arbeit:muse I

Die Erzählungen über die Befindlichkeit bei Stress und Burnout sind heute zahlreicher,  als die Schilderungen über den Zustand der Muse. Selbst im Urlaub soll keine Muse aufkommen, denn dies klingt nach Langeweile und Fadheit und dies will man um jeden Fall vermeiden. Nichts stößt auf so viel Unverständnis wie das Wort Langeweile. Anderseits ist es so, dass man auch für den Urlaub ein umfangreiches Programm bucht damit keine Eintönigkeit aufkommt. Bei vielen kommt hinzu, dass sie sich für unentbehrlich halten und eventuelle Zeitlücken mit einer Arbeit aus der Firma überbrücken. Den modernen Medien sei Dank. Gerade wie in der Kinderstube, wo man es nicht immer schaffte es ständig zu beschäftigen. Sofort war es ihm langweilig. Gehen Kinder zu einem Verwandtenbesuch mit und es gibt dort keine Gleichaltrigen zum Spielen und Herumtoben, dann ist man schnell damit konfrontiert, dass dem Kind eintönig wird. Auf seine Frage, was soll ich tun, hat man zumeist keine passende Antwort.

Auf den ersten Blick betrachtet haben es heute die Kinder leichter, es vergehen keine zehn Minuten und sie tippen auf ihrem Handy. Was genau, entzieht sich dem Einblick der Erwachsenen. Auch in der Gruppe ziehen sie oft die Beschäftigung mit dem Handy, dem gemeinsamen Spielen vor. Um jede Langeweile zu vermeiden, hält man für die Kinder, neben dem Schulbesuch, ein großes Freizeitprogramm bereit. Einzig und allein dazu, damit sie nicht zu viele Fragen stellen.

Zweifeln erlaubt.

jam:mer II

Geht es darum für andere eine Besorgung zu erledigen, einen Nachbarn, welcher kein Auto hat zum Einkauf  oder zum Zug zu befördern, geizen wir mit der Zeit. Plötzlich haben wir viele Termine, von denen wir glauben wir könnten einen versäumen. Finden es lästig, auf andere Rücksicht zu nehmen.  Entdeckt man morgens im Bad beim Ankleiden  einen Hautausschlag, verlangt dieser  nach einem  Besuch beim Facharzt. Dort gibt es beim Eintreffen ohne Voranmeldung keinen Termin, man wird auf die Warteliste gesetzt, es könnte  Mittag werden. Was wollte man nicht alles an diesem Vormittag erledigen,  in der Stadtbibliothek in den Zeitungen schmökern,  bei den privaten Finanzaufzeichnungen Ordnung schaffen und einen kurzen Besuch bei einer alleinstehenden Person machen, der schon lange versprochen ist. Plötzlich ist dies am Vormittag nicht mehr möglich.  In den ersten Minuten verfällt man bei der Anmeldung in eine Schockstarre. Danach versucht man mit der Arzthelferin zu verhandeln, ob es nicht möglich sei, baldigst dranzukommen, wo man doch einiges vor dem Mittagessen erledigen wollte. Gäbe es die Möglichkeit die Wartezeit außerhalb der Ordination, in der Stadt zu verbringen? Alles wird abgelehnt. Missmutig geht man in das abgenützte Wartezimmer und trifft dort auf ebenso übel gelaunte Gesichter.  In jedem der Eintritt sehen sie  einen potenziellen Konkurrenten, der möglicherweise einen fixen Termin hat und vor ihnen gereiht sein könnte. Die gereizte Atmosphäre ist spürbar. Ein, von weitem als leitender Angestellter erkennbarer Herr palavert am Handy und blickt dabei unwirsch auf seine Uhr. Er teilt seinem Gesprächspartner mit, dass bei den Ärzten immer dasselbe passiert, es werden die Reservierungstermine überzogen.

Es gibt keine Nachsicht dafür, dass eine ärztliche Behandlung, dass Gespräch mit einem Patienten nicht mit der Stoppuhr zu planen ist. Sie ist nicht vergleichbar mit der Produktionszeit von einem Stuhl, die auf die Sekunde vorprogrammiert ist. Dabei herrschen bei den Fach- und Kassenärzten ähnliche Zeitvorgaben wie bei der Fertigungsmontage von Möbeln.  Die Krankenversicherungen zahlen für eine Ordination, für verschiedene Behandlungen genau nach Tarif und dafür festgelegten Zeiten. So wird der Mensch, wie der Sessel, als immer schon als etwas Herzustellendes gedacht,  als etwas Technisches.

Warteschleife.

jam:mer I

Wir jammern über zu vieles, dies beginnt bei einer Selbstverständlichkeit wie das Wetter. Jeder weiß,  dass wir darauf mit unserem Umweltverhalten Einfluss haben.  Aber wir können das örtliche Wetter, welches heute, morgen oder am Wochenende sein wird nicht beeinflussen.  Trotzdem schimpfen wir, wenn es in der Freizeit mit dem Wetter nicht klappt. Dabei erlauben es unsere vielfältigen Möglichkeiten für jedes Wetter etwas Passendes zu finden. Wir rühmen uns, wie aufgeschlossen und flexibel wir sind und dann zeigen wir uns, wenn es um die Aktivitäten bei der Freizeitgestaltung  geht, sehr konservativ. Wir geben dem Wetter die Schuld, wenn wir bösartig und grantig werden, weil es uns nicht erlaubt mit den Nordic Walking Stöcken in das Freie zu starten.

Kleinlich sind wir auch, geht es darum eine bestimmte Wurstsorte für den Abendtisch im Supermarkt zu finden oder eine spezielle Marmelade, von einer bestimmten Firma. Oft bestehen wir darauf mit dem Auto ruhig einmal drei Kilometer weit zum nächsten Supermarkt zu fahren um den gewünschten Wurstaufschnitt zu erhalten. Partout schimpfen wir darüber, haben wir Lust zum Fernsehen, dass wir dafür keine passende Sendung oder Film finden. Dabei verfügen die meisten Haushalte über Sattelitenempfang und eine Senderauswahl von über hundert Programmen. Drückt sich bei all diesem Missmut unsere Übersättigung aus?  Wir sind Konsumenten auf hoher Ebene, denen das Normalfutter nicht mehr schmeckt. Wir wollen etwas Exotisches, was zumeist nicht in unseren Breiten wächst.

Eine Bekannte klagte darüber, dass die Hauskatze nicht mehr frisst, höchstens ein paar Schnapp macht und den Rest im Fressnapf stehen lässt.  Sie kommt nur mehr in die Küche, wenn es frisches Hühnerfleisch gibt. Die Bekannte machte sich Sorgen, dass ihrer Katze Ulli etwas fehlt, vielleicht eine  Magenschleimhautentzündung? Womöglich leidet sie an Zahnschmerzen oder ein beginnendes  Nierenleiden?  Die Nahrungsverweigerung dauerte schon einige Tage und sie fuhr mit Ulli zum Tierarzt. Nach der gründlichen Untersuchung durch den Tierarzt war die Diagnose des Arztes ernüchternd: Die Katze ist überfressen. Dem wesen nach sind wir Tiere mit einem Ichbewusstsein.

Eine warme Mahlzeit.

gold:gräber II

In der Währungskrise werden einige kopflos und flüchten in Sachwerte, in Wohnungseigentum  oder Firmenbeteiligungen. Die Gewinnbeteiligung bei den meisten Lebens- und Sparversicherungen wurden in der Finanzkrise vor sieben Jahren gekürzt oder völlig gestrichen. Seitdem die österreichische Sozialversicherung allen Mitbürgern ihre voraussichtliche Pensionshöhe mitgeteilt hat, hat ein wahrer Sturm der Versicherungen und Banken auf die Pensionslücke eingesetzt. Viele Versicherungen glauben, ihre Stunde ist gekommen. Für Zahnlücken gibt es kein so vielseitiges Angebot, wie für die Pensionslücken. Für mich sind die Angebote nicht mehr relevant, ich gehöre zum alten Pensionssystem. Wie können Versicherungsgesellschaften, die im Wertpapier- und Aktiengeschäft spekulieren, die Erträge in zehn oder fünfzehn Jahren garantieren? Selbst der Staat hütet sich, Pensionsgarantien abzugeben. Wahrscheinlich sollte man hier und jetzt das Leben genießen und nicht mit dem Pensionistenparadies spekulieren. Überall setzt die Säkularisierung ein, im Jenseits und im Diesseits.

