arbeits:welt II

Ob es soweit kommen wird, wovon die alten Griechen geschwärmt haben? Nur wer die Zeit hat über das menschliche Dasein zu spekulieren, führt ein wirkliches Leben. Arbeiten war bei der Mittelschicht verpönt. Die Arbeiten erledigten die Sklaven, die Sklavenarbeit von gestern, könnte morgen von den Robotern erledigt werden. Fraglich, ob es das Ziel von eventbegeisterten Menschen ist, über das Dasein und den Sinn des Menschen nachzudenken? Es wäre an der Zeit eine neuen Inhalt für, was bedeutet Menschsein, zu finden. Eine solche Frage erstickt unter der Anhäufung an Gütern und Events.

Die geburtenstarken Jahrgänge, welche die Produktion und das Funktionieren der Infrastruktur durch ihr Pflichtbewusstsein gewährleisten, gehen in den nächsten fünf Jahren in Pension. Könnte es sein, dass plötzlich unsere gewohnte Infrastruktur, die Versorgung mit den Bedarfsartikeln, nicht mehr gegeben ist?  Wird dann die Fungeneration erkennen, dass es Menschen geben muss, die abseits der Events die Versorgung am Laufen halten? Wollen sie es nicht selbst tun, dann werden aus anderen Erdteilen Menschen zuwandern müssen.

Bei einer Panoramafahrt im Dreiländereck, vorbei an Gebirgsseen, durch malerische Dörfer, bis in die Tiefebene von Friaul, wo man das Meer schon riechen konnte, lohnte es sich die wechselnden Landschaften zu betrachten. Zumeist warfen die Teilnehmer nur ab und zu einen Blick nach draußen, die Blicke galten dem Bildschirm vom Smartphone.

Beim Mittagessen bin ich mit einem pensionierten Journalisten in das Gespräch gekommen.  Beide haben wir festgestellt, wie sich die Kommunikation und das Handwerk des Journalisten seit unserer Jugendzeit verändert hat. In den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten die Journalisten die mediale Berichterstattung in ihren Händen, buchstäblich. Wir erinnern uns an die mechanischen Schreibmaschinen und die monströsen Fotoapparate. Am Nachmittag brachten die Redakteure die fertigen Manuskripte stündlich in die Setzerei. Zumeist befanden sich die Redaktionsräume und die Druckerei im selben Gebäude.

Volkszeitung

arbeits:welt

Um über die Zukunft der Arbeit nachzudenken gibt es vielerlei Anlässe. Es muss nicht der 1. Mai sein, wo man traditionell der Arbeiterschaft gedenkt. Es gehört zum guten Ton, dass in den Tageszeitungen, den Wochenzeitschriften und in Fernsehbeiträgen darüber spekuliert wird, wie die Zukunft der Arbeitswelt aussehen wird. Wir dürfen davon ausgehen, dass darüber kaum sichere Prognosen möglich sind.  Das einzig Konstruktive ist, man kann auf die letzten Jahrhunderte, aus eigener Erfahrung auf die letzten fünfzig oder vierzig Jahre zurückschauen. Dabei feststellen, wie sich der ehemalige Beruf oder Arbeitsplatz geändert hat. Nicht nur das Werkzeug für die Arbeitsvorgänge hat sich geändert, in den meisten Berufen gibt es ein mehr an technischer Unterstützung. Manche Aufgaben werden jetzt von Maschinen erledigt, viele Berufe und Arbeitsplätze hat es vor dreißig Jahren nicht gegeben. So in digitalen und elektronischen Bereichen. Ich stelle fest, dass der Fokus zu sehr auf den Maschinen und den Arbeitsplätzen liegt. Vergessen wird ob die Menschen, welche vor fünf Jahren oder in fünf Jahren in das Berufsleben einsteigen werden, sich dasselbe Berufsleben wünschen, wie wir es hatten. Ich sage einmal die Generation der fünfziger und sechziger Jahre. Für uns war es selbstverständlich, dass die Arbeit an erster Stelle stand, Pflichterfüllung. Wie haben uns bemüht, sich im Betrieb durch Fleiß und freiwillige Fortbildung hochzuarbeiten. Wechselte man nicht von sich aus der Firma, hatte man zumeist einen Arbeitsplatz und Job auf Lebenszeit.

Die Wünsche und Vorstellungen der heutigen Berufseinsteiger gehen in eine andere Richtung. Sie wollen sich bei der Arbeit entfalten und ein mehr an Freizeit haben. Sie arbeiten so viel, wie sie brauchen, um ihre Hobbys und die Freizeit zu finanzieren. Sie wollen sich amüsieren, auf einem Altstadtfest, am Strand oder beim Reisen in exotische Länder. Vieles Sehen und Erleben in kurzer Zeit.

