Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

senior:chefin

Am Eingang zum Montafon liegt die kleine Bezirksstadt Bludenz. In der Bahnhofstraße befindet sich eine Papierhandlung traditioneller Machart. Als Papierhändler in Muse werde ich neugierig, wenn vor dem Geschäft zwei Billettständer stehen. Ich benötige eine Geburtstagskarte. Ich suche nach einer Karte, von der ich noch nicht weiß, was sie darstellen soll. Das kleine Glück ist mir hold. Im Geschäft sehe ich alles, was man sich von einem Papiergeschäft erwartet. Von den Schultaschen bis zu den Mappen, eine Vielzahl an einzelnen Papieren, sowie eine schöne Auswahl an einzelnen Stiften. Einerlei ob es sich um Bleistifte, Farbstifte oder einzelne Gelschreiber handelt. In den Supermärkten findet man diese Artikel, wohl auch zur Vermeidung eines Diebstahles, nur mehr in einer Großpackung. Irrtümlich wird dies Vorteilspackung genannt, weil zumeist braucht man nur eine Farbe, die anderen Stifte trocknen aus. In einer Lokalzeitung habe ich unlängst gelesen, dass die Farbstifte einer österreichischen Bleistiftfabrik von Gefangenen in der Justizanstalt Klagenfurt einsortiert und verpackt werden.

Noch arbeitet die Senior Chefin im Papiergeschäft mit und bietet mir zur Glückwunschkarte eine Breitfüllfeder von Lamy an. Der gute Umsatz wäre die Breitfüllfeder gewesen. Eine geschäftstüchtige Dame, trotz ihres fortgeschrittenen Alters. Seit über fünfzig Jahren steht sie schon im Geschäft, erzählt sie mir auf Nachfrage, nachdem ich mich als Branchenkollege geoutet habe. Sie will noch ein Jahrzehnt dazulegen oder länger, zumindest so lange es ihre Füße erlauben. Während meiner Papierhandelslehre ist jeden Vormittag die Seniorchefin in den Laden gekommen.Sie hat dabei immer etwas entdeckt, was sich seit ihrer Zeit verändert hat. Sie war Mitte achtzig, manchmal eine Frage gestellt oder nur unverständlich den Kopf geschüttelt. Was würde diese Generation zu den Veränderungen, welche sich heute innerhalb von zehn Jahren abspielen, sagen?

Turbozeit

unter:nehmer

Es gibt noch gestandene Unternehmer, die weit über den Siebziger hinaus im Geschäft oder im Handwerksbetrieb tätig sind. Für manche ist es ihr Leben, solange sie mobil sind im Laden zu stehen und darum nicht in die Krankheit abrutschen. Es passiert öfters, dass von den eigenen Kindern niemand den Gemischtwarenladen, die Schneiderei oder Schlosserei übernehmen will. Solche Unternehmer leben, wie bei einer christlichen Hochzeit, nach dem Gelöbnis: „Bis euch der Tod scheidet“. In diesem Fall bis der Tod dem Unternehmersein ein Ende setzt. Im Hochmontafon steht ein 92-jähriger Kaufmann noch täglich im Gemischtwarenladen. Der Herr ist von kleiner korpulenter Statur und trippelt vorsichtig zwischen den Regalen hin und her. Sein Refugium ist der Kassenbereich, wo er sich tapfer mit der neuen Registrierkassa herumschlägt, morgens die Tageszeitungen und Zeitschriften auflegt. Die letzte Frage an den Kunden ist, ob man eine Packung Zigaretten mitnehmen will. Ist man während eines Aufenthaltes zweimal in seinem Laden, weiß er über die Waren Bescheid, welche man täglich braucht. Sei es Joghurt, Mineralwasser oder eine Zeitung. Ein Kaufmann vom alten Schlag, wobei alt in vielerlei Hinsicht zutrifft. Zu hause wäre er allein, im Geschäft ist er täglich unter Menschen. Soziologen und Gerontologen weisen darauf hin, wie wichtig auch im zunehmenden Alter das Gespräch mit anderen Menschen ist. Dies trägt zur Verlängerung des Lebens bei, der 92-Jährige ist ein lebendes Beispiel dafür.

