WISSENS:lücke

Es vergeht kein Tag an dem nicht von den öffentlichen Stellen, von einem Bildungspolitiker beteuert wird, dass die Zukunft unserer jungen Generation in einer guten Ausbildung liegt, dass die Mittel für den Unterrichts- und Forschungsbereich gesichert sind. Die nächsten Jahrzehnte werden ein Leben in einer Informationsgesellschaft sein. Studien über das Ausbildungsniveau von heute sagen, dass es noch nie eine Generation gegeben hat, die so lange studiert hat, wie die Heutige. Vielfach handelt es sich um spezielles Fachwissen, weniger um eine gute Allgemeinbildung. Heute wird nicht mehr verlangt, das man alles weiß, heute zählt ein Internetanschluss und das Zauberwort heißt Wikipedia. Es ist erstaunlich wieviel Kinder im Volksschulalter wissen, oftmals ist es ein Wissen, welches in “der Luft hängt”. Es wurde von den Erwachsenen, aus dem Fernsehen und dem Internet aufgeschnappt. Sie versuchen mit Hartnäckigkeit recht zu behalten, mit  viel Einfallsreichtum werden neue Argumente hervorgezaubert. Eine Gleichwertigkeit von verschiedenen Meinungen existiert für sie nicht, dies dürfte mit der Familienpraxis zusammenhängen. Es löst Freude aus wenn man vom Kind gefragt wird: „Woher kommt der Almdudler“.

Kräuterlimonade.

KUH:stall

In den Handelsgeschäften ist es nicht mehr üblich, dass die Waren im Kopf zusammengezählt werden. In den meisten Fällen werden die Preise in die Kassa eingescannt und so die Rechnung erstellt. Bei den Supermarktkassiererinnen ist jedes Gespür für den Rechnungsbetrag verloren gegangen, was die elektronische Kasse anzeigt, das stimmt. So werden Tippfehler kaum erkannt und wahrgenommen. In meiner Lehrzeit war es üblich, die Posten auf einen Block aufzuschreiben und mit dem Kopf zusammenzuzählen. Dabei konnte es vorkommen, dass man bei mehr  als zehn Posten, beim Nachrechnen etwas anderes herausgekommen ist, als beim ersten Mal. Zum Schluss hat die „Erste Verkäuferin“, so hieß dies damals, die Rechnung noch einmal kontrolliert. So hat sich bei mir im Laufe der Jahre ein Zahlengefühl entwickelt. Damals war es selbstverständlich, dass man das Einmaleins „im Schlaf“ konnte. In der Schule wurde zu Beginn des Unterrichts eine Viertelstunde Kopfrechnen geübt. Heute benützen die Kinder schon sehr früh einen Taschenrechner und manche scheitern bei kleinen Kopfrechenaufgaben.

Beim Melken der Kühe hat der Vater mit uns Kinder das Einmaleins geübt, oder das Zusammenzählen und das Wegzählen. Ich weiß nicht, ob die Kühe auch mitgezählt haben, zugehört haben sie.

Für das Leben lernen wir.

KEUCH:husten

Im ersten Drittel des Schuljahres werden oft die Weichen dafür gestellt, ob ein Schüler dem Unterrichtsstoff  folgen kann oder nicht, ob er ein  schlechter oder ein guter Schüler sein wird, dies gilt auch für Schulanfänger. Vieles, hat man es in den ersten Monaten durch eine Krankheit oder Unfall versäumt, kann nicht mehr nachgeholt werden. Bei mir war es ein Keuchhusten, dass ich in der ersten Volksschulklasse nach dem Schulbeginn zu Hause bleiben musste. Nach den ersten Hustenanfällen hat mich die Mutter in das Bett geschickt, wo ich mich eingeengt fühlte und darauf drängte, dass ich ins Freie, in die frische Luft konnte. Dies wurde abgelehnt. Da sich der Husten nicht gebessert hat, wurde ein Arzt aufgesucht, der bei mir einen Keuchhusten diagnostizierte. Er hat den Eltern geraten, dass ich mich tagsüber im Freien aufhalten soll, dort würde der Husten schneller abklingen. In den nächsten Wochen bin ich in der Früh in der Hofeinfahrt gestanden und habe den Kindern, die zur Schule unterwegs waren, wehmütig nachgeschaut. Nach ein paar Wochen begleitete mich der Vater in die Schule und sagte zur Lehrerin: „Do is da Bua wieda .“ Der Drang, bei körperlichen Beschwerden in das Freie zu gehen, am liebsten in den naheliegenden Wald, ist mir erhalten geblieben.

