Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

corona:morgen

Meine beste Lesezeit ist am frühen Morgen nach dem Aufstehen. Noch ist es um mich und in mir ganz still. Mit einer Tasse Cappuccino sitze ich im Wohnzimmer, schalte einen Radiosender mit klassischer Musik ein und beginne in einem Buch, je nach Auswahl zu lesen. Zumeist ist es die Wohnungskatze Sissi, welche mir dabei Gesellschaft leistet. Die Tageszeitung bleibt vor der Wohnungstür liegen und wird erst am fortgeschrittenen Vormittag geholt. Keinesfalls will ich mir von den zumeist alarmierenden Titelgeschichten den schönen Teil des Tages zu Nichte machen lassen. Besonders, seitdem das Coronavirus Österreich lahmlegt.

Den Drang zum frühen Aufstehen verspüre ich auch nach zehn Pensionsjahren noch. In meiner Zeit als Selbstständiger war es selbstverständlich um etwa sechs Uhr morgens aufzustehen. Während des Schuljahres öffnete das Papiergeschäft um sieben Uhr, rechtzeitig vor Schulbeginn. Zeitweise noch etwas verschlafen war ich sofort hellwach, wenn die Schulkinder mit den Schulbussen ankamen und schüppelweise in das Geschäft stürmten. Die frühe Öffnungszeit war beliebt, da wir neben Schulartikel ein kleines, aber spezielles Angebot an Süßwaren führten, sowie eine reiche Auswahl an Jugendzeitschriften, allen voran das Bravo. In den neunziger Jahren dazugekommen sind Zeitschriften mit Computerspielen. Es war ein Muss am Freitag das druckfrische Bravo am Verkaufspult bereit zu halten, zwanzig Stück wechselten schnell die Besitzerin. Immer gefragt waren die aktuellen Paninni Stickers, einerlei ob TV-Serien oder Sportevents. Mit Anfang der Jahrtausendwende gab es einen Knick bei den Kindern vor der Schule, weil der Sparmarkt neben der Bushaltestelle auch um sieben Uhr geöffnet und Kinder- und Jugendzeitschriften in sein Sortiment aufgenommen hat

Konkurrenz

corona:zeitung

Die Tageszeitungen versuchen ihre Abonnenten und Leser Marketing gerecht zu einer Leserfamilie zusammenzuschweißen. Eine beliebte Art mit den Lesern engen Kontakt zu pflegen waren bis vor einem Jahr die Leserreisen. Dieses Jahr sind sie Corona bedingt nicht möglich. Damit sind die Möglichkeiten nicht ausgeschöpft, jede Zeitung hat ihren virtuellen Shop und die Regionalzeitungen bieten die diversen Artikel auch in ihren Regionalbüros an. Beliebt ist die Herausgabe von Sammelbänden, erstmals erscheinen die Berichte als Serie in der Zeitung und dann als Buch. Einige Beispiele: „Peter Turrini im Gespräch“, „Der zweite Weltkrieg“, um die Jahreswende darf im Angebot ein Set mit verschiedenen Mondkalendern nicht fehlen. In den Zeitungsshops gibt es neben der Hirnnahrung auch Körpernahrung, von der Geschenkbox mit Edelbränden bis zum Räucherkästchen.

Beim Abholen der Shop Artikeln im Regionalbüro kann man auch Leserwünsche deponieren. Mein letzter Wunsch war, ob es möglich ist auf der Titelseite wieder einmal einen positiven Aufmacher, der das Herz und das Gemüt erfreut, zu bringen. Dies war auch mein Wunsch an das Christkind, den man hier deponieren kann. Anderseits glaube ich, dass wir sehr Corona fixiert sind und keine anderen Missstände wahrnehmen. Ich will nicht Tote mit Toten aufrechnen, in den sozialen Medien stoßt man oftmals auf solche Hinweise. Täglich sterben soundso viele Tausende Kinder an Hunger oder Menschen an Kriegsfolgen. Teilweise auch an mangelnder medizinischer Versorgung. Dagegen sind unsere Voraussetzungen um die Pandemie zu bewältigen ein Unterschied wie zwischen Hölle und Himmel. Bei der Wahrnehmung der realen und unsichtbaren Gefahren des Coronavirus spielt auch eine Rolle, wie stark man die Meldungen aus den Medien wahrnimmt.  Bis in den späten Vormittag vermeide ich die Tageszeitung aus dem Postkasten zu holen, damit ich mir nicht die ersten Stunden des Tages vermiese.

corona:kultur

Noch hoffen welche, dass die Coronakrise eine Trendwende zu Nachhaltigkeit und Qualität in vielen Bereichen führen wird. Kann dies auch für den Kulturbereich gelten? Bei einer Diskussion, was ist Kultur und muss diese gefördert werden, wurde schnell die Frage gestellt, braucht es überhaupt Kultur in Pandemiezeiten? Einigen ist es nicht aufgefallen, dass es plötzlich keine öffentlichen Lesungen, Konzerte, Ausstellungen und Theater gibt. Meine existenzielle Frage war, seit wann gibt es den Kunst- und Kulturbegriff, wie wir in heute verwenden? Wir erkennen heute in den Höhlenmalereien der Urzeit oder im frühen Ackerbau eine menschliche Kulturleistung. Schlag nach bei Wikipedia, dort ist zu lesen, dass alles, was der Mensch gestaltet als Kultur bezeichnet werden kann. Im deutschen Sprachraum wird seit dem 17. Jahrhundert sowohl für das Essen als auch für die Bodenbewirtschaftung, sowie für geistige Tätigkeiten der Kulturbegriff verwendet.

