Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

grenz:übertritt I

Seit mehreren Jahrzehnten lebe ich im Dreiländereck Österreich-Italien und Ex-Jugoslawien. Ich genieße es, seit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union und der Schaffung des Schengenraumes, dass die Grenzkontrollen zu den Nachbarländern abgeschafft wurden. Wer lange in einem Grenzort wie Arnoldstein lebt merkt, um wie viel entspannter die Leute heute von diesseits und jenseits der Grenze miteinander umgehen. Es hat früher einen Unterschied gegeben, ob man am Wurzenpass die Staatsgrenze von Österreich nach Jugoslawien oder in Thörl Maglern die Grenze nach Italien überschritten hat. Das Überqueren der Grenze nach und von Italien hatte zumeist einen heiteren Charakter. Dazu dürfte die Aussicht auf ein Glas italienischen Rotwein und einer Portion Spagetti beigetragen haben. Viele Jahrzehnte war der Tarviser Markt das Einkaufszentrum für die Kärntner. Heute weiß ich, es gab organisierte Einkaufsfahrten aus den Bundesländern Vorarlberg und Burgenland zum Tarviser Markt. Von Orten, die etwa sechshundert Kilometer entfernt sind. In der Sommersaison überschwemmten an Schlechtwettertagen die deutschen und die holländischen Urlauber den italienischen Grenzort. Ein Indiz dafür, dass die Gästebetten am Wörthersee, Ossiachersee und Millstättersee gut belegt waren. Einen freien Parkplatz  zu finden war aussichtslos.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deckte man sich am Tarvisermarkt preisgünstig mit schicker Kleidung und Schuhen ein. Der besondere Kick waren Lederjacken, Ledermäntel sowie Handtaschen. Im Vergleich zu Österreich waren die Lederwaren in Italien billig. Bestimmt war es nicht immer die erste Wahl, teilweise mit kleinen Fabriksfehlern. Fehler, die ohne Fachkenntnisse unbemerkt blieben. Dazu kam das Kauferlebnis am Fetzenmarkt, wie der Tarvisermarkt liebevoll genannt wurde. Hier konnte gehandelt werden wie in einem Basar in Istanbul. Wer die Kunst des Feilschens nicht verstand oder sich schämte vor dem Zahlen zu handeln, der war fehl am Platz. Nach dem Kleiderkauf ging man mit dem Gefühl, einen günstigen Kauf gemacht zu haben, vom Marktstand weg. Die Freude währte solange, bis man bei einem anderen Händler dieselben Jeans um zwanzig Prozent billiger angeboten bekommen hat. Trotzdem fuhr man in der nächsten Jahreszeit wieder zum Modeshoppen auf den Tarvisermarkt.

Schöne Frau.

kur:kuh II

Nach den Aussagen der Manager seien die Kuraufenthalte zu wenig effizient und nostalgisch. Diese Aufgaben könnten ebenso ambulante Gesundheitszentren übernehmen. Kuraufenthalte wären ein von der Allgemeinheit bezahlter Urlaub, aufgelockert durch Therapien. Alle,die schon einmal auf Kur waren wehren sich gegen diesen Vorwurf. Sie bestätigen, dass die Kur bei ihnen auf jeden Fall notwendig war. Anders am Nebentisch oder zwei Zimmer weiter, dort hätte es Patienten gegeben, welche jede freie Minute zwischen den Therapien genützt hätten um mit dem Mountainbike Berge wie den, Schmittenstein zu erklimmen. Zwischen Mittagsessen und Nachmittagstherapie  mit dem Fahrrad von Bad Vigaun nach Berchtesgarden geradelt wären. Während des Aufenthalt in der Kuranstalt ein Zweigbüro eingerichtet haben. Heute, zu Zeiten der mobilen Kommunikation, ein leichtes Unterfangen. Dies sind jene, welche beim Warten auf die nächste Therapie am Smartphone die neusten Email checken. Unter den Patienten findet sich auch eine Gruppe von Genussmenschen, welche abends ein Kasino oder Gourmetrestaurant besuchen. Darüber diskutieren, welche nahe gelegenen Sehenswürdigkeiten in der therapiefreien Zeit einen Besuch wert wären. In der Tiefgarage steht eine breite Palette der teuersten Autos, alles was die deutsche Autoindustrie an Prestigeautos anbietet. Treffen mehrerer Faktoren, wie ein starkes Genussleben und ein offensichtlicher Luxus bei der Mobilität zusammen,stellt sich die Frage, ist es sozial verträglich, dass diese Personengruppe auf Kassenkosten auf Kur geschickt wird? Wäre es nicht gerecht, dass diese Klientel die Kosten selbst trägt.

Eine breite Schicht von Kurgästen stöhnt über die Höhe ihres Selbstbehalt, je nach Einkommen. Zumeist sind in den Kurhäusern die Einzelzimmer mit einem Zuschlag behaftet. Es bedarf eines umgänglichen Menschentypus, verbringt man mit einem völlig fremden Menschen in einem Zweibettzimmer einen dreiwöchigen Kuraufenthalt. Keiner weiß etwas über die Vorlieben oder Gewohnheiten des Anderen, diese können den eigenen Lebensgewohnheiten ganz diametral entgegenstehen. Dabei kann Frust aufkommen, was dem Kurerfolg nicht dienlich ist. Allemal eine Überraschung ist, mit wem man zu den Mahlzeiten am Tisch sitzt. Es ist wie beim Lotto, es kann ein großer Treffer mit Zusatzzahl sein oder man kann leer ausgehen.

An schean Tog.

kur:kuh I

Auf den Schultern der Beschwerdenträger, von den lädierten Knie- und Hüftgelenken und den schmerzhaften Lendenwirbeln, wird von den Managern in den Krankenkassenanstalten diskutiert, ob Kuren noch zeitgemäß sind. Ein Vorstandsmitglied ließ mit der Aussage aufhorchen, Kuraufenthalte sind ein Relikt aus der Kaiserzeit und waren etwas für wohlhabende und hysterische Herrschaften, dem ehemaligen österreichischen Adel. Zur Kaiserzeit hat sich der Wiener Adel in den Kurorten Warmbad Villach, Bad Ischl und Bad Hof Gastein getroffen. Dazu gesellen sich die Orte Opatija und Grado an der oberen Adria. Diese Orte waren schon zu Monarchiezeiten mit der Eisenbahn erreichbar. Alle aktuellen Hotelprospekte verweisen auf die ehemaligen Gäste aus dem österreichischen Kaiserhaus. In Österreich leben wir noch oftmals im kaiserlichen Umfeld. Die kostenlosen Kuren werden vor allem von der Beamtenschaft in Anspruch genommen, die direkten Nachfolger der kaiser-königlichen Hofbeamten.

Seit vielen Jahrhunderten war bekannt, dass die natürlichen Heilvorkommen von Thermal- und Schwefelwasser bei längerer Anwendung eine wohltuende und heilende Wirkung auf die Gelenke, den sogenannten Bewegungsapparat ausüben. Gleichzeitig auch besänftigten auf die überreizten Nerven wirken. Andere Heilwasser lindern Beschwerden des Verdauungsapparats,der Gastritis.Der Aufenthalt am Meer vertreibt Atembeschwerden,Bronchitis und Hauterkrankungen. Es gibt eine Unzahl von Indikationen und jeder Kurort versucht seine Indikationen zur Linderung der Beschwerden schmackhaft zu machen. Bei einer Gesundheitsvorsorge kann nicht immer genau geklärt werden, ob eine Therapie sinnvoll oder überhaupt notwendig ist. Meistens handelt es sich um ein subjektives Empfinden, einmal fühlt man sich während der Anwendungen euphorisch, ein andermal werden die Schmerzen stärker. Man verwünscht den Kuraufenthalt, weil zuhause hatte man weniger Beschwerden. Dazu gibt es einen Befindlichkeitsindex, ähnlich dem Bodemasterindex, eine Skala von 0-10.

Eindeutiger sind die Aussagen zur Befindlichkeit bei einem Rehabilitationsaufenthalt. Einer Nachbetreuung nach einer Knie- oder Schultergelenksoperation. Auch die Hüftler, Menschen nach einer Hüftgelenksoperation, brauchen zu ihrer Mobilisierung und Integrierung in den Alltag einen Reha – Aufenthalt. Genauso Menschen nach einem Arbeits-, Auto- oder Freizeitunfall um ganz alltägliche Fähigkeiten, wie gehen, sitzen, bücken und heben wieder zu erlernen. Ähnliches gilt für die Vielzahl an Herzpatienten, mit dem nachfolgenden Ausdauer- und Krafttraining. Die Reha-Aufenthalte stellt niemand in Frage. Es wird gefordert, dass diese viel schneller und effizienter erfolgen sollen.

Gsund bleibn.

fleisch:fresser II

Zum Atomabkommen des Westens mit dem Iran fällt mir ein, dass unsere Familie in die Wirren der iranischen Revolution involviert war. Nachdem der Schah von Persien aus dem Land gejagt wurde, kehrte Khomeini am 1. Feber 1979  aus dem Pariser Exil in den Iran zurück. Bald danach wurden die engsten Gefolgsleute des Schahs, seine Minister und höchsten Beamte, in Schnellverfahren zum Tode verurteilt. Die Hinrichtungen waren öffentlich, Der Spiegel berichtete davon, mit Fotos. Auf einem der Fotos standen mehrere LKWs nebeneinander und am Kranarm baumelten die Strangulierten. Dabei konnte man den Namen der österreichischen Herstellerfirma von den Kranaufbauten gut lesen. Ein Bruder arbeitete damals bei der Herstellerfirma. Die Lkws wurden noch von der Schah- Administration bestellt und auch ausgeliefert. So rutschten wir in das Rad der Weltgeschichte. Heute hoffen viele Firmen beim Aufbau der Infrastruktur im Iran und dem Liefern von Konsum- und Industriegütern auf gute Geschäfte.

Nach diesem Rückblick empfinde ich es als wohltuend, wenn ich bei einem Besuch des Residenzschlosses Ludwigsburg im Gewächshaus folgende Ankündigung lese: Regionaltreffen „der Gesellschaft für fleischfressende Pflanzen,“ in Ludwigsburg am 4. und 5. Juni.  Danach folgt die Ankündigung verschiedener Programmpunkte, die Auflistung der Referate und Referenten. Unter dem Wesen von fleischfressenden Pflanzen stellt man sich als Außenstehender schreckliches vor, bis zu menschenfressenden Pflanzen. Die Ausstellung im dortigen Gewächshaus zeigte, es sind Pflanzen, welche in der Lage sind Mücken, Fliegen und andere Insekten festzuhalten. Danach werden sie von den Magensäften der Pflanzen verdaut. Das Berühren der Pflanzen mit einem Finger hat für den Menschen keinerlei Folgen. Beruhigend, wenn sich Menschen von den aktuellen Kriegs- Terror- und Vergewaltigungsszenarien abkoppeln können. Über ein Wochenende lang den Gefahren, welche von den fleischfressenden Pflanzen ausgehen, zugewendet haben.

Königsmord