Zeitenwandel

land:gang II

Ich hatte gewisse Zweifel an der Geschichte, auf jeden Fall sah ich darin eine grenzenlose Sorglosigkeit. Wir wollten ihnen keine Moralpredigt halten, aber an Bord wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass man beim Landgang nur die Bordkarte und ein Minimum an Bargeld mitnehmen soll. Für die sichere Aufbewahrung von Bargeld, Kreditkarten und Wertsachen gibt es in jeder Kabine einen Tresor. Mit Vorwürfen auf ihr unkluges Verhalten und Mitschuld hielten wir uns zurück. Das Abendessen verlief gedrückt. Am Ende vom Abendessen wandte sich der Bestohlene an ein anderes Ehepaar am Tisch, dieses war aus demselben Land.  Beide unterhielten sich im Flüsterton. Ich ahnte, dass sie diese bitten würden, ihnen Geld zu borgen. Nach dem Abgang wurde uns dies bestätigt. Der Mann schob die Entscheidung über eine Unterstützung auf seine Frau, die Schatzmeisterin wie er betonte, ab. Wir machten den Vorschlag, wenn sie Geld borgen, dann beteiligen wir uns daran. Die Angesprochenen hielten sich mit einer Zusage bedeckt. Wie erwartet fehlte das Ehepaar am nächsten Tag beim Abendessen. Sie werden sich auf Deck Neun beim Buffet schadlos gehalten haben.

Nachdem das bestohlene Ehepaar beim Tisch Platz genommen hatte, erklärten wir von uns aus, dass wir sie für einen Landgang mit einem Geldbetrag unterstützen. Zugleich verzichteten wir auf eine Rückerstattung des Geldes. Zu den vielen Nebenspesen, welche bei einer Kreuzfahrt entstehen, war dies ein entbehrlicher Betrag. War dieser ansonsten aufbrausende und dominante Mann ein guter Schauspieler oder rührte ihn unsere Geste von Herzen? Nach unserem Vorschlag brach er in Tränen aus, sodass ihm seine Frau ein paar Taschentücher reichen musste.

Tempo Taschentücher

land:gang

Auf einem Kreuzfahrtschiff kann man abends im Restaurant aus einer umfangreichen Speisekarte wählen. Das Servieren der Speisen erfolgt außerordentlich rasch und aufmerksam. Das Tischgespräch plätschert an den ersten Abenden so dahin, von der  Unterbringung in den Kabinen bis zum Unterhaltungsprogramm im schiffseigenen Theater. Dazu gehören auch die Eindrücke von einem Tagesausflug, einer Stadtbesichtigung und den baulichen Sehenswürdigkeiten. Von einer Kurzvisite in das Landesinnere oder die Erfahrung wie man mit dem Fahrrad die Küste erkundet hat. Man schwärmt vom großen Fachwissen des Reiseführers. Ohne Führung durch die Innenstadt zu Bummeln, sich unter die Einwohner zu mischen, ist nur in Ausnahmen möglich. Dann, wenn der Anlegeplatz des Schiffes nur ein bis zwei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt ist. Werden Tischgenossen in ihren Erzählungen emotional, dann war man mit dem Reiseleiter unzufrieden, jemand hat sich verletzt oder einem Teilnehmer wurde etwas gestohlen.

Eines Tages ist ein Ehepaar entrüstet zum Abendessen gekommen, der Mann hat mit seiner Wut nicht lange hinter den berggehalten. Den Nachmittag haben sie in Klaipeda  am Hafen in einem Cafe verbracht. Dabei wurde dem Mann die Brieftasche, eigentlich der Inhalt geklaut, das Geld, die Kreditkarte und andere Dokumente. Während dem Kaffeetrinken hatte er die Brieftasche und das Handy am Tisch liegen und nach dem Bezahlen aus Versehen nur das Handy eingesteckt. Seinen Irrtum hat er auf der Straße bemerkt und ist zurück in das Cafe geeilt. Zu seiner Freude ist die Brieftasche noch am Kaffeetisch gelegen. Beim Öffnen der Brieftasche fehlten das Geld und die Kreditkarte. Die Bedienung beteuert nichts Verdächtiges beobachtet zu haben. Das Übliche, wie er sich ausdrückte. Wutentbrannt saß das Ehepaar beim Abendessen.

Auf unsere Nachfrage, eigentlich Anteilnahme, erklärte der Mann, dass ihr ganzes Geld und auch die Bankomat Karte gestohlen  wurden. Auch das Geld und die Kreditkarte der Frau hätten sich in der Brieftasche befunden. Es gab die erwarteten Beschuldigungen und Beschimpfungen auf die Einheimischen, über ihren Umgang mit Touristen. Bedauerlicherweise hätten sie jetzt keine Möglichkeit, besser gesagt kein Geld, um noch einen Landgang in Talin zu buchen. Alle Interventionen auf das Schiff einen Geldbetrag zu überweisen seinen gescheitert.

Seenot