Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

piran: II

Als ich am Hafenkai ankomme unterhalten sich die Menschen unaufgeregt. Von ihnen erfahre ich, dass in den letzten Jahren Kreuzfahrtschiffe vor Piran ihre Anker werfen und die Passagiere mit Tenderbooten an Land gebracht werden. Piran wurde als venezianisches Kleinod für den Tourismus entdeckt, seitdem tummeln sich in den schmalen Gässchen japanische, russische und finnische Reisegruppen. Die Fischrestaurants platzen aus allen Nähten, wenn sich mehrere Touristengruppen für ein Mittagessen angemeldet haben.

Der neue Reiseboom sind Kreuzfahrten. Durch die Größe der Passagierschiffe, dreitausend bis sechstausend Personen haben Platz, sind die Reisen preislich erschwinglich. Der Vorteil gegenüber Busreisen ist, das Zimmer fährt immer mit. Es ist nicht notwendig bei einer Rundreise mehrmals das Hotel zu wechseln. Den reisefreudigen Senioren bleiben dabei die Strapazen, wie bei einer Busreise, die Koffer mehrmals aus- und einzupacken, erspart. Da die großen Destinationen abgefahren sind, werden jetzt kleine Küstenorte, die malerisch gelegen und historisch interessant sind, von den großen Kreuzfahrtschiffen angefahren. Wenn die Tiefe des Hafenbecken für einen Schiffsriesen nicht reicht und die Infrastruktur fehlt, so wird am offenen Meer geankert. Die Passagiere werden mit Tender Booten an Land gebracht.

piran: l

Laute kratzende Geräusche, wie sie morgens an der Uferpromenade von Piran ansonsten nicht zu hören sind, wecken mich um sechs Uhr. Immer wieder, als würde eine Baggerschaufel an einem Felsen schaben. Von der Loggia blicke ich in Richtung Piran und werde von großer Unruhe gepackt. In der Nähe der Hafeneinfahrt erblicke ich ein großes Kreuzfahrtschiff. An Bord dieses Schiffes sind mehr Passagiere als Piran Einwohner hat. Die St. Georgskirche mit dem Turm, das Wahrzeichen des Küstenstädtchen, hätte im Schiffsbauch Platz. Die kratzenden Geräusche wiederholen sich, als würde der Kapitän versuchen ein auf Grund gelaufenes Schiff wieder flottzukriegen. Dieses Manöver wird noch zwei bis dreimal wiederholt, dann herrscht Stille. Nichts bewegt sich. Bei mir entsteht der Verdacht, da ich einige Reisen mit einem ähnlichen Kreuzfahrtschiff gemacht habe, dass dieses den Hafen von Triest verfehlt hat und vor Piran gestrandet ist. Dem Schiff nähern sich keinerlei offizielle Boote, telefoniert der Kapitän mit seiner Reederei? Beichtet er sein Missgeschick und wartet auf deren Anweisungen?

Unausgeschlafen würde ich das Kreuzfahrtschiff vor Piran für eine Fata Morgana halten. Der Hafen der idyllische Kleinstadt ist für den Luxusliner drei Nummern zu groß. Gleiches Erstaunen würde bei mir ein Buckelwal am Strand oder ein Ufo auf dem Tartiniplatz auslösen. An der Promenade herrscht gespannte Ruhe. Wer von den Einwohnern wird sich dem Schiff als Erster nähern oder kommt das erste Lebenszeichen vom gestrandeten Schiff? Über die Landung Außerirdischer wird erzählt, man wartet gespannt bis sich die Klappe öffnet. Mit welchem Signal gehen die Gestrandeten auf die Bevölkerung zu? Kommen sie in friedlicher oder feindlicher Absicht und wen bestimmt die Kommune zum Botschafter, um mit den Ankömmlingen zu verhandeln? Den Bürgermeister, ein Afrikaner?

franz:michael:felder II

Nach der Pflichtschule möchte Franz Michael Felder studieren, erfüllt aber den Wunsch seiner Mutter und bewirtschaftet den Bauernhof. Das Bedürfnis zu lesen bleibt bestehen und er bestellt sich Bücher von einer Bregenzer Buchhandlung. Dort, wird ihm erzählt, gibt es Regale vom Boden bis zur Decke, die alle mit Büchern gefüllt sind. In den Wintermonaten verdiente er sich, beim Dachschindeln fertigen, ein paar Kreuzer dazu. Dieser Nebenerwerb erlaubte es ihm aus Leipzig die Gartenlaube, eine Wochenzeitschrift, zu bestellen. Nach dem Kirchgang versammelten sich die Dorfbewohner in seiner Bauernstube, so viele darin Platz haben, um von ihm die neuesten Nachrichten zu hören. Jeder will einmal selbst die Bilder in der Gartenlaube betrachten.

