Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

weihnachts:countdown II

Nach einem Dammbruch am Gailfluss wurden Häuser überflutet. Vom Keller bis in den ersten Stock in Mitleidenschaft gezogen. Das Inventar, die Haushaltsgeräte, Einrichtung und Kleidungsstücke unbenutzbar. Die Böden und Mauern sind feucht und bedürfen einer aufwendigen Sanierung. Trotz großer Hilfsbereitschaft von Seiten der Feuerwehren und des Bundesheeres bleiben einzelne Betroffene mit ihren Schäden alleine zurück. In den ersten Tagen sind eine Reihe von Politiker in das Katastrophengebiet gefahren und haben litaneihaft versichert, dass man rasch und unbürokratisch helfen wird. Nachdem die Presse und das Fernsehen abgezogen sind, kommen die nackten Tatsachen, will heißen die Pragmatiker. Die Beamte, welche mit der Erhebung der Schäden beginnen. Wer weiß noch genau, in welchem Jahr der Kühlschrank oder der Küchenboden angeschafft wurde und zu welchen Kosten. Beide hätten noch lange ihren Dienst getan, es war nicht vorgesehen sie zu ersetzen. Plötzlich sind sie zerstört und viele andere Dinge auch. Vieles verzögert sich, öffentliche Finanzmittel müssen erst durch Gesetze und Beschlüsse freigestellt werden.

Die Spendenfreudigkeit der Bevölkerung für die Katastrophenopfer ist gut. Es ist trotz alldem nicht möglich, dass der gesamte Schaden abgegolten wird. Das Schicksal wird erträglicher, spürt man, dass unbekannte Menschen am Unglück anteilnehmen und etwas zur Linderung beitragen. Bemerkenswert finde ich, dass Schüler im Rahmen eines Unterrichtsprojektes zur Linderung der Hochwasserschäden für einzelne Familien beitragen. Unter anderem versuchen sie intensiv in der Verwandtschaft Spenden zu lukrieren. Damit wird ihr soziales Verständnis gefördert. Der Staat oder die Versicherungen decken nicht alles ab. Durch solche Projekte werden die Jugendlichen von der älteren Generation neu wahrgenommen. Die Erwachsenen erleben, dass sich Jugendliche nicht nur für Fan & Fun  begeistern, sondern auch Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen. Die Jugend nicht in Drogen, Alkohol und Gewalt zu versinken droht. Die Handyzombies haben auch ihre effektiven Seiten. Mit Hilfe der neuen Medien, WhatsApp und Facebook, kann ein Projekt schnell organisiert und verbreitet werden.

Verwandtschaftsgruppe

weihnachts:countdown

Die Meisten sind derzeit ganz auf Weihnachten fixiert. Besorgt blicken wir auf den Kalender, wie die Tage bis zum 24. Dezember weniger werden. Mancherorts spricht man vom Weihnachtscountdown. Dazu gibt es unterschiedliche Ausgangspositionen: Ob man früh darüber nachgedacht hat, wie man die Naheliegenden beschenken will, bereits Ende September alle Geschenke beisammen hatte? Diese wohlweislich in der Wohnung oder im Kellerabteil versteckt hat und jetzt darüber spekuliert, wo genau?

Die Heftigkeit des Weihnachtscountdown hängt auch von der familiären Situation ab. Ob Single, zu Zweit, ob Weihnachten in kleinem Kreis gefeiert wird oder doch lieber das große Familienfest. Andersherum, genügt ein Ort zum Feiern oder wird ein letztes Mal auf die Tube gedrückt, weil an diesem Abend an mehreren Stellen gefeiert wird? Sei es mit den Eltern, den Enkelkindern, mit der Familie seines Partners und dann mit der eigenen Familie, die Variationen sind unendlich. Bei einigen erfordert es der Beruf, dass man früher feiert, am Nachmittag oder auch am Ersten Weihnachtsfeiertag. Nur wenigen wird es vergönnt sein, den Montagnachmittag besinnlich zu verbringen.

Es gibt Bequeme, welche sich den Aufwand für den Heiligen Abend, Wohnung schmücken und Essen vorbereiten, nicht antun wollen. Sie buchen eine Reise um im benachbarten Ausland oder Inland Weihnachten zu feiern. Man trifft dort Gleichgesinnte. Mitunter gibt es Weihnachtsverweigerer, welche sich durch die Gefühle die jetzt an die Oberfläche kommen, bedroht fühlen. Außer in der Beziehung, in der Familie, ist man es nicht gewohnt von anderen Menschen Mitgefühl zu bekommen.  Spricht man von Mitgefühl, neuerdings von Empathie, dann die in der Vorweihnachtszeit auftretende Flut von Spendenaufrufen. Oftmals entledigt man sich des Mitgefühl, indem man etwas spendet. Nicht an jedem Unheil ist man schuld und zuständig. Überall, im Inland und Ausland, gibt es Benachteiligte und Katastrophenopfer. Dabei denkt man menschliche Tragödien, wo Vater oder Mutter verunglückt oder unheilbar krank sind, wer versorgt die Kinder? Durch Feuer ein Wirtschafts- oder Firmengebäude eingeäschert wurden. Nicht immer sind es Migranten, welche unter schwierigen Bedingungen leben müssen.

Ende Oktober gab es in Kärnten ein Hochwasser und einen Sturm mit verheerenden Folgen. Besonders betroffen war das Lesach- Gailtal- und Drautal. Vom Orkan wurden ganze Waldstriche ausgelöscht. Die betroffenen Waldbauern sind in zweierlei Hinsicht geschädigt: Zum einem dauert es Jahrzehnte, bis der Baumbestand wieder nach wächst und zum anderem sind die Holzpreise für einen Festmeter um bis zu einem Drittel eingebrochen. Durch die Sturmschäden wird enorm viel Holz angeboten,  die Holzindustrie drückt den Preis.

