hermann:nitsch II

Das Schlachten erfolgte bei den ersten Minusgraden im Spätherbst. Der Dampf und der Geruch von den körperwarmen Gedärmen sind mir noch immer gegenwärtig. Dieser Geruch breitete sich im Vorhaus, im Stiegenhaus und in der Küche aus und blieb dort die nächsten Tage haften. Wahrscheinlich setzte er sich auch in den Haaren und in den Kleidern fest, ohne dass es uns aufgefallen wäre. Diese Ausdünstungen lockten auch die Katzen und die Hühner an, die den Platz, wo das Schwein ausgeweidet wird nicht vorher räumten, bis sie ihren Anteil bekommen haben.

In den nächsten Tagen gab es geröstete Leber, eine Blutsuppe mit Rollgerste und andere Innereien, welche das Jahr über nicht auf den Mittagsteller kamen. Die Nierndln und das Mark vom Gehirn waren die Gustostückerln für den Vater. Ein Teil der Schweinehälften wurden portioniert und landeten abgepackt, mit Schnitzel, Braten und Gulasch etikettiert, in der Tiefkühltruhe. Die Speckseiten wurden im Troadkasten eingebeizt und in den darauffolgenden Wochen mehrmals gewendet und dann in die Selch am Dachboden gehängt.

In mühsamer Feinarbeit wurden die Gedärme von ihren Inhalten befreit und als Wursthaut weiter verwendet. An einem folgenden Abend wurden die Darmseiten mit der Wurstmasse gefüllt und in die Selch am Dachboden gebracht. Gekochte grüne Hauswürsteln gab es als Kostprobe zur Jause. Der Schweinskopf wurde im großen Häfen, indem zu den Festtagen die Dampfnudel zubereitet wurden, ausgekocht und die Masse zum Gelieren in einem Weidling in das ungeheizte  Kinderschlafzimmer gestellt. Das Teigbrett wurde gereinigt und hinter der Anrichte in der Küche verstaut. Der Haartrog und der Dreifuß von Blut und Schweinsborsten gesäubert und im Schupfen verräumt.

Herbstzauber

hermann:nitsch

Ein Gustostückerl unter den Museen in Wien ist die Albertina, dieses Jahr widmete sie eine Sonderausstellung den Schüttbildern von Hermann Nitsch. Neben den großformatigen Bildern wurde in einem separiertem Raum Videos von seinen Orgien Mysterien Theater gezeigt. Seine spektakulären Kunstaktionen in Prinzendorf, wo man mit dem Schlachten von Schweinen, mit Wein, Weib und Gesang sinnliche Feste gefeiert hat. Bei mir wurden dabei Erinnerungen an meine Jugend auf dem Bauernhof hervorgerufen. Bei der Ankündigung, am Wochenende wird ein Schwein geschlachtet, würgte mich ein gewisser Ekel. Kam der Moment, wo das Schwein vom Stall nach außen getrieben wurde und durch einen gezielten Hieb auf den Kopf, mit der Breitseite eines Hackbeils, betäubt wurde, blickte ich zur Seite. In rascher Folge wurde das darniederliegende Schwein durch einen Herzstich geschlachtet. Eines von uns Kindern musste das herausströmende Blut mit einer Schüssel auffangen. Die Blutschüssel wurde in den Schnee gestellt und das gestockte Blut für eine Blutsuppe und zu Blutwürsten weiterverarbeitet.

Als Kind war für mich ein totes Schwein ein gutes Schwein, damit war die Gefahr, es könnte beim Schlachtvorgang etwas schieflaufen gebannt. Mehr Sicherheit gab es, als zur Betäubung ein Schussaparat verwendet wurde. Das Enthaaren des Schweines erfolgte mit Holzketten, im kochend heißen Wasser und möglichst rasch. Über dem Haartrog wurde der Dreifuß aufgebaut und das Schwein an den Hinterfüßen aufgehängt. Dann folgte das Öffnen des Bauraumes, dabei ähneln sich die Bilder mit denen bei Nitsch, wo nackten weiblichen und männlichen Leibern die Gedärme und Innereien auf den Unterleib, auf das Geschlecht, gelegt werden.

