auffang:becken

In Österreich wird über die Reform der Sozialversicherungsträger diskutiert. Das Bestreben ist, die einzelnen Körperschaften zu einer Körperschaft zu vereinen. Ist es notwendig, dass die Gebietskrankenkasse in jedem der neun Bundesländern eine eigene Direktion hat, obwohl es sich um dieselbe Institution handelt? Auch bei den Leistungen, die von den Krankenkassen bezahlt werden, gibt es Unterschiede zwischen den Bundesländern. Es gibt unterschiedliche finanzielle Zuschüsse, ob man sich in Vorarlberg oder in der Steiermark eine Gleitsichtbrille anschafft. Die Höhe der Krankenkassenbeiträge ist in Österreich überall derselbe. Die Krankenversicherung wurde eingeführt, um im Falle einer Erkrankung, unabhängig vom Einkommen, eine gute medizinische Versorgung zu bekommen. Sie ist ein Auffangbecken für Schutzsuchende beim Eintreten eines gesundheitlichen Problems, beruhigend in einem medizinischen Notfall. Unser Leben begleiten verschiedene Auffangbecken.

Manche sehen in diversen Auffangbecken einen Hemmschuh oder eine soziale Hängematte, wie dies ein Reformpolitiker die Arbeitslosenunterstützung bezeichnet hat. Dazu gibt es Meinungsverschiedenheiten, wie hoch darf die Unterstützung für Arbeitssuchende sein und wie lange darf diese dauern? Dazwischen sickert die Erkenntnis durch, dass in Europa die Jahre, wo es für alle immer und jederzeit Arbeit gibt, vorbei sind. Eine Möglichkeit, um diesen Abwärtstrend zu begegnen sieht man darin, dass bei vielen selbstständigen Tätigkeiten auf einen Ausbildungsnachweis verzichtet wird. Mit einem Gewerbeschein kann man in Österreich ab sofort zweihundert Gewerbe ausüben. Die Kunden werden die Draufzahler sein, wenn sie durch Laien eine Dienstleistung erhalten, die nicht den Anforderungen entspricht. Bis dato hat man bei der Arbeit den Ausspruch, „kein Problem“ in den Balkanstaaten gehört. Diese Aussage wird in Zukunft in Österreich, beim ersten Kundenkontakt, zum Begrüßungsritual des Handwerkers werden.

geld:rückgabe II

Einen besonderen Kick übten auf uns Jungwehrdiener, ein Teil kam aus ländlichen Gebieten, jene verbotenen Lokale aus, die auf einer Liste in der Belgierkaserne angeführt waren. Auf dieser Liste standen Nachtclubs und Bars mit Animierdamen, die meisten befanden sich im Stadtteil Gries. Dieses Grazer Viertel war für sein Nachtleben bekannt. Einige der Etablissements hatten schon am späten Nachmittag geöffnet. Ein Getränk kostete den Sold von einem Monat. Zeitweise wurden im Gries-Viertel von der zivilen Militärpolizei Kontrollen durchgeführt. Das billigste Freizeitvergnügen war der Besuch des Kasernen eigenen Kinos, der Eintritt kostete fünf Schilling.  Zumeist wurden Westernfilme gezeigt, dies machte mich zu einem Westernfan.

Für jene, welche es sich leisten konnten, habe ich für fünfzig Schilling den Wachdienst am Wochenende übernommen. Bei Dienstantritt habe ich mich unter falschen Namen gemeldet. Dies war möglich, da wir als Schreiberlinge des Gruppenkommando II, in der Belgierkaserne über gesonderte Unterkünfte verfügten. Unsere Stuben waren im Dachgeschoss eines Kasernengebäudes, ausgestattet mit Bodenbelag, untergebracht. In unserer Unterkunft waren keine Unteroffiziere anwesend, der Wachtposten wurde einmal vom wachhabenden Standortoffizier kontrolliert.

Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln war es in den siebziger Jahren unmöglich für ein Wochenende von Graz nach Ferndorf zu fahren.

geld:rückgabe

Bei der Fahrt von Bludenz nach Villach müssen die Reisenden in Schwarzach/St. Veit vom Eurocity Zug 163 in den Eurocity Zug 113 umsteigen. Das Umsteigen ist mit einem kurzen Aufenthalt am Bahnsteig verbunden. Der Bahnhof in Schwarzach/St. Veit zeigt sich, außer in den Sommermonaten, als ein Ort mit unliebsamen Wetter. Hier ist ein Zentrum für schlechtes Wetter in Österreich. Es ist zumeist um einiges kälter als es in Bludenz war und in Villach sein wird. Regnet oder schneit es, dann um intensiver als in anderen Bezirken. Zumeist weht, von den schneebedeckten Bergen, ein eisiger Wind. Die wartenden Zugreisenden kauern sich zu einem fröstelnden Haufen zusammen oder flüchten in das kleine Wartehäuschen. Es gibt Ausnahmetage, wie dieses Jahr Ende April, mit den sommerlichen Temperaturen. Eine jüngere schlanke Frau mit langen Haaren, bekleidete mit einem knielangen rosa Faltenrock und einer beigen Weste pendelt am Bahnsteig auf und ab. In einer Hand hält sie eine Spar Einkaufstasche. Bei allen am Bahnsteig drei und zwei installierten Automaten, Zigaretten, Süßigkeiten und Getränke greift sie in das Geldrückgabefach. Missmutig stellt sie fest, dass niemand vergessen hat das Rückgeld zu entnehmen. Diskret wirft sie einen Blick in die Abfallkübel, ohne hineinzulangen schlendert sie weiter und steuert auf die Unterführung zu. Am Bahnsteig entlang des Bahnhofsgebäude geht sie bei den Mülltonnen vorbei und stattet der öffentlichen Telefonzelle, einen Besuch ab. Nicht um zu telefonieren, sondern um eventuell beim Rückgeld abzustauben. Ob sie fündig geworden ist, kann ich vom Bahnsteig drei nicht feststellen.

Ihr Verhalten hat die Erinnerung an meine Bundesheerzeit in Graz, Anfang der siebziger Jahre, geweckt. Mit dem gleichen Trick habe ich während der Wehrzeit versucht meinen Sold aufzubessern. In Graz konnte man sein Geld bei verschiedenen Vergnügen, wie Gasthausbesuch, im Eissalon oder für ein paar Debreziner schnell loswerden. Vorausgesetzt man hatte welches, Erspartes oder Taschengeld von Zuhause. Beides traf auf mich nicht zu. So versuchte ich an den Wochenenden mein Glück bei den Telefonzellen, den Zigarettenautomaten und Süßwarenautomaten. Im besten Fall kamen einige Schillinge zum Sold dazu.

schweine:bucht III

Aus unserer großen Herde wurden für den Marsch nach Villach die Kräftigsten ausgewählt und an den neuralgischen Punkten Wachposten hinterlassen. Damit kann uns nach dem Ende der Operation der Rückweg nicht abgeschnitten werden. In der Vorbereitungszeit haben einige aus unserer Herde ernsthaft behauptet, sie könnten in der Drau schwimmen. Mit schweinischer Schadenfreude beobachte ich, wie immer mehr Villacherinnen und Villacher herbeiströmen, aber von meinen Artgenossen, die in mehreren Reihen auf der Straße liegen, daran gehindert werden den Wochenmarkt zu betreten. Von allen Seiten werden Rufe laut: „Dies ist eine bodenlose Schweinerei, weg mit diesen Schweinen“. Den Verlockungen des frischen Gemüse am Markt konnten einige aus unserer Herde nicht widerstehen und haben sich wie Säue darüber hergemacht. Durch meine Anordnung wurden sie von den Katzen aufgefordert zu den anderen zurückzukehren.

In einer Ecke des Marktgeländes hat sich ein Teil der Marktfieranten zurückgezogen und ich nehme an, dass sie darüber beraten, wie sie unsere Blockade auflösen können. Charly und Undine können mit ihrem feinen Gehör die Gedanken von Menschen hören und schleichen sich an die Gruppe heran. Sie berichten mir, dass die Händler die Absicht haben die Polizei und die Feuerwehr um Hilfe zu bitten, um unsere Belagerung zu sprengen…

Osterbrauch