Wochenenden überwachte ich das Feuer und gab dabei Obacht, dass sich das herabtropfende Fett nicht am Feuer entzündete. Auf die  Buchenscheite wurden zwei bis drei Kranewittzweige gelegt, das Feuer köchelte in der Selch vor sich hin. Diese Sonntagnachmittage liebte ich, beim Hüten des Feuers konnte ich in Ruhe die Wochenendausgabe der Volkszeitung lesen und vor mich hinträumen. Von Mittag bis zum Einbruch der Dunkelheit. Am Sonntagnachmittag ruhte die schwere Arbeit am Bauernhof und im Dorf. Gab es Mitte Dezember bereits Schnee, herrschte rundum eine zauberhafte Stille. Der Dachboden war nicht beheizt, aber die Selch versprühte ein wenig Wärme. Das Selchen war eine bäuerliche Einstimmung auf das Weihnachtsfest. Ein paar Kränze der Hauswürstel wurden nur vorgeselcht, als grüne Hauswürstl waren sie erst nach dem Erhitzen genießbar. Sie bildeten mit Sauerkraut serviert die Hauptspeise am Heiligen Abend.

Schlittenfahrt

speck:seiten I

Die bäuerlichen Direktvermarkter gerieten im letzten Jahrzehnt in den Verruf, dass ihr Angebot nicht gesundheitskonform ist, dass viele Produkte zu fett und kalorienreich sind. Versteckte Fette in den Lebensmitteln sind ein rotes Tuch. Die meisten Speisen würden uns ohne Fettgehalt nicht schmecken oder sind wir seit Kindheitstagen darauf trainiert? Ähnliches sagt man vom Zucker, vieles was wir zu uns nehmen enthält zu viel Zucker. Einstmals war es üblich den Kleinkindern ein  Stück Schokolade oder einen Lutscher in den Mund zu schieben und sie waren beruhigt. Heute wenden sich die meisten Eltern mit Grauen ab wenn man fragt, ob man dem Nachwuchs ein Stück Schokolade geben darf.

Um das Image von fetten und deftigen Lebensmittel zu verlieren schließen sich immer mehr Bauern unter der Dachmarke Biobauern zusammen. Dazu gibt es eigene Biobauernmärkte und Biobauernerntedankfeste. Wer sonst liefert uns natürliche Produkte, außer die klein strukturierten Landwirtschaften? Die Lebensmittelindustrie macht damit Werbung, dass ihr Gemüse frisch nach der Ernte verarbeitet wird. In der freien Natur wächst es unter kilometerlangen Folientunnel heran.

Südtirol, eine Region die auf derselben geografischen Höhe wie Kärnten liegt und durch das mediterrane  Klima eine von gottgesegnete Gegend bildet. Bei einem Besuch im Spätherbst waren im Norden die Bäume übervoll von leuchtenden roten und gelben Äpfeln. Weiter südlicher, die Reben behangen mit weißen und blauen Weintrauben. Die Südtiroler produzieren auch den unverwechselbaren Südtiroler Speck. In Südtirol ist  alles zweisprachig, Speck Alto Adige. Beim Erwerb von einem Stück Speck gab es dazu eine Broschüre über die Herstellung und den richtigen Genuss des Speckes. Erwähnenswert ist, dass der Speck fünf Monate reift, wechselnd zwischen geräuchert und luftgetrocknet. Es wird auch beschrieben wie man den Speck richtig aufschneidet, ihn am besten genießt. Die Feinschmeckerkultur betrifft nicht nur den Verzehr von Wein und Käse, bei diesen Produkten kennen wir dies schon länger, jetzt erfasst die Sommelierleidenschaft auch den profanen Speck. Inzwischen ist ein würziger Speck ein Genussmittel, auf gleicher Augenhöhe mit dem Prosciutto.

Schneidbrettl

fest:essen II

Zu Weihnachten kann das Schicksal einem robusten Jugendlichen die Freude am Festessens vergällen. Am Bergbauernhof, wo die Delikatessen keinesfalls reichlich gesät sind. Einige Wochen vor dem Weihnachtsfest verursachte mein Bruder einen Verkehrsunfall und wurde dabei unbestimmten Grades verletzt. In den siebziger Jahren waren die Ärzte mit der Diagnose unbestimmten Grades verletzt, schnell bei der Hand. Man diagnostizierte bei ihm eine schwere Gehirnerschütterung und setzte in einem abgedunkelten Zimmer auf Bettruhe. Bei einem Besuch im Krankenhaus, in der Mittagszeit, zeigte er sich mir gegenüber ganz erschrocken. Er erzählte, dass der Pfarrer bei ihm war und ihm die Letzte Ölung verabreicht hätte. Bedeutet dies, dass sein Zustand sehr kritisch sei und er sterben müsste? Ich war selbst verunsichert, beruhigte ihn aber und meinte, dies war wohl ein Routinebesuch des Geistlichen. Er klagte darüber, dass er vieles doppelt sieht, der zugezogene Augenarzt stellte einen Kieferbruch fest. Eine Woche lang wurde dies von den behandelten Ärzten übersehen.

Einen Tag später wurde er auf die Kieferstation nach Klagenfurt verlegt, wo das gebrochene Kiefer chirurgisch versorgt wurde. Mit vielen Schrauben und Drähten im Mund fixiert. Ein paar Tage vor Weihnachten konnte er das Spittal verlassen, aber die nächsten drei Wochen nichts Festes essen. So saß er am Weihnachtsabend und zu den Feiertagen am Esstisch und hat mit traurigem Blick auf die weihnachtlichen Köstlichkeiten geschaut. Er durfte nur Flüssiges und Breiartiges zu sich nehmen. Die einzige Freude die wir ihm bereiten konnten war, dass wir ihm die verschiedensten Sorten von Säften auf den Tisch stellten. So hatte er diesbezüglich viel Abwechslung. Woraus seine breiartige Nahrung, darunter Suppen, genau beschaffen war, kann ich mich im Detail nicht mehr erinnern.

Wie schrecklich müssen jene leiden, die hungern. Wir dürfen in unserem Bemühen, alle Menschen satt zu machen, nicht lockerlassen.

Kletzenbrot