alle:zeit

Nachdem einige Lebensjahrzehnte hinter mir liegen erkenne ich, wie viel Sorgen und Leid die Zeit verursacht. Diese Einsicht habe ich heute, im letzten Drittel des Lebens, zurückblicken war früher kein Thema. Im ersten Drittel des Lebens, die ersten dreißig Jahre, gab es kein  Zeitproblem. Im Vergleich zu heute wurde vieles in der halben Zeit erledigt. Ich orientierte mich an Dingen, die mir Spass gemacht haben und dafür war keine Zeit zu kostbar und es gab keinen ungünstigen Zeitpunkt. Ist es um Unterhaltung gegangen, dann war jede Tages- und Nachtzeit recht. Die Zeit für die dringenden Arbeiten sah ich in der nahen Zukunft, nicht in der Gegenwart.

Den größten Ärger mit der Zeit gab es im zweiten Drittel des Lebens. Dort ging es um  den Erwerb, den Aufbau, ich hatte das Gefühl anderen hinterherzuhinken. Ich dachte an Dinge die ich auf keinen Fall versäumen wollte, dies hat zu Zeitproblemen geführt.  Einige  berufliche und menschliche Wünsche waren in meiner voraussichtlichen Lebenszeit nicht mehr unterzubringen. Für manche Wünsche gab es biologische Grenzen, andere Vorhaben können im Alter rein körperlich nicht mehr durchgeführt werden. Dieser Lebensabschnitt hatte auch seine gesundheitlichen Tücken, dabei konnte ich zuschauen, wie die Zeit den Berg hinab rinnt.

Wo vieles geglückt ist, ist der Moment gekommen, mit der Zeit Frieden zu schließen. Über manches, was ich  erreicht habe staune ich, ich habe nicht mehr damit gerechnet. Heute betrachte ich jeden Tag als Geschenk, der nicht ungenützt verstreichen soll, aber ich will keine Forderungen stellen. Zum bisherigen Erlebten das Eine und das Andere neu dazu fügen. Meine Einstellung zur Zeit hat sich verändert. Ich denke daran, dass sich einige Dinge durch die Zeit selbst erledigen, aber auch von mir verschiedene Handlungen und Entscheidungen verlangt werden. Ich führe keinen Streit mehr mit der Zeit, kein Hadern, einmal hat die Zeit für mich ein Ende.

Alles hat seine Zeit.    

leer:geräumt

Für uns alle spielt die Menge, die Fülle, eine große Rolle. Wir leben in einer „immer weiter und höher“ Gesellschaft.  Die Höhe des Gehalt, die Größe der Wohnung, die Fülle an Waren, wie man sie seit kurzem im Drogeriemarkt Müller im Alpen Adria Einkaufszentrum vorfindet. Die Leute kommen in das Schwärmen und die Augen fangen an zu glänzen, wenn sie von ihrem Besuch im Drogeriemarkt berichten. Man will die Fülle der Wahlmöglichkeiten bei den Drogerieartikeln, bei den Schuhen und bei den Textilien. Der Drang zur großen Auswahl setzt sich bei den Zeitungen und den Fernsehprogrammen fort. In den westlichen und östlichen Weisheitslehren, so die Vermutung, ist die Stille und die Leere ein Vorbild, statt Konsum.

Wie angenehm die Leere ist erlebe ich,  wenn ich in diesen Tagen über den Villacher Hauptplatz spaziere. Noch vor acht Wochen war der Hauptplatz als solcher nicht zu erkennen, überall standen die Punschzelte, die Holzhütten des Weihnachtsmarktes, dazwischen die Würstel- und Glühweinstandln. Eine Kindereisenbahn,der Christbaum, aus allen Ecken leuchteten die Weihnachtssterne und die Lichterketten. Jetzt ist alles weggeräumt und der Platz als solcher zu erkennen und zu genießen. Die Weite des Platzes berührt mich. Sorgenvoll blicke ich auf das Faschingswochenende, wo alles wieder dekoriert und beflaggt wird.

Leergeräumt erlebe ich die Pfarrkirche Völkendorf, nachdem am Tag der Maria Lichtmess die Krippe und die mit Strohsternen geschmückten Christbäume verräumt wurden, um vieles intensiver. Auch in der Wohnung genieße ich es, dass die üppige Weihnachtsdekoration wegräumt wurde. Nach der Fülle an Dekorationsartikel, die oft  die innere Leere überdecken, genieße ich jetzt die Leere.

Wurfschlangen. 

geschäft:gründung II

Der Schritt das Papiergeschäft zu übernehmen und die Entscheidung zur Selbstständigkeit mit zwanzig Jahren erfolgte sehr spontan. Dabei waren einige Fragen offen, wie meine Kündigung in einer Spittaler Damenschuhfabrik. Eine Woche vor meiner Neuübernahme überraschte ich den Personalchef bei seinem morgendlichen Kontrollgang durch die Fertigungshalle damit, dass ich ihm mitteilte, ich werde am Montag nicht mehr zur Arbeit kommen, da ich am Mittwoch mein eigenes Geschäft eröffne. Der Personalchef wurde ungehalten und bestand von Firmenseite darauf, dass ich eine vierzehntägige Kündigungsfrist einhalten müsste. Für mich, als „Absatzschrauber“, müsste zuerst ein Ersatz gefunden und jemand neu eingeschult werden. Ich arbeitete in der Endfertigung am Montageband in Akkord. Jeder Ausfall eines eingeschulten Arbeiters oder Arbeiterin bedeutete einen Rückgang bei den Produktionszahlen. Allein  dadurch, dass manche Lederteile ungenau zugeschnitten waren, ist es zu Verzögerungen bei der Montage gekommen und hat zu gegenseitigen Schuldzuweisungen geführt, weil jeder sein maximales Pensum erreichen wollte. In den siebziger Jahren wurde jeder Schuh „gebraucht“ und war bereits vorbestellt. Ich hielt an meiner Ankündigung fest.