Vor zwei Monaten waren Gemeinde- und Landtagswahlen in Wien, dabei sind neun Parteien angetreten. Zumeist steht eine Partei für eine gesellschaftliche Gruppe oder Bewegung. Heute noch bewertet man die SPÖ als Arbeiterpartei, die ÖVP als Bauernpartei, die FPÖ als Heimatpartei und die Grünen als Umweltpartei. Kandidiert hat eine Bierpartei, der Gerstensaft aus Hopfen und Malz hat es zu einer eigenen Partei gebracht! Noch nie habe ich auf Wahlplakaten, in den Zeitungen und am Stimmzettel einen Hinweis auf eine Kultur- oder Kunstpartei gefunden. Im Laufe der Jahrzehnte habe ich schon einige Kreuzerl gemacht. Den Kultur- und Kunstschaffenden rufe ich zu, wehrt euch und gründet eine Kulturpartei.

Alles Kultur

corona:literatur

Seit Ausbruch der Coronaepedemie erleben die Kulturschaffenden ein auf und ab. In den ersten Monaten der Pandemie ist wenig zur Kultur gesagt und für die Kulturschaffenden getan worden. Bis sie sich vehement zu Wort gemeldet haben. Offen ist für mich, ob ich als Blogliterat zu den Kulturschaffenden gehöre? Darf ich mich als Literat oder Schriftsteller bezeichnen, was macht einen Literaten aus? Genügt es hin und wieder einen literarischen Text zu verfassen und diesen in einer Literaturzeitschrift zu veröffentlichen, um als Schriftsteller anerkannt zu werden? Wer erstellt die Regeln was ein literarischer Text ist? In den sechziger Jahren gab es die legendäre Wiener Gruppe. Dort sind einzelne Mitglieder so weit gegangen, dass sie von sich behauptet haben ein Poet zu sein, obwohl sie noch keine Zeile veröffentlicht hatten. Im extremen Fall nichts geschrieben haben, sondern nur ein poetisches Leben führten.

In der vor digitalen Ära bestand die Möglichkeit Texte in den Wochenendausgaben der Tageszeitungen und in Zeitschriften mit Literaturteil zu publizieren. Erinnern kann ich mich an die Volkszeitung und an das Neue Forum. Dazu gab es eine größere Zahl von Literaturzeitschriften. Regionale Zeitschriften in Kärnten, wie das Blaue Band, Unke oder Schreibarbeiten und überregionale Zeitschriften, wie die Manuskripte, Sterz,  Wespennest und das Pult. Es wurde viel publiziert, aber wie viele Käufer hatten die Literaturzeitschriften? Bei den regionalen Zeitschriften wurden damals die Texte auf Wachsmatrizen geschrieben und händisch vervielfältigt, mit einer Auflage von hundert Stück. Der überwiegende Teil der Journale wurde von Personen gekauft welche selbst getextet, sich schulisch und wissenschaftlich mit Literatur beschäftigt haben.

Studienbibliothek

corona:hiob

Für Veranstalter von Adventkonzerten, Weihnachtsmärkten, Ausstellungen und Vorträgen herrschen unsichere und verlustreiche Zeiten. Veranstaltungen welche  im Programmheft angekündigt wurden müssen von einen Tag auf den Anderen wieder abgesagt werden. Anfang November habe ich ein Konzert des Slowenischen Ensemble Dissonance im Kongresshaus Villach besucht. Jede Sitzreihe war Corona bedingt statt mit zwanzig Leuten, mit drei bis vier Zuhörer besetzt. Ein ausgedünntes Konzertpublikum, trotzdem haben die Musiker ihr Bestes gegeben. Wie zu Schulzeiten mussten wir am Ende des Konzertes den Saal, das Klassenzimmer, verlassen. Zuerst die Schüler der ersten Klasse, das Parkett, die Schüler der zweiten Klasse, Hochparkett Rechts, die Schüler der dritten Klasse, Hochparkett Links und zuletzt die Schüler der vierten Klasse, Hochparkett Mitte. So sind wir Corona konform in das Freie gelangt.

In der Stadtpfarrkirche Villach wurde vor Allerheiligen das Konzert „Hiob“ für Orgel und Sprecher von Peter Eben aufgeführt. Vom Komponisten wurden zu Textstellen Hiobs, aus dem Alten Testament, Orgelmusik transformiert. Im Mittelschiff wurde auf dem Kirchenboden durch die Kerzen ein Kreuz gebildet und der Kerzenschein hat die Kirche etwas erhellt. Die Prüfungen, vom Verlust von Kamelherden bis zu einem unheilbaren Ausschlag, mit welchen Gott den Glauben Hiobs auf die Probe stellte waren dramatisch. Wie würde Hiob heute, in Zeiten der Corona Pandemie handeln? Würde er weiter zu Gott beten, nicht mit Gott hadern oder auf Gott fluchen? Wo selbst der Dompfarrer zu St. Stephan an Gott verzweifelt, mit Gott hadert, dass er eine solche Pandemie auf Erden zulässt, die Menschen mit dem Coronavirus prüft. Das Ende der Prüfung ist nicht absehbar. Wie viele Gläubige dafür Verständnis haben, dass Gott dies zulässt, ist fraglich. Wie könnte die Belohnung Gottes aussehen, wenn man ihn während der Pandemie nicht abschwört, weiß kein Pfarrer oder Bischof zu beantworten.