Einen Schicksalsgenossen hat er schräg gegenüber, den Schneidermeister, der bereits dreimal aus dem Ruhestand zurückgekehrt ist. Es gibt immer wieder Leute, die bei ihm maßgefertigte Jagdbekleidung bestellen. Nach dem Tod seiner Frau hat er beschlossen seinem Couchdasein im Wohnzimmer ade zu sagen. Sein neues, altes Wohnzimmer ist jetzt seine Schneiderei. Auf den ersten Blick möchte man sagen eine Bude, darin hunderte Schnittzeichnungen auf weißem Packpapier, die aus den offenen Wandregalen quellen. Am Boden Stapeln von Modezeitschriften aus den sechziger und siebziger Jahren. Auf einem Seil dümpeln halbfertige Kleidungsstücke vor sich hin, welche niemand geholt hat. Sein Leben hat sich hierher verlagert, sieben Tage die Woche. Auch sonntags sitzt er nachmittags an der Nähmaschine.

jung:unternehmer

Das zahlenmäßige Alter wird heute nicht mehr als das Alter empfunden und verstanden, wie es noch vor fünfzig Jahren war. Diese Veränderung gibt, der Zeit der Jugend einen immer größeren Spielraum. Was man vor fünf Jahrzehnten als ein gesetztes Alter betrachtet hat, gilt heute noch als jung. In den achtziger Jahren konnte man sich bis zum fünfunddreißigsten Lebensjahr, nach Definition der Wirtschaftskammer, als Jungunternehmer bezeichnen. Solange konnte man Mitglied der Jungen Wirtschaft sein. Heute werden frischgebackene Unternehmer, Ende vierzig, als Jungunternehmer bezeichnet. In einer Presseaussendung werden zwei Firmengründer und Entwickler für ein Sportgerät, um die fünfzig, als Jungunternehmer bezeichnet. Dieser Terminus ist ganz selbstverständlich, weil heute Siebzigjährige noch als die Jungen bezeichnet werden.

Meine Selbstständigkeit, das Jungunternehmertum, begann mit zwanzig Jahren. Nach dem damaligen Gesetz war ich noch nicht Volljährig. Mit der Zustimmung des Vaters erklärte mich der Bezirksrichter für volljährig. Mit diesem Bescheid wurde ich aus der elterlichen Gewalt und Obsorge, wie es damals hieß, entlassen. Ich konnte einen Gewerbeschein lösen, einen Kredit aufnehmen, Heiraten und kaufmännische Geschäfte im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches abschließen. Für die Ausstellung des Gewerbescheines, Kleinhandel mit Waren aller Art, bedurfte es zusätzlich einer Alters Dispens von Seiten der Gewerbebehörde, weil für die Erteilung einer Gewerbeberechtigung das Mindestalter von vierundzwanzig Jahren galt. Rückblickend auf vierzig Jahre Selbstständigkeit sehe ich mich damals als Jungunternehmer.

Reifeprüfung

droh:wort II

Ein anderes Kapitel, wer übernimmt die geistige Verantwortung wenn jemand vergesslich wird? Diese können sich um die geschäftlichen, zumeist sind es private Dinge, nicht mehr ausreichend kümmern. Normalerweise übernimmt die nächststehende Person diese Aufgabe. Sollte es diesbezüglich eine Lücke geben, ist man gut beraten dafür im Vorhinein eine vertrauenswürdige Person zu bestimmen. Um zu vermeiden, dass man jemanden in die Fänge gerät, welcher nur auf einen finanziellen Gewinn aus ist. Ein gerichtlich bestellter Sachwalter ist nicht immer die beste Wahl, obwohl diesbezüglich in Österreich nachgerüstet wurde. Alles, was der Klient selbst erledigen kann, soll nicht mehr fremdbestimmt ablaufen.

Eine, zumeist verdrängte Frage, kann akut werden. Wer was im Todesfall vom Pflegefall, so weit vorhanden, erben wird? Nicht immer wird die Person, welche sich in der Pflege engagiert hat, bei der Erbschaft bedacht. Die Diskussion um die Erbschaft führt oft zu schweren Zerwürfnissen in der Familie. Mit verschiedenen Tricks wird versucht in den letzten Monaten ein Testament zu erstellen oder andere bei der Sachwalterschaft anzuschwärzen. Zu behaupten, dass sich jene nicht um die pflegebedürftige Person gekümmert haben. Im Familienkreis ist vieles durch das gesetzliche Erbrecht geregelt. Eindeutig ist es bei aufrechter Ehe, sowie beim Vorhandensein von Kindern. Notare empfehlen und dies nicht nur aus geschäftlichen Gründen, zur eigenen Sorglosigkeit ein Testament zu machen.

Manche betreiben ein spezielles Hobby oder besitzen eine Sammlung, deren Fortbestand ihnen viel am Herzen liegt. Mehr, als was mit ihren Sachwerten passiert. Diese Weitergabe frühzeitig zu regeln ist eine seelische Erleichterung. Es ist nicht vorhersehbar wie die Erben damit umgehen werden. Manchen ist es peinlich und viele weigern sich, ein Testament zu machen. Immer ist dabei auch der Gedanke an den Tod dabei. Es ist nachvollziehbar, dass man diesen Augenblick weit von sich schiebt. Genauso wie man es sich immer wieder überlegt ein Hörgerät oder einen Gehstock zu benützen. Man will nicht alt und gebrechlich erscheinen, dies solange als möglich vor anderen verbergen.

Gehhilfe