Etwa zehn Minuten später kam der deutsche Betriebsleiter zu mir und machte mich darauf aufmerksam, dass, sollte ich die Kündigungsfrist nicht einhalten, jeder Schuh, der durch meinen spontanen Abgang weniger produziert wird, von meinem Lohn abgezogen wird.

Als ich vor kurzem diese Episode bei Freunden erzählte, berichtete ein Zuhörer von einer ähnlichen Erfahrung. In einer Fabrik von Fernseh- und Radiogeräten ist es bei der Montage zu ähnlichen Szenen gekommen. Es hat soweit geführt, dass sich die Frauen gegenseitig an den Haaren gezogen haben, wenn eine am Montageband zu langsam war.

Solidarität

 

geschäfts:gründung

Bei einer Betriebsübergabe liegt der Gedanke an den Anfang, wie alles begonnen hat, ganz nahe. Plötzlich ist einem alles bewusst, als wären zwischen Betriebsübergabe und Betriebseröffnung nur ein paar Jahre vergangen und nicht ein paar Jahrzehnte. Angefangen hat alles am Vormittag des 24. Dezembers, durch ein Inserat in der Volkszeitung, dass in Arnoldstein ein Nachfolger für ein Papierwarengeschäft gesucht wird. Den Ort im Gailtal kannte ich nur von der Kärntnerlandkarte, vom Drautal weit entfernt. Mein Bruder besaß einen VW Käfer, mit abgeteilten Heckfenstern und der Blinker war in der Tür integriert, mit diesem fuhren wir nach Arnoldstein. Der erste markante Eindruck war der viele Schnee rechts und links der Straße. Die Papierhandlung war ob des vielen Schnees nicht zu sehen. Ein paar Jahre später wurde im Ort ein Skilift eröffnet, da gab es in den nächsten Winter fast keinen Schnee. Die Geschäftseinrichtung bestand aus, zu dieser Zeit üblichen Holzregalen und einem Verkaufspult. Die Regale waren schon leer gekauft. Das Geschäft wurde von der Frau eines Offiziers, deren Mann in der Garnisonsstadt seinen Dienst versah, als Nebenerwerb betrieben. Während der Öffnungszeiten saß sie meistens im nahen Caféhaus, von wo sie die Kundschaft holen musste. 

Nach meiner Ausbildung im Papier- und Buchhandel sah ich hier eine Möglichkeit für die Selbstständigkeit. Die Übernahmeformalitäten wurden in den nächsten Tagen abgeschlossen. Mich reizte die Vorstellung, dass ich als Selbstständiger viel Zeit zum Lesen haben werde. Die Zeit für das Bücherlesen ist mit der Vergrößerung und der Übersiedelung des Geschäftes an einen neuen Standort immer weniger geworden. 

Bücherparadies. 

 

GLÜCKS.bringer II

Mit dem Jahreswechsel sind verschiedene Rituale, Feiern und Bräuche verbunden. Dazu gehört das Verschenken von Glücksbringern, wobei die Vielfalt so überwältigend ist, dass einem die Auswahl schwer fällt. Dabei gibt es auch heute noch  Standardsymbole wie Schwein, Vierklee, Rauchfangkehrer und Glückskäfer. Oder gehört man zu den „Glückspilzen“, egal ob man diesen aus Kunststoff, aus Marzipan oder Schokolade erhält. Die Materialien haben sich gewandelt, gab es früher hauptsächlich Gummischweine, so gibt es diese jetzt auch in Porzellan, Glas, Messing und Schokolade. Oft werden neue Kombinationen versucht, wie Glücksschweine mit Lottokugeln, da in Österreich das Lotto 6 aus 45 ein Renner ist.  Hat man im alten Jahr viel Geld bei 6 aus 45 verloren, so hofft man, dass man  im Neuen Jahr etwas zurückgewinnen kann. Gab es in den siebziger und achtziger Jahren nur in ausgewählten Geschäften eine größere Auswahl an Glücksbringern, so wird man jetzt vom Angebot erdrückt. Egal bei wem man  schaut, ob Papierhandlung, Drogerie, Bäckerei und Supermarkt, überall stehen oft ein ganzes Heer von Glücksbringern. Sie überfallen einen, greifen einen an, keiner kann dem Glück entkommen. Die wenigsten wissen, wenn sie dieser Fülle von Glücksbringer gegenüberstehen, was für sie Glück bedeutet, wo sie Glück empfinden und wann sie glücklich sind. 

Glücklich gelandet.  

ALLEN GLÜCKLICHEN und besonders den UNKLÜCKLICHEN ein

GLÜCKLICHES NEUES JAHR !