Manche sehen im Ankauf von Gold einen Rettungsring . Wie beim Wohnungseigentum ist der Goldpreis so hoch wie nie zuvor und für Sparbuchbesitzer keine wirkliche Alternative. Vor kurzem gab es dazu eine Reportage in 3sat zum Mythos Gold. Beginnend mit Aufnahmen im großen Basar in Istanbul, wo weltweit die meisten Schmuckhändler angesiedelt sind. Dort wird der meiste Goldschmuck ver- und gekauft. Weiter zum Tagabbau in den Goldminen von Australien. Für ein Gramm Gold müssen dutzende Lkw Ladungen von Gestein zerkleinert, gewaschen und chemisch aufbereitet werden. Beim Einschmelzen von Altgold ist die Ausbeute von Feingold ebenso gering. Für die Goldlager unter der Frankfurterbörse und in London gab es keine aktuelle Dreherlaubnis, nur Archivbilder. Der Bericht endete mit einem Rheingoldwäscher, der sich zu seiner Pension ein kleines Zubrot verschafft. Die Jahresausbeute, mit viel Mühe und Ausdauer verbunden, ist eine kleine Flaconflasche Goldstaub. Unsere Ausbeute beim Kehren der Wohnung ist ein Flacon Hausstaub. Wir sind keine Goldgräber, sondern Staubjäger. Der Wohnungsstaub führt bei niemanden zum Reichtum.

Testroboter.

gold:gräber I

In wirtschaftlich schwachen Zeiten verkünden die Parteien, dass die kleinen Einkommen durch eine gekürzte Lohnsteuer entlastet werden sollen. Da man den Sonntagsreden der Politiker, vor allem den Finanzpolitiker, keinen Glauben mehr schenkt, ist die Stunde der  Untergangspropheten gekommen. In allen Haushalten verbreiten sie die Botschaft, dass die Eurobanknoten nur noch das Papier wert sind auf dem sie gedruckt werden. Noch krasser, die Eurobanknoten sind nicht einmal das Papier wert, auf dem sie gedruckt wurden. Nach einer solchen Meldung macht sich der eine und andere darüber seine Gedanken. Die im Umlauf befindlichen Geldmittel  sind nicht mehr durch Gold wertgesichert, wie dies einmal der Fall war. Das österreichische Staatsgold, zur Absicherung der Währung,  befindet sich nicht in Österreich sondern wird in London gelagert. Der Nachdruck an Banknoten durch die EBZ ist nicht durch gleichwertige Wirtschaftsleistungen abgesichert.

In den letzten Jahrhunderten war es nicht ungewöhnlich, dass ein Staat in Konkurs gegangen ist. Dieses Szenario war in Europa einige Male der Fall. Am schlimmsten getroffen hat es die breite Schicht der Bevölkerung, weil der Staat seinen gemeinnützigen Aufgaben, Gesundheit-, Verkehr – und Schulwesen  nicht mehr nachkommen konnte. Die Sozialhilfen und Pensionen wurden zu allererst gekürzt. Gleichzeitig steigen die Preise für die Lebensmittel durch die Inflation in das Unermessliche. Wer im Laufe seines arbeitsreichen Leben etwas zur Seite gelegt hatte, das gern zitierte Sparbüchlein der Oma, für deren Stabilität der Staat geradesteht, verlor plötzlich an Wert. Bei einer Währungsreform, wie es dann geschieht, kann man es gerade zum Einheizen benützen. Die Großeltern haben dies in den dreißiger Jahren in Österreich erlebt, das Ersparte war plötzlich nichts mehr wert. Es wäre besser gewesen, man hätte statt der Spareinlage Stahlnägel gekauft, diese hätten den Wert behalten. In den Familien kam es zu Tragödien, wenn im Zuge von Betriebsübernahmen oder Erbschaften den weichenden Kindern ein Geldbetrag ausbezahlt wurde und ein paar Monate später kam die Währungsreform. Auf der besseren Seite standen jene die Sachwerte, Grund oder Hausbesitz, erbten. Meistens fühlten sich diese moralisch verpflichtet oder es wurde an ihre Moral plädiert, dass sie den weichenden Erben in späteren Jahren nochmals ihr Erbteil ausbezahlten.

Wiederholung.