Beim Öffnen des Bauchraumes quellen immer mehr Gedärme, die Lunge, das Herz, die Nieren und weitere Innereien körperwarm heraus. Diese Innereien wurden nicht auf einem nackten Menschenkörper platziert, sondern auf dem Brett, welches zum Zubereiten des Teiges für das Brot- und Reindling backen verwendet wurde. Darauf die Innereien in die Küche zur Weiterverarbeitung gebracht.

Festfolge

krise:chance II

Die Diskrepanz zwischen dem verfügbaren Wissen und dem Handeln des Menschen gibt es seit Jahrhunderten. Für mich ein innerlicher Streitfall und meine Frage an den Vortragenden Metnitzer: „Haben die vielen guten Schriften, Bücher und Belehrungen für einen würdigen Lebenswandel versagt? Wir müssten ansonsten dem Paradies nahe sein, dem Paradies über die Jahrhunderte wenigstens näherkommen sein?“  Die Antwort des Psychologen und Theologen war nicht hoffnungslos, auf jeden Fall ehrlich. Er brachte diese offen zutage tretende Diskrepanz damit zusammen, dass jede neue Generation, jede größere Gemeinschaft, jeden Tag aufs Neue damit beginnen muss, die Welt besser und sinnvoller zu gestalten. Wir können uns nicht zurücklehnen, im Bewusstsein, dass dies schon soundso viele vor uns probiert haben.

Dabei ist mir Sisyphus, der König von Korinth, in das Gedächtnis gekommen, der von den Göttern dazu verdammt war,  täglich einen Stein den Berg hochzustemmen und im letzten Moment rutscht er ihm wieder aus der Hand. Der Mensch muss täglich mit den Aufgaben neu beginnen, in der Hoffnung, dass es ihm diesmal gelingen wird. Mit dem Ende der Vielgötterei durch den Monotheismus sind die Aufgaben und Unbilden für uns dieselben geblieben. Gnädig ist keine Eigenschaft des Göttlichen.

Gott sei bei uns.

krise:chance

Ist es das tägliche Nachrichtenszenario oder ist es der Name, des aus den Medien bekannten Therapeuten, welche die Menschen zum Vortrag, Krise als Chance, magnetisch anzieht? Der Vortragssaal in der Berggemeinde Fresach ist bis auf den letzten Platz gefüllt. In seinen Ausführungen zählt der Psychiater alle aktuellen Krisen auf: Die Klima- und Umweltkrise, die Hungersnöte, die Flüchtlingsströme auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen. Im Fokus stehen die leiblichen Krisenszenarien, weniger die Einschränkungen der geistigen Freiheiten, wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und politische Freiheit. Als westliche Gesellschaft und als Individuum wollen wir immer mehr von den Ressourcen der Welt, ohne mit den anderen zu teilen. Das Bedürfnis unentgeltlich zu helfen, etwas dem Nächsten zurückzugeben, schwindet in der Gesellschaft. Dabei ist das Miteinander für den Einzelnen über lebenswichtig. Daraus entsteht die Kraft  sich gegen negative Gedanken zu wappnen, die zu unserem Menschlein dazugehören.

Davon sind einige stärker betroffen, andere weniger, genauso wie einige ein besseres Immunsystem besitzen, andere ein schwächeres. Seine (drei) Tipps für ein starkes seelisches Immunsystem waren: Sich für etwas begeistern, was macht mir Freude, ein Ziel für die Zukunft haben. Kein übermäßiges Leistungsdenken und die Nächstenliebe. Eine Liebe ohne Gegenleistung, wo ein Dankeschön genügt. Für diese  Lebensweise gibt es Vorbilder in der griechischen Philosophie, in den Schriften der östlichen Religionen und in der Bibel. Ermahnungen von europäischen Gelehrten des Mittelalter, wie Erasmus von Rotterdam oder Hildegard von Bingen. Beispiele In der Neuzeit, Friedensbotschafter Mahatma Gandhi, der Dalai-Lama, Umwelt- und Klimaaktivisten. Obwohl die Menschheitsgeschichte in den letzten zweieinhalb tausend Jahren reich an Mahner und WeisheitslehrerInnen war, stehen wir vor immer größeren Krisen und Herausforderungen. Ich habe den Eindruck, mit Zunahme der Bevölkerung nehmen auch die Krisen zu.

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