notiz:buch II

Nach einer Gesprächsrunde zum Bedingungslosen Grundeinkommen sitze ich in der Aula der Alpen Adria Universität und ziehe ein neues Moleskin Notizbuch aus meiner Jacke. Für mich bedeutet es einen besonderen Reiz inmitten wurliger Menschen meine Einträge zu machen. Dies kann wie jetzt die Uni Aula, ein frequentiertes Caféhaus, eine Sitzbank in der Fußgeher Zone oder ein Zugabteil sein. Ich kann nicht begründen woher die Vorliebe zum Schreiben im öffentlichen Raum kommt? Beobachte ich in der Öffentlichkeit etwas Auffallendes, halte ich dies in den Tageheften prompt fest. Anderseits dürfte es ein exhibitionistischer Zug sein, der mich unter vielen Menschen zu Papier und Bleistift greifen lässt. Seht her, ich habe etwas Bedeutsames zu notieren. Dabei ist ein gewisses Alleinstellungsmerkmal gegeben, da heute nur wenige Menschen in der Öffentlichkeit Notizen machen. Hantiert jemand am Smartphone, so schauen die Umstehenden im nächsten Augenblick gelangweilt weg, dies ist Normalität. Die Masse setzt aktuell auf Kurznachrichten und auf die Spracheingabe am Smartphone.

Beobachte ich jemanden beim Schreiben in einem Notizbuch, so erzeugt dies bei mir Neugierde. Diese Person entzieht sich dem allgemeinen Mainstream, dem Gebrauch von Handy und Laptop in der Öffentlichkeit. Dazu kommt Bewunderung, notiert jemand seine Gedanken handschriftlich. Dies hüllt den Schreibenden in eine rätselhafte Aura. Manchmal könnte der Eindruck entstehen, es handelt sich um eine Aufsichtsperson, welche sich über die Zustände vor Ort Notizen macht. Dazu ein schlechtes Gewissen, weil jeder von uns hat die eine und andere Übertretung im Hinterkopf. In den Kurzparkzonen war es lange üblich, dass die Parkplatzwächter die Strafzettel händisch ausgestellt haben. Dieser Akt ist obsolet, weil heute die Strafverfügungen von einem mobilen Rechner ausgedruckt werden.

Aus dem Tagebuch…

notiz:buch

Haben Kinder ein Interesse an den Notizbüchern der Eltern? Das Interesse dürfte nicht groß sein, da sie die Eltern direkt erleben. Größer wird die Neugier an den Aufzeichnungen in der dritten Generation, zwischen Urgroßeltern und Urenkeln, sowie noch weiter zurück sein. Zwischen damals und heute gab es viele Veränderungen in der Technik, im Essen, in den Umgangsformen, in unzähligen Alltagsdingen. Ein Alltag, von dem die Urenkelgeneration vieles nicht weis: Wie funktionierte die Kommunikation ohne Handy, Fahrkarten konnten nur beim Schalter am Bahnhof gekauft werden. Vor siebzig Jahren gab es keine Selbstbedienung in den Lebensmittelgeschäften.

Die Aussicht gelesen zu werden besteht dann, wenn die Tagesnotizen zeitlich, sachlich oder geografisch verortet sind. Einträge zu einer Region, ihren Menschen und ihrer Befindlichkeit vorhanden sind. Dadurch geschieht eine Zuordnung, die Notizen schweben nicht im geografisch unbekannten Raum herum. Als Tagebuchschreiber nütze ich heute auch der digitalen Möglichkeiten. Es ist beschämend, was auf Facebook gepostet wird, wie sich die User im eigenen Sud wälzen. Vielleicht erleben die schriftlichen Tagebücher eine neue Wertschätzung, wenn es keine Notizhefte und Bleistifte mehr geben wird. Das Schreibzeug zu einem Museumsstück wird.

Eine seltene Begegnungen mit einem Kollegen, er machte Notizen in einem Tagebuch, hatte ich vor kurzem in einer Villacher Kaffeerösterei. In einer Ecke saß der Organist von der Stadtpfarrkirche und machte in seinem Diarium Eintragungen. Immer wieder setzte er den Bleistift an, um ein paar Zeilen einzutragen. Auf seine Schreiberei habe ich ihn angesprochen, da  ich dieser Leidenschaft fröne. Für ihn bietet das Tagebuch schreiben die Möglichkeit seine Gedanken zu ordnen. So verhindert er, dass sie außer Kontrolle geraten und den Kopf in die Luft sprengen. In diesem Sinne hat er sich geäußert…

Kolbenfüllhalter

leber:kas

Die Leere in der Pension erfasste auch den Fleischhauer. Im Fleischerladen war eine Imbissbude integriert. Dort lief immer der Schmäh, kein zimperlicher. Ein großer Teil der Kunden waren Arbeiter vom Baugewerbe, Straßen- und Forstarbeiter und Lkw-Fahrer. Berufstätige, welche bei einer dicken Scheibe Leberkäse oder ein paar heißen Braunschweiger gerne zugegriffen haben. Wo bleibt der Schmäh, wenn die Fleischbank und die Imbissstube zugesperrt hat? Wehmütig schaut der pensionierte Fleischhauer  aus dem Küchenfenster auf den fließenden Verkehr und erkennt das eine und andere Auto. Da fährt der Michael, der Herbert und der Fritz vorbei, einstmals sind sie bei der Heimfahrt von der Arbeit auf an haßn Leberkas stehengeblieben. War es auf der Baustelle auch gnätig, der Kurt kam zu Mittag auf an Sprung, fir a haße Braune vorbei.

