Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

zug:begleiter l

Als leidenschaftlicher Zugfahrer verfolge ich aufmerksam was sich im Waggon auf den Nebensitzen oder Nebentischen abspielt. Es gibt immer weniger Aktion live, weil von den meisten Mitreisenden, kaum haben sie sich hingesetzt, fieberhaft das Handy gezückt wird. Außer den üblichen Fingerbewegungen am Smartphone ist nichts auszumachen. Anderseits gibt es die Telefonate am Smartphone, wobei man einiges über das Familienleben der unmittelbaren Nachbarn erfährt. Tagsüber stehen zumeist berufliche Themen auf der Telefonliste, abends in den Pendlerzügen zumeist private Telefonate. Was man für den Abend plant oder wie man gedenkt das Wochenende zu verbringen. Fast auf jedem Sitzplatz findet sich beim Verlassen  der Waggons die in allen Bahnhöfen aufliegenden Gratiszeitungen von Heute bis Österreich. Mit diesen Gratiszeitungen wird Politik und Meinungsbildung gemacht, weil der Müßiggang beim Zugfahren zum Lesen animiert.

Durch das monotone Dahinschwingen  der Waggons wird einem das Gelesene langsam infiltriert. Plötzlich ist man von seiner ursprünglichen Meinung oder Überzeugung weit entfernt. Mit dem Aufliegen dieser Gratiszeitungen in den Bahnhofshallen, bei den Auf- und Abgängen der Rolltreppen, fördert die ÖBB diesen Infiltrierungsprozess. In diesem Fall als Verbreiter des Nürnberger Trichter. Von diesen Medien wurde der Vorwurf in Umlauf gebracht, die Bahn hat sich als Flüchtlingsschlepper eingesetzt. Auch sogenannte Qualitätsmedien, gesehen beim Sitznachbar, können mit einer Schlagzeile auf der Titelseite überraschen. Vor allem jene, welche öfters mit dem Zug unterwegs sind und sich bis jetzt nirgendwo so sicher und gut aufgehoben empfunden haben, als in den Zugsgarnituren der ÖBB. In den Salzburger Nachrichten war Ende Dezember in der Titelschlagzeile zu lesen, dass es im Jahr 2016 bereits 142 Übergriffe auf ÖBB Zugbegleiter gegeben hat. Ist es ein Zufall, wenn sich die Übergriffe, ein Jahr nach der Flüchtlingskrise, gehäuft haben? Ich hoffe, dass der Spruch der ÖBB, kreiert bereits vor Jahrzehnten, noch immer seine Gültigkeit hat: „Nimm Urlaub vom Auto, Nerven sparen, Bahn fahren“.

imbiss:verbot

Visavis vom Bahnhof erstreckt sich das große Einkaufszentrum Europapassagen, wo alle Güter der Welt zu finden sind. Darunter ein international tätiges Fastfood Restaurant, mit Tischen im Freien. Nach vielen Stunden des Umherlaufens ein willkommener Anblick,  um etwas zu bestellen und ein wenig auszuruhen. Nicht alle die hier ein Sandwich kaufen sind gleichermaßen willkommen. Ein älterer Herr mit gekraustem Haar, großen Lippen und dunkelbrauner, wenn nicht schwarzer Hautfarbe, wird von einer Abräumerin von seinem Platz auf der Bank „verscheucht“. Es könnte ein Sudanese sein, der schon einige Jahre in Hamburg verbracht hat. Das Vorgehen der Abräumerin kann ich nicht nachvollziehen. Er hat für sein Sandwich dasselbe Geld bezahlt wie ich und damit dasselbe Recht auf einen Sitzplatz. Ich war über das Vorgehen des Personals erbost, habe mich aber nicht in den Verweis eingemischt. Als er sich wieder dem kleinen Gastgarten genähert hat, habe ich ihm fünf Euro zugesteckt. Eine Entschädigung für mein schlechtes Gewissen? In den nobleren Geschäften, Cafés und Restaurant wird man nach dem äußeren Erscheinungsbild, der Kleidung, dem Auftreten und der Hautfarbe beurteilt. Kaum nach den Charaktereigenschaften.

