Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

sinn:voll I

Was macht das Leben sinnvoll?  Wodurch erscheint einem sein Leben als sinnvoll und war mein Leben angemessen? Die Menschen der Generation 60+ stellen sich die Frage, ist es zu spät etwas Sinnvolles zu tun, zahlt sich die Mühe noch aus? Mit solchen und ähnlichen Gedanken werden wir in fortgeschrittenen Jahren konfrontiert. Ein Urteil, ob das Leben einer Freundin oder eines Freundes sinnvoll war, lässt sich nicht abgeben. Urteilen kann man nur über sein eigenes Leben, über verschiedene Einschnitte spekulieren. Ähnlichkeiten gibt es ab einem gewissen Alter bei gesundheitlichen Belangen, diese betreffen zumeist dieselben Beschwerden. Werfen wir einen Blick auf die Abnützungen des Knie- oder Hüftgelenkes, ein verbreitetes Leiden der Generation sechzig+. Bei Landfrauen sind die Kniegelenke durch die Arbeit im Garten oder in der Landwirtschaft stark abgenützt. Dazu gibt es typische Handwerksberufe, Fliesenleger und Tischler, welche in den späten Jahren unter Abnützungen des Knies leiden. Mit der körperlichen Statur, zumeist ist man etwas übergewichtig, kommt eine weitere Belastung dazu. Ich habe beobachtet, dass Ärztinnen oder Ärzte, welche selbst ein wenig füllig sind, im Übergewicht keine weitere Belastung sehen.

So stellt sich die Frage, ist es sinnvoll ein Kniegelenk durch ein Kunstgelenk zu ersetzen, welche Möglichkeiten der Rehabilitation gibt es? Stehen noch die letzten Arbeitsjahre bevor, welche kontinuierlich verlängert werden, so gibt es darüber keine Diskussion.

Praktiker

sehn:sucht II

An der Küste von Istrien fallen die Berge aus unterschiedlichen Höhen steil zum Meer ab. Die neuerbauten Autobahnen durchschneiden das Gestein und sind wie eine Felsrinne im freien Fall. Das Ucka Gebirge schützt die Kvarner Bucht vor den Wettereinflüssen aus dem Hinterland und driftet schroff zum Ufer ab. Aus dem Strand ragen größere und kleinere Felsformationen. Die Fundamente für die Häuser und Hotels mussten aus dem Felsen freigesprengt werden. Von Südkärnten kommt man hier nach einer kurzen Autofahrt an und wird mit einem bizarren Gewirr aus kleinen Buchten, gegenüberliegenden Inseln, meist kahl und unbewohnt, belohnt. Verblüffend ist der Blick, die Küste Istriens entlang, auf das Adriatische Meer. Der Horizont, wo sich die Wasseroberfläche zu wölben beginnt, ist mit freiem Auge gut zu erkennen. Kreuzfahrtschiffe, welche im Hafen von Amsterdam oder Genua wie überdimensionierte Wohnanlagen wirken, sehen von Opatija aus den Modellschiffen ähnlich. Sie bewegen sich am Rand der Wasseroberfläche als würden sie auf Schienen fahren, um ein Abstürzen zu verhindern. Frachtschiffe, welche aus dem Hafen von Rijeka auslaufen treiben immer weiter dem offenen Meer zu, sie werden immer kleiner. Zu guter Letzt ragt nur mehr der Schornstein über die Wasseroberfläche, bis auch dieser untergeht.

Die Wellen am Fuße des Lungomare schlagen im Herzrhythmus an das Felsgestein, schon lange bevor diese, über zehn Kilometer lange Promenade angelegt wurde. Der Himmel über der Bucht präsentiert sein schönstes Blau, ein wenig intensiver als das Himmelblau über dem Villacherbecken. Auf einer, einen halben Kilometer langen Baustelle am Lungomare, wird am Vormittag vom 24. Dezember noch fleißig gearbeitet. Das Areal wird mit fünf aufeinanderfolgenden Kränen abgedeckt, es stehen die ersten Kellermauern. Wird hier eine Hotelanlage errichtet?  Aus den Grundmauern ist dies noch nicht ersichtlich. Mit Hilfe von Google findet man bereits die offizielle Webseite der neuen Hotelanlage, ein Familienressort. Versehen mit einem Animationsbild  können  hier schon Buchungen  für einen Aufenthalt ab Juni durchgeführt werden. Die ersten Urlauber werden hier in sechs Monaten einziehen. Im Süden gibt es auf den Baustellen keine wetter bedingte Winterpause.