Regentropfen

manner:schnitten II

Bei der Weiterfahrt zeigt die Betreuerin auf die Hungerburg am Berg. Diese ist seit kurzem mit einer Zahnradbahn erreichbar. Im Zillertal erwartet sie neben viel Musik auch das Kecksfest. Ich zähle die vielen Feste in Kärnten auf: Honig-, Speck-, und Gulaschfest. Käse-, Salami-, und Hendlfest. Der Villacher Kirchtag und der Villacher Fasching ist den Sitznachbarn aus dem Fernsehen bekannt. Die Jüngste wippt und zuckt mit der Musik aus den Kopfhörern mit. Die korpulente Frau bekommt von der Sitznachbarin die Freizeitrevue zum Anschauen und erkennt das Prinzenpaar auf dem Titelblatt sofort. In der Zeitschrift sucht sie nach ihrem Horoskop und liest es der Begleitperson laut vor: „Kommende Woche gibt es Probleme in der Liebe und dies könnte bei ihr schlaflose Nächte verursachen“. Allgemeine Zustimmung, dies sei bedenklich, der Herr grinst. Sie bittet die Betreuerin, sie möge sie auf das WC begleiten.

Der Herr hat alle Mannerschnitten verspeist und er nimmt noch einen Schluck vom Eistee. Ich biete ihm eine bunte Zeitungsbeilage zum Durchblättern an, daraufhin entnimmt er seiner Einkaufstüte eine zerflederte Ausgabe der Tiroler Tageszeitung. Nur diese Zeitung sei das Wahre, ihn interessiert besonders der Sport. Er deutet auf das Foto auf der Titelseite, er kenne die Personen, Merkel und Putin. Inzwischen ist die korpulente Frau mit der Betreuerin vom WC zurückgekommen. Sogleich erklärt sie ihrer Sitznachbarin, dies war jetzt aber knapp. Was raus muss, muss raus, ansonsten bekommt man nur Bauchweh.

Die Schützlinge fragen die Betreuerin immer wieder, bei welcher Station sie aussteigen müssen. Den Fahrschein haben sie griffbereit und warten gespannt auf den Schaffner. Nach der Durchsage, in wenigen Minuten erreichen wir Jenbach in Tirol, nehmen sie ihr Gebäck und streben dem Ausgang zu. In diesem Moment erscheint der Schaffner zur Fahrscheinkontrolle und mit einem Lächeln strecken sie ihm ihre Fahrscheine entgegen.

Nach welchen Kriterien richtet sich bei Seneca ein glückliches Leben? Was bedeuten diese für in ihrer Entwicklung eingeschränkte Menschen? Sind sie in ihrer Art glücklich, wie könnten wir ihr Glück beurteilen? Andersherum, warum sollten wir ihr Dasein bedauern?

 

manner:schnitten

Auf dem Fensterbrett vom Zugabteil des EC, von Bludenz nach Schwarzach St. Veit, liegt das Reclam Heft: Seneca, Vom glückseligen Leben. Im Bahnhof Ötztal füllt sich das Abteil. Die besten Plätze, die Vierer Plätze, sind mit einer oder auch mit zwei Personen belegt. Die Fensterplätze sind am meisten begehrt. Oft werden durch Taschen oder Rucksäcke der Platz neben sich oder gegenüber vorsorglich reserviert, um mehr Platz zu verschaffen. Bei den Zugestiegenen fällt mir eine schlanke Frau mit einer hochgesteckten Frisur und herben Gesicht auf. In den Händen zwei verschiedene Reisetaschen, am Rücken einen Rucksack, so steuert sie auf den Mittelteil des Waggons zu.

Vor ihr ein etwas unbeholfener Herr, mit einer blauen Jeanshose, einem grauen Pullover und auf den Kopf eine Mütze. Auf der Nase eine nach vorne gerutschte Brille mit schwarzer Fassung, in der Hand eine abgenützte Tragtasche aus Stoff. Wird er angestarrt, verzieht er seinen Mund, sein ganzes Kiefer, das ungleichmäßig rasiert ist, zu einem Grinsen. Dabei entblößen sich seine schiefen Zähne. Hintendrein folgt eine korpulente Frau mit Rucksack. Danach der Teenager der Gruppe, im modischen Outfit und die Kopfhörer vom Smartphone im Ohr. Das kindliche Gehabe lässt vermuten, es handelt sich um beeinträchtigte Menschen. Die Betreuerin fragt höflich nach vier freien Plätzen, das Gebäck verstaut sie in der Ablage. Der Herr mit dem schamhaften Grinsen setzt sich vis a vis von mir. Seiner Einkaufstasche entnimmt er eine Flasche Eistee und eine Jausenbox, beides stellt er auf das Tischchen. Aus der Box entnimmt er eine Packung Mannerschnitten und fragt die Betreuerin, ob er sie jetzt essen darf? Jetzt, im Zug, darf er sie essen. Seine liebste Süßigkeit sind Mannerschnitten, meine auch. Allen Sitznachbarn bietet er eine Schnitte an. Wir erreichen den Hauptbahnhof von Innsbruck. Auf die Frage der Betreuerin, ob er schon in Innsbruck gewesen sei, nickt er mit dem Kopf. Die korpulente Frau und das junge Fräulein erzählen, dass sie in das Zillertal auf Urlaub fahren. Dort gibt es keinen Stress, die Arbeit in der Lebenshilfe verursacht manchen Stress.

Manner mag man.