Auf der Adressschleife sieht F. M. Felder seinen Namen zum ersten Mal in gedruckter Form, davon ist er ganz fasziniert. Als ich meine Kurzgeschichte Die Brille, sowie meinen Namen in der Volkszeitung abgedruckt sah, war ich tief berührt. Felder stellte in Frage, ob das Leben in immer denselben Bahnen verlaufen muss, ob es nicht bessere Möglichkeiten gibt? In seinen Aufsätzen, die er an die Redaktion der Gartenlaube schickte, formulierte er neue Lösungsansätze. Wege, außerhalb der gottgewollten Ordnung, wie es der Pfarrer von der Kanzel predigte. Mühselig versuchte er im Bregenzerwald Geistesverwandte zu finden, mit denen er sich austauschen kann. Für die meisten Dorfbewohner bleibt er ein Sonderling.

Bei mir war es der Roman von Heinrich Böll, Ansichten eines Clowns und Berichte im Der Spiegel, die aufklärerisch wirkten. Darin wurden die bürgerliche Ordnung und die katholische Lehre hinterfragt. Ist alles, wie es sonntags von den Pfarrern gepredigt wird, auch so von Gott gewollt?  Wird damit eine Hierarchie unterstützt, die den Wohlhabenden ihren Wohlstand sichert?

Kirchgang

franz:michael:felder

Franz Michael Felder lebte als Bergbauer von 1839 bis 1869 in Schoppernau im Bregenzerwald. In seinem kurzen Leben setzte er sich für die Bildung der bäuerlichen Jugend und die Gründung von Käsereigenossenschaften ein. Bis dato waren die Bauern bei der Abnahme ihrer Käselaibe dem Wohlwollen einiger Großhändler aus dem Bregenzer Raum ausgeliefert. Die Käsebarone, wie sie genannt wurden, bestimmten den Preis, der zumeist nur ihnen einen Gewinn brachte. Die Bauern hatten kein Mitspracherecht. Durch die Gründung einer Genossenschaft konnten die Käsereien im Bregenzerwald einen marktgerechten Preis fordern.

Im dreißigsten Lebensjahr verfasste Franz Michael Felder eine Autobiographie, Aus meinem Leben. Dieses Buch habe ich aufmerksam und mit  Spannung gelesen. Dabei habe ich Parallelen zu meiner Jugend auf dem Bergbauernhof festgestellt. Seinen Willen und die widrigen Umstände für das Lesen von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern auf einem Bauernhof. Sein Bestreben neben der bäuerlichen Arbeit ein Tagebuch zu führen und schriftstellerisch tätig zu werden. Sich Wissen anzueignen und selbstständig zu denken, war in der damaligen bäuerlichen Welt nicht die Regel. Zumeist orientierte man sich an den Vorstellungen und den Anweisungen der Großeltern und Eltern. Der Pfarrer, Lehrer, Bürgermeister und der Amtsvorsteher hatten im Dorf das Erste und das letzte Wort. Diese Situation gab es auch noch in den sechziger Jahren in Politzen, hundert Jahre später.

Bereits in der Unterstufe hat Felder alles gelesen was ihm unter die Finger kam und  den Nachbarn vorgelesen. Dies waren zumeist Wochenzeitungen, welche der Vater aus dritter Hand vom Amtsvorsteher bekommt. Der Vater stirbt während seiner Grundschulzeit. Der Pfarrer sorgte dafür, dass nur kirchentreue Zeitungen, katholische Schriften aus Tirol, in das Dorf kamen. Keine aufklärerischen und gottlosen Zeitungen aus dem benachbarten Deutschland. Beim Kühe hüten im Sommer auf der Alpe hat Felder am meisten Zeit zum Lesen. Beim Hüten der Kühe habe ich mir auch immer ein Buch mitgenommen. Von der Geschichte war ich zumeist so gefesselt, dass ich einige mal übersah, wenn einzelne Kühe in das Rübenfeld fremdgegangen  sind.

Hochreiterkinder