Die Natur heilt.

FEHLER:frei

Bei den  Vorschul- und Volksschulkindern wird versucht, ihnen mit Druck beizubringen, wie man ordentlich bei Tisch sitzt und isst. Beim Frühstück darauf zu achten, wann ein Familienmitglied das Marmeladeglas oder ein Stück Weißbrot braucht. War es unaufmerksam und hat dies übersehen, so muss es sich dafür zumindest entschuldigen. Das Kind soll lernen Haltung und Geduld zu bewahren. Haltung zu zeigen gehört zu den Goldtugenden, wichtig für das spätere Leben. Es wird verlangt, von seinen inneren Gefühlen nichts zu verraten, egal in welcher misslichen Lage man sich befindet. Das bedeutet bei einem Sturz, der noch so weh tut, jede Träne zu unterdrücken. Verreist die beste Freundin für Jahre, soll es äußerlich den Anschein haben, als gehört dies zu den Alltäglichkeiten. Das Ziel  ist der fehlerfreie Mensch. Noch ist nicht genau definiert ab welchem Stadium die Vollkommenheit beginnt. Oft sind gerade die fehlerfreien Menschen unausstehlich und das Zusammenleben wird zur Qual. Verlangt nicht ein Bibelwort von uns: „Das wir Vollkommen sein sollen wie der Vater im Himmel vollkommen ist. Wer nicht vollkommen ist, wird nicht in das Himmelreich eingehen.“

Viele unserer täglichen Gebrauchsgegenstände sind weniger fehlerhaft  als der Mensch. Bezieht  man die Möglichkeit in Betracht, dass der Mensch krank werden kann und am Ende stirbt, dann erscheint ein Auto, eine Hobelmaschine oder ein Radio um vieles weniger störanfällig. In Amerika entwickelt man einen Roboter der nicht so sein soll wie der Mensch, sondern besser als der Mensch. So, wie wir es gerne wären. Dabei gibt es einen Vergleich mit dem menschlichen Alltag, weil viele Eltern bemühen sich, dass die Kinder mehr erreichen, als sie selbst erreicht haben. 

Messer und Gabel.

LEBENS:genuss

Von der Jugend sagt man, dass sie bei einem zufälligen Treffen auf der Terrasse vom Cafe Platzl oder bei der Autowaschanlage „Fun Wash“ auf die Zeit vergisst. Nach Arbeitsschluss führt der erste Weg beim Kiosk an der B83 vorbei und das Fertigstellen des Gartenzaunes wird auf den nächsten Tag verschoben. Um für die Eltern etwas zu besorgen fehlt oft die Zeit, wenn man nach Hause kommt warten schon die Joggingschuhe auf den Einsatz. Ab geht die Post mit der Freundin, die Gail entlang, in der Almwirtschaft wird zugekehrt. Das Wochenende verbringt man im Cinaplex und irgendwie hat die Freundin die flotteren Sachen, dies ändert man beim Modeshoppen. Die Jungen wollen trendig sein und der Tag soll Spass machen auch wenn das Bankkonto schon schmal geworden ist. Bei größeren Anschaffungen, wie Autos und Wohnungseinrichtung vertraut man darauf, dass alles nach Plan verlaufen wird. Zuerst wird gelebt und dann gespart.

Vor Jahrzehnten war es umgekehrt, man hat zuerst gespart und dann gelebt. Manches mal hat man in der Zeit des Sparens das Genießen verlernt und sich mit der Zeit in der Pension getröstet. Später wird vieles schwieriger und beschwerlicher, auch das Genießen und Feiern. Die wenigsten werden reich geboren, sodass sie nicht arbeiten müssen und nur feiern können. Manche sind davon überzeugt, dass sie einen Auftrag in ihrem Leben haben, für sie kommt Genießen nicht in Frage. Sieht man die jugendlichen, braun gebrannten, fröhlichen Frauen von der Hauskrankenhilfe im Café sitzen, dann kommt einem der Gedanke, dass im Alter nicht alles trübe ist.

Zur schönen Aussicht.