Tagebuch…

sehn:sucht I

Von den abendländischen Ungläubigen, die den Verlockungen der Werbung nachhecheln, droht das Weihnachtsfest ausgehöhlt zu werden, es ist aber auch vom islamistischen Terror bedroht. Die weihnachtlichen Sendungen wurden mit einem Untertitel, dass sie am 16. Dezember  aufgenommen wurden, gesendet. Produziert vor dem Terroranschlag am Berliner Weihnachtsmarkt.  Alle Aussagen der Zuweihnachtenmüssenwiretwassagenpolitikerreden  zur Befindlichkeit Deutschlands, bezogen sich auf die Zeit vor dem Anschlag. Dabei dreht sich derzeit die Diskussion um die bereits Radikalisierten. Welche Haltung werden jene einnehmen, deren Asylanträge in den nächsten Jahren abgelehnt werden, die keine Arbeit finden und keine Unterstützung mehr bekommen. Welches Echo finden die Fürbitten in der heiligen Messe, für die Flüchtlinge, die Regierenden, wobei doch nur geholfen werden kann, wenn wir helfen. Inzwischen wird man auf der anderen Seite vom Uka Gebirge und von den Karawanken jammern, dass auch dieses Jahr zu Weihnachten kein Schnee liegt. In Opatija sind wir über den Sonnenschein und über Temperaturen um die fünfzehn Grad plus froh. Wo die Weihnachtsstimmung bleibt? An Weihnachtsdekoration gibt es keinen Mangel, auf den Straßenlaternen sind Sterne, Lichterbäume und Kugeln angebracht. Über die Fahrbahn sind Lichterketten gespannt. In einigen Schaufenstern der Cafés und Boutiquen werden Krippen ausgestellt. Dem Weihnachtsmann begegnet man persönlich im Hotel und vor einem Ladeneingang dem Elektronischen.

Auf welche Art und Weise kann man die katholische Weihnachtsbotschaft zu fassen bekommen?  Das Übernatürliche ist für einen Menschen nicht greifbar und nicht zu erklären. Diejenigen, welche eine Erklärung haben, müssen beim Nachfragen eingestehen, dass ihre Erklärungen und Ausblicke in das Jenseits nichts anderes als Vermutungen sind. Jesus beruft sich nicht auf ein irdisches Fundament, ein von Menschenhand geschaffenes Fundament, wie wir es vom  Hausbauen kennen, sondern auf seinen Vater im Himmel. So bleibt beim Jenseitigen alles offen, wie zu Beginn eines Jahres für jeden alles offen ist. Dort die Eile, hier die Muße.

Tagebuch…

mundl:II

In den Wochen vor Silvester haben wir im Geschäft Feuerwerksraketen und Knallkörper verkauft. Nach der Ausstrahlung von Jahreswende, zwei oder drei Tage vor dem Silvester 1977, kam es zu einem überraschenden Nebeneffekt. Bis zu dieser Sendung dümpelte der Verkauf der Feuerwerksartikel vor sich hin. Nach der Sendung wurde das Geschäft gestürmt. Die Szene, wie Mundl seine Silvesterraketen abgefeuert hat, wollten ihm viele gleichtun.

In den nächsten Jahren kamen die Jugoslawen um Petardi, Deutsche Kracher, zu kaufen. Die Einfuhr und der Besitz von Knallkörpern war, in dem damals noch kommunistischen Jugoslawien, streng verboten. Zumeist waren es Gastarbeiter, welche zu Weihnachten nach Hause fuhren und die Petardi im Kofferraum versteckten. Die besten Kunden kauften einen Überkarton zu je fünfzig Packungen. Beliebte Schmugglerware waren auch Kaffee und Waschpulver.

In den achtziger Jahren kam es bei den Besucherströmen im Grenzgebiet Italien- Österreich zu einer Trendwende. Die Jahrzehnte vorher fuhren die Österreicher nach Italien um in den Märkten entlang der Staatsstraße, von Tarvis bis Udine, einzukaufen. Plötzlich entdeckten die Friulaner Kärnten. Zu dieser Zeit gab es zwischen Österreich und Italien noch die Personen- und Warenkontrolle. Um Weihnachten und Silvester kamen viele Bewohner aus dem oberitalienischen Raum nach Kärnten und besuchten die hiesigen Adventmärkte. Andere kamen zum Schifahren auf das  Dreiländereck.

Am Dreiländereckparkplatz steckten wir hinter die Scheibenwischer Flugzettel in italienischer Sprache, wo wir für die Silvesterraketen Werbung machten. Das Abfeuern und der Besitz von Raketen der Klasse II war in Italien verboten. Trotzdem blieben immer mehr Italiener nach dem Skifahren beim Geschäft stehen und deckten sich mit Feuerwerksartikel ein. Dabei legten sie Wert auf Raketen mit einer großen Steighöhe und schönem Bukett. Wer seine Gäste zu Silvester beeindrucken wollte, teilweise wurde in Berghütten gefeiert, tat dies mit einem privaten Feuerwerk. So wurde unser Geschäft bei den südlichen Nachbarn zu einem Geheimtipp für Feuerwerksartikel. Nach dem Beitritt Österreichs zur EU ging das Raketengeschäft zurück. Den Markt für Feuerwerkskörper mussten wir mit neuen Anbietern, wie Baumärkten und Direktverkäufer vor den Einkaufszentren, teilen.

Alles hat seine Zeit.