WINTER:sonne

Die Wintermonate sind für viele keine ideale Zeit zum Kuren, andere stoßt die Kälte nicht ab. So treffe ich bei Schönwetter im Kurpark von Warmbad die einen beim Nordic Walking, beim Spaziergang mit dem Hund oder beim Joggen. Die meisten Spaziergänger sind mit Stirnband und Handschuhen bekleidet, andere joggen mit kurzer Hose und T-Shirt über die Napoleonwiese. Einzelne Damen sind in Pelzmäntel gekleidet und wenden ihr Gesicht der Sonne zu. Eine neue Variante des Golfsport probiert ein Herr aus. Er legt Tennisbälle auf den gefrorenen Schnee und schlägt mit dem Golfschläger zu. Als Ziel wählt er einen Baumstamm. Die Senioren vom nahegelegenen Heim werden mit dem Rollstuhl in die Sonne gestellt.

Der Schnee hat die Wiese zugedeckt, das Biotop ist eisfrei. Zur Freude der Kurgäste schwimmen im Biotop orange Fische. Die Attraktion sind Wasserschildkröten, welche von der Thermalanlage in das ruhigere Kurparkbiotop gewandert sind. Einige Schildkröten genießen die Sonnenstrahlen, andere schwimmen huckepack durch den Teich. 

Manchen Gästen sieht man die Lasten des Alltags, die sie in den Kurbetrieb mitgebracht haben, an. Sie gehen in sich gekehrt und gebückt über die Wege. Hier haben sie die Möglichkeit etwas von der Alltagslast loszuwerden und erleichtert die Heimreise anzutreten. Daheim kommen neue Lasten auf sie zu, wenn sie erfahren, dass ein Mitbewerber, der sich durch einen Konkurs seiner Schulden entledigt hat versucht, mit Diskontpreisen, andere Kollegen auszubooten. 

Die nächste Pleite.

SELBST:ständig

In den letzten zehn Jahren mußte ich erleben, dass manche Kollegen ihr Geschäft wegen rückläufigen Umsatz oder bei Erreichung des Pensionsalter zugesperrt haben. Es fand sich kein Nachfolger, auch den Kindern wollte man es nicht zumuten, dass sie das Geschäft weiterführen. Viele soziale Selbstverständlichkeiten die für die Arbeitnehmer gelten, eine geregelte Arbeitszeit, Krankenstand, ein Mindestlohn und Urlaubsanspruch, gelten für den Selbstständigen nicht. Hat ein Berufsgenosse seinen Laden geschlossen,weil für ihn im Handelsalltag kein Platz mehr war, so hat mich dies geschmerzt, als sei jemand aus dem Freundeskreis gestorben. Anderseits zögern manche Mitstreiter, obwohl der Umsatz weniger wird, den Betrieb aufzugeben, weil sie sich den Kunden gegenüber verpflichtet fühlen. Im Verkauf kommt es öfters dazu als Lückenbüßer einzuspringen, weil von den Kunden beim Einkauf in der Stadt etwas vergessen wurde. Manche haben ihr  ganzes Leben dem Geschäft gewidmet, auf Hobbys verzichtet und fürchten jetzt den Schritt in die Pensionierung, dies wäre ein Gang in einen unbekannten Raum. So bleibt man lieber im Geschäft, dort ist alles vertraut.

Vor kurzem ist ein zweiundachtzigjähriger Kaufmann in Pension gegangen und hat bei einer kleinen Feier zu seinen Mitarbeitern gesagt: „Er möchte jetzt sein Leben genießen“.

Sag zum Abschied leise servus.

WAREN:welt

Ich sitze auf den Steinplatten, welche den Kabelschacht entlang der Eisenbahnstrecke zu decken. Vor mir liegt das Moor, hinter mir verläuft die Bahnlinie zwischen Villach und Tarvis . Im Kabelschacht hausen Schlangen, von der Ringelnatter bis zu der Hornviper. Hier haben sie ideale Bedingungen zum Überwintern, zu jeder Jahreszeit ganztägig Sonne. Auf diesem Stück des Radweges, entlang des Möselsteinermoor, finden sich mehr Schlangen als im Naturpark. Aus meiner Rocktasche ziehe ich den Ausdruck von „Ein neuer Mensch“, weil ich längere Texte öfter in gedruckter Form lese, als online am Bildschirm. Am Fahrradweg ist es ruhig,  das Hochwasser im Moor unterbindet den Fahrradverkehr,  die nächste Webseite drängt sich nicht in das Bild .

Der Föhn bricht vom Kanaltal in das Gailtal herein. Um mich bewegen sich die Sträucher, die Bäume, die Blätter der Birken fliegen vorbei und die gelben Blumen ducken sich im Wind. Im Tümpel zieht das dunkle Wasser die Augenbrauen kraus. Dem Wind beugen sich das Schilf und die Schilfkolben. Ein winziger Käfer kriecht die Jacke hoch, einmal ist Sonne, einmal sind Wolken. Von der Bundesstraße trägt der Wind die Fahrgeräusche der Autos zu, die zum Shoppen in das Einkaufszentrum unterwegs sind. Dort kommt man an und niemand kennt einen. Dann wird man für Stunden wer, weil man hier auf Weltniveau einkaufen kann, wie es die Manager immer betonen. Man ist in der Welt der Waren angekommen und telefoniert nach Hause, mit den Daheimgebliebenen, den Sitzenbleibern. Man spürt die Macht, mit der man entscheiden kann, wo man einkaufen wird. An der Kassa ist man eine Nummer, ein namenloser Betrag.

Am Abend leuchtet die rote Reklameschrift vom Einkaufszentrum bis nach Judendorf. „Frauen auf dem Judendorfer Feld“, bezeichnet Hans Piccottini, sein ganz in rot gehaltenes Metallobjekt. Am Judendorfer Feld gibt es einen neuen Supermarkt, ein Frauenhaus. Das Einkaufen, das Einräumen der Waren, das Kassieren, ist Frauenarbeit. Hinter der Glasfassade verrichten sie die Arbeit im Schweiße ihres Angesichts. Soll die Metallplastik gehängt oder gelegt werden, und wie sind die Furchen gemeint, die die Plastik durchziehen. Sind es die Ackerfurchen des Judendorfer Feldes, die mit jeder neuen Wohnanlage weniger werden oder die Furchen der Frauen.

Ein Zug fährt vorbei.

HUNDE:treue

In der Innenstadt von Villach kann ich beobachten, wie treu ein Hund sein kann, oder ist es die Aussicht auf eine Belