SPEK:ulation

Fragt man im Bekanntenkreis nach, welche Fortschritte die Jungen in der Berufsausbildung machen, und wie die Berufsaussichten sind, so stellt sich die Frage, ab welchem Alter soll man den Berufseinstieg geschafft haben. Ab wann ist es normal, dass man unabhängig von den Eltern sein eigenes Leben führt, aus dem Elternhaus ausgezogen ist. In den sechziger und siebziger Jahren war es nach Absolvierung einer Lehre selbstverständlich, dass man mit zwanzig Jahren einen fixen Arbeitsplatz hatte. Denjenigen, welche studiert haben, hat man bis fünfundzwanzig Jahre Zeit gegeben. Dies waren die Schonfristen um die Ausbildung abzuschließen und in das Berufsleben einzusteigen.

Heute erfährt man, dass sich viele vor einer Berufsentscheidung drücken und mit fünfunddreißig Jahren noch einmal ein Studium machen. Die Entscheidung, was man im Leben machen will, fällt später. Früher ist die Berufsentscheidung mit fünfzehn oder zwanzig Jahren gefallen. Die junge  Generation wird unselbstständiger, bis dreißig lässt man sich zu Hause verwöhnen. Der Konsum wird von den Eltern finanziert, es geht einem gut. Die wenigsten nehmen an den globalen Missständen, wie Klimawandel, Verteilung der Rohstoffe, Hungersnot oder mangelhafte gesundheitliche Versorgung, in vielen Ländern der Welt, Anstoß. Von den Jungen hat es keinen Aufschrei, keine Proteste gegeben, als Spekulanten vieles von dem Erarbeitetem in den Sand gesetzt haben, ihre Zukunft verspekuliert haben. Es gibt noch das zweite Leben im Internet, im Facebook, im Secondlife.

Lebensstudium.

20:prozent

Ein Büroartikelhersteller macht damit Reklame, dass man durch die neue Hebelmechanik bei den Ordnern, beim Ablegen der Papiere um zwanzig Prozent schneller ist. Eine aufschlussreiche Studie wäre, wie viel Zeit ein durchschnittlicher Mensch mit dem Einordnen von Schriftstücken verbringt. Für Leute, welche in der in der Verwaltung, im Büro, arbeiten, wird dies von Interesse sein. Ich frage mich, welchen Vorteil wir aus dieser 20-prozentigen Zeitersparnis haben. Ist dies schon ein menschlicher Fortschritt, wenn etwas schneller geht. Die Beschleunigung im Herstellungsbereich hat einerseits zu einer Überproduktion geführt, anderseits zu einer Verbilligung der Waren. Die Beschleunigung am Arbeitsplatz, im Straßenverkehr oder in der Freizeit, hat auch dazu geführt, dass viele überfordert, nervös und depressiv sind. Die stärkste Beschleunigung haben wir in der Fortbewegung. Hat man früher Besorgungen in der Stadt, die zehn Kilometer weit entfernt war, zu Fuß erledigt, so geschieht dies heute mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Auto. Haben wir jetzt deshalb mehr Zeit? Eher weniger, weil wir uns neue Aufgaben aufgeladen haben. Genauso wenig trägt die so gewonnene Zeit zu unserem Glück bei. Die meisten beklagen sich darüber, dass sie zu wenig Zeit haben.

 

Mit Antritt der Pension schmilzt die Zeit wie ein Eiswürfel auf der Hand dahin. Der Verlust der Zeit schmerzt genauso, wie sich der Eiswürfel kalt anfühlt.

 

Entschleunigung.

 

17.2:1989

Thomas Bernhard (+ 12. 2. 1989) 

Heute, am 17. 2. 1989, hat man in den Nachrichten erfahren, dass Thomas Bernhard am 12.2. gestorben ist. Es erfüllt mich mit Genugtuung, dass es niemanden von den sogenannten „Persönlichkeiten“ erlaubt war, an seinem Begräbnis teilzunehmen. Alle offiziellen Reden an seinem Grab wären eine Heuchelei gewesen. Noch vor wenigen Monaten ist er von Politikern, Medien und Leserbriefschreibern für sein Theaterstück „Heldenplatz“ beschimpft worden. Bei seinem Begräbnis hätten sich genau diese Leute in Szene gesetzt. Mit ihm habe ich einen Lebensmenschen verloren.  

Ein schrecklicher Tag. In diesem Jahr bleibt mir nichts erspart. Seit heute habe ich die Gewissheit, dass P. Geld aus der Kassa stiehlt. Mich bittet sie, ich soll für sie eine Jause kaufen gehen und inzwischen entwendet sie mir Geld. Während ich die Jause kaufen gehe, hoffe ich, dass sie nichts nehmen wird, aber sie hat es doch getan. Heute konnte ich diese Tatsache nicht mehr verdrängen, ich musste mich diesem Vorfall stellen. Mein Besuch bei ihr war unheimlich. Sie hat auf mein Läuten und Klopfen an der Wohnungstür nicht reagiert. Sie saß in der Wohnung, als ob sie auf mein Kommen gwartet hat. Ich habe sie auf die Diebstähle angesprochen und sie hat diese eingestanden. Sie hat es mit Geldnot erklärt, ich weiß nicht, ob dies stimmt. Hat sie es getan, weil ihr dies schon vor ein paar Monaten gelungen ist? Trotzdem hat sie mir leidgetan oder habe ich mir selbst leidgetan? Ich habe nicht viele Bekannte und jetzt ist eine Bekannte weniger.  Ich wünsche P., dass ihr nichts zustößt. Wie eine Katze hat sie sieben Leben und steht immer wieder auf. Diese Vorkommnisse hinterlassen in mir eine tiefe Wunde. 

19. 02. 1989

Den heutigen Tag habe ich im Gedenken an Thomas Bernhard verbracht. Im Radio und im Fernsehen wurden Wiederholungen von Reportagen und Interviews mit Th. Bernhard gesendet. Im Anschluss an das Fernsehinterview „Monolog – Die Ursache ist man selbst“ war eine Diskussionsrunde zur Kärntner Landtagswahl 1989 mit den Spitzenkandidaten  der Parteien. In diese Diskussionsrunde hätte man Ausschnitte aus den Interviews mit Thomas Bernhard zuspielen sollen, dann hätte sich das Absurde in der Politik gezeigt. Sie verwenden Wochen dafür, den Wählern zu erklären, dass ohne sie nichts möglich ist. Sie betreiben Eigenwerbung, dass man sie zur Kenntnis nimmt.  Der Tod von Thomas Bernhard hat in mir einiges wachgerüttelt, unter anderem, wie stark ich mich an die Gesellschaft angepasst habe. Mit den Augen kann man wegschauen und die Augen kann man schließen. Die Ohren kann man nicht schließen und nicht weghören.  Die Ohren hören in alle Richtungen, die Augen sehen nur in eine Richtung. Beim Schlafen sind die Augen geschlossen, die Ohren bleiben wach und hören jedes Geräusch. Es ist mir beim Schlafen so kalt, ich habe viel Wärme nötig und Leben nachzuholen. 

15. 03. 1989

Inzwischen war Wahlsonntag und die große Überraschung sind die Stimmengewinne der FPÖ.

Aus dem Tagebuch.

FINANZ:chaos

Ich kann mir vorstellen, dass wirtschaftliche Abläufe den Abläufen der Physik gleichen. Als Mensch nehmen wir nur das Grobstoffliche wahr, nicht das Feinstoffliche. Herrscht in der Finanzwelt, wo ich annehme, dass mit Mathematik auf hohem Niveau gearbeitet wird, in Wirklichkeit Chaos? Das dort, wie in der Physik für uns alles statisch erscheint, aber in Wirklichkeit Chaos und Zufall herrschen, welches sich so schnell und so oft wiederholt, dass es für uns berechenbar erscheint. Es könnte wie in der Chaostheorie sein, die der Mathematiker Poincare erstellt hat: Setzt ein Schmetterlingsschwarm in Bordano zum Flug an, kann in Tasmanien ein Sturm losbrechen. So könnte es bei den Finanzmärkten sein, dass wenn ein Gruppenwohnbau seine Schulden nicht bezahlt, die Börsenkurse zum Einsturz kommen.

 

Dass, das Chaos der Urstoff für unser Universum ist, erzählt auch die Bibel. Zu Beginn der Schöpfung teilt Gott das Chaos, der Tag wird von der Nacht getrennt, das Wasser von den Landmassen. Gott der erste Chaostheoretiker.

 

Chaos pur.