Für den an Kultur- und Städtebau interessierten Besucher sind die Uhren, in den Schaufenstern der Alsterarkaden in Hamburg, unerschwinglich. Die deutschen Präzisionsuhren der Marke Glashütte  haben nach oben keine Preisgrenze. In den Auslagen  finden sich Modelle von dreißigtausend bis über hunderttausend Euro. Der Stolz, dass man eine Armbanduhr um dreihundert Euro trägt bleibt bei dieser Auswahl  auf der Strecke.

Aus dem Tagebuch…

werbe:verbot

Firmenwerbung, welche überregionale Aufmerksamkeit auf sich ziehen will, hat es heute schwerer, als etwa vor vierzig Jahren. Damals waren die goldenen Zeiten der Werbeprofis. Dazumal wurde über verschiedene Werbekampagnen mehr diskutiert, als über weltpolitische Ereignisse. Oder war es das goldene Zeitalter der friedlichen und wirtschaftlichen Koexistenz und haben uns die Krisen aus allen Teilen der Welt nicht im Sekundentakt erreicht? Wohl auch damit verbunden, dass man in den achtziger Jahren  an ein sozial friedliches, wirtschaftlich erfolgreiches Europa geglaubt hat. Damals konnten Plakatsujets wie ein küssendes Paar, Priester und Nonne, das abgenabelte Baby oder ein Popo mit einem HIV positiv Stempel mehr Reaktionen hervorrufen als eine Parlamentsdiskussion zum neuen Budgetvoranschlag. Benetton versuchte die Menschen für Veränderungen, für andere Lebensstile zu sensibleren, indem er auf vielen Plakaten mit andersfarbige Menschen um Verständnis warb. Schon früh zeigte Benetton, im November 2013, ein überaltertes, verrostetes Schiff auf dem sich viele Flüchtlinge befinden. Zugleich drängen noch viele Flüchtlinge auf das Schiff. Der Ort, wo das Schiff vor Anker liegt, ist nicht ersichtlich. Die Botschaft war klar. Die Menschen fliehen, weil es ihnen menschlich und wirtschaftlich schlecht geht, vor Krieg, Terror oder politischer Verfolgung.

Die Werbung von der Firma Saturn, geiz ist geil, Anfang des neuen Jahrtausends, brachte viele Polemiker, Psychologen und Soziologen auf den Plan. Man befürchtete eine moralische Beschädigung ganzer Gesellschaftsgruppen. Weniger gesellschaftskritisch äußert sich die McDonalds Werbung. Sie setzt mehr auf Wortspielereien, auf aktuelle Bezüge zu zeitgleichen Events. Wohl wissend, dass im Gastronomiebereich neben Coca Cola, McDonald zu den meist bekannten Marken zählt. So gibt es in Europa, je nach Größe der Stadt  mehrere McDonalds Imbissstuben. Zumeist in 1A Lagen, wo die Mietpreise für jeden kleinen Händler unerschwinglich sind.

Fußgängerzone.

warum:wie II

In eine Glaubensgemeinschaft mit vielen Geboten und Verboten hineingeboren zu sein, erscheint mir als ein Glaubenshindernis. Die Freiheit selbst über den Beitritt zu einer Religionsgemeinschaft zu entscheiden wäre eine Hinwendung zu Gott.