Um Punkt zwa Uhr nochmittogs ist der Metzger täglich in den Ort gegangen, um bei der Raiffeisenkasse die eine und andere Rolle Münzen zu holen. Die Anrainer konnten die Uhr danach richten, auf jeden Fall so ganggenau wie die Kirchturmuhr. In der Pension bricht er um zwei Uhr zu seinem täglichen Spaziergang, kreuz und quer durch das Dorf, auf. Einige Dorfbewohner bestellen eine Dose Sasaka, andere ein Dutzend Braune für das Gschnasfest.

Wer könnte schnell und günstig ein Licht in der Garage herstellen? Ein paar Häuser weiter hat der pensionierte Elektrofritze noch immer etwas an Installationsmaterial im Keller. In einer Garage kommt es nicht auf die Schönheit der Lampen an. Außen gehört ein Bewegungsmelder montiert, so geht allen ein Licht auf.

Licht aus

hinter:türl

Familienfreundlich ist das Führen eines Handelsgeschäftes oder eines Handwerksbetriebes nicht. Der deftige persönliche Einsatz ist für die Nachkommen oft keine Einladung den Betrieb zu übernehmen. Diese stellen sich ihre Zukunft anders vor. In der aktiven Zeit waren kein Sonntag und kein Abend zu schade, um nicht eine Hobelbank auszuliefern. Mancher pensionierter Selbstständige versucht das Arbeitsleben ein wenig in die Pension zu verlängern. Es ist ein Geschenk des Himmels, wenn noch einige Stück Hobelmesser lagernd sind, welche von einer Kundschaft nachgefragt werden. Die Zahlung bessert das Taschengeld auf.

Ab Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts besteht vielerorts die Meinung, alle pflanzlichen Arzneimittel durch Chemische abzulösen. In manchen Kärntner Tälern haben die Bewohner entgegen dem Trend beim örtlichen Drogisten bei Rheuma, Magenbeschwerden, Erkältungen oder kalten Füßen zur Linderung der Beschwerden  verschiedene Tees besorgt. Oft werden diese Rezepte von einer Drogistengeneration zur Nächsten weitergegeben, bis die letzte Generation eingeläutet wurde. So hat auch die Drogerie, wie viele weitere Fachgeschäfte am Gemeindeplatz die Rollläden heruntergelassen. Mit einem Hintertürl, der Garagentür. Dort hat der Drogist nach seiner Pensionierung weiter seine treuen und gläubigen Kunden empfangen. Für sie in die Kräuterdosen gegriffen und seine beliebten Teemischungen zubereitet. Die eine und andere heilende und desinfizierende Tinktur bei Verbrennungen oder Verätzungen vorbereitet. So gelingt es die Ruhe im Ruhestand zu unterbrechen, wenn man vor dem Aus steht, was das Leben ausgemacht hat.

Neuanfang

irak:krieg

Die Fernsehnachrichten am Abend des 17. Januar 1991 kann ich vor meinen Augen abrufen. Ich hatte den Eindruck als würde am Bildschirm ein Computerspiel ablaufen. Es waren Nachtaufnahmen und in rascher Folge flogen am Himmel Geschosse auf Bagdad. Der Himmel war in ein grünliches Licht getaucht und helle Kugeln, wie bei einem Silvesterfeuerwerk. Man sah keine Menschen, auch keine Gebäude, es war ein Gefecht wie am Bildschirm eines Gameboys. Die Ansagen der Reporter verkündeten, nicht ohne Stolz, es würden nur militärische Einrichtungen, Kasernen und Waffen zerstört. So, als stünden diese im unbewohnten Gelände und man war begeistert von der Präzision der Raketen, welche sich neuerdings selbst das Ziel suchten. Ein Krieg der Waffensysteme zwischen dem Irak und der westlichen Allianz. Die Raketenangriffe dauerten Tage und nie ist ein Wort darüber gefallen, dass durch das permanente Bombardement auch Soldaten und Zivilisten betroffen sind. Der Krieg der Zukunft, wo es nur um die Zerstörung von gegnerischen Waffen und Infrastruktur geht, ein humaner Krieg. Es gab keine Berichte auf denen tote Soldaten oder Zivilisten gezeigt wurden.

Während des halbjährlichen Aufmarsches der westlichen Bündnispartner steigerte sich in mir die Ungewissheit. Zeitungen und Fernsehen, Journalisten und Kommentatoren spekulierten darüber, wie sich der Golfkrieg auf unsere Wirtschaft, auf die Versorgung mit Erdöl auswirken könnte. Zuoberst kam die Furcht, kann der Krieg auf Europa übergreifen? Liefern sich hier, in Mitteleuropa, die beiden großen Kontrahenten, USA und UDSSR einen Stellvertreterkrieg. So viele unsichere Faktoren und Optionen setzten mir zu, die Fernsehbilder vom Erstschlag lösten die Spannungen. Ein großes Risiko stellte das Verhalten von Israel dar. Da es Zielscheibe von Raketen aus dem Irak wurde stellte sich die Frage, wird sich Israel aus dem Kriegsgeschehen heraushalten?  Oder greift es zur mächtigsten Keule der Menschheit, zu seinen Atomwaffenarsenal. Im Inneren glaubte ich den Berichten der Journalisten nicht. Nach Wochen stellte sich heraus, dass so und so viele zivile Einrichtungen, Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäuser zerstört wurden und in etwa dreißigtausend Menschen ihr Leben ließen.

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