Der Ausspruch von Friedrich Nietzsche, Wer ein WARUM hat, wird mit jedem WIE fertig, zeigt uns eine Form an, wie wir unser Leben gestalten könnten. Egal ob es sich um ein Studium oder den Aufbau einer Firma handelt. Auch Häuslbauer mobilisieren für die Fertigstellung des Eigenheimes ihre ganzen Energien. Bei den Sportlern erbringen manche extreme Leistungen, der Antrieb dafür dürfte im Siegeswillen, im Streben nach Ruhm zu finden sein. Wobei das Warum nicht immer persönlicher Art sein muss, auf uns selbst gerichtet. Eine Plattform, um uns selbst zu verwirklichen und die eigenen Ziele zu erreichen. Meiner Meinung liegt die größere Kraft zum Durchhalten dann vor, wenn das Warum nicht sich selbst gilt, sondern etwas, was außerhalb seiner selbst liegt. Dazu nenne ich ein Beispiel: Die über achtzigjährige Mutter steckt ihre ganze Energie und Fürsorge in die Begleitung ihres beeinträchtigten Sohnes, der an die fünfzig Jahre alt ist.

Bei gemeinnützigen Organisationen wie Feuerwehr und Rettung setzen sich die vielen Freiwilligen bis zur Selbstaufgabe für andere ein. Bei Hochwasser oder Erdlawinen, bei Verkehrs- oder Sportunfällen, sie haben ein Warum, da werden sie mit jedem Wie fertig. Vor kurzem hat man in Kärnten über ein Alterslimit von fünfundsechzig Jahren, für Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr, diskutiert. Inzwischen hat man die Altersgrenze auf siebzig Jahre angehoben.

Samariter.

warum:wie I

In einem Fernsehbericht über das Karmeliterinnenkloster bei Innsbruck äußerten die Nonnen die feste Überzeugung, dass sie durch ihr Gebet sehr viel für die Menschen und die Weltgemeinschaft erreichen können. Der Orden ist dafür bekannt, dass sich die Klostergemeinschaft hauptsächlich dem Beten und Schweigen hingibt. Auf ihrer Webseite besteht die Möglichkeit für ein persönliches Anliegen ein Email an sie zu senden und um ihr Gebet zu bitten. Ob das Stellvertretergebet dieselbe Wirksamkeit entfaltet, als wenn man um das Anliegen persönlich betet? Im Laufe der Reportage haben verschiedene Klosterschwestern erzählt, warum sie den Weg in das Kloster gewählt haben. Einigen war die neue Freiheit hinter den Klostermauern wichtig. Sie müssen nicht am Treiben und Trubel der Welt teilnehmen, sie haben ein Ziel, sich mit Gott zu vereinen. Die Gewissheit, dass ER für sie da ist und für sie sorgt. Für die meisten heutigen Menschen würde ein einfaches Leben, keine Zerstreuung, kein Entertainment, keine digitale Vernetzung, einen Verzicht bedeuten. Für außenstehende Personen ist das keusche Leben der Nonnen schwer nachvollziehbar. Auf diesen Verzicht angesprochen hat eine junge Schwester mit einem Zitat von Friedrich Nietzsche geantwortet: Wer ein WARUM hat, wird mit jedem WIE fertig. Ohne Scheu hat die Novizin Nietzsche zitiert, der gesagt hat:Gott ist tot.

Alles was die Klosterfrauen gesagt haben klang sehr plausibel, manchem würde ich als Mensch mit einigen Jahrzehnten auf den Schultern, in Kärnten sagt man am Buckel, gleich zustimmen. Manches Mal habe ich selbst Sehnsucht nach Bedürfnislosigkeit, den Wunsch mich vom Trubel und dem Lärm der Welt abzukoppeln. Wahrscheinlich wächst dieses Bedürfnis bei vielen altersbedingt. Ehrlicher ist es, wenn man sich dafür in der Blüte des Lebens entscheidet, nicht aus Resignation, sondern aus ganzer Überzeugung. Der weiterverbreiteten Logik, sich im späteren Alter dem Religiösen zuzuwenden, begegne ich mit Skepsis. Dies erscheint mir wie ein Rettungsanker, an den man sich klammert. Dadurch erhoffen sich manche ein längeres irdisches Dasein und eine Verlängerung des Lebens im Jenseits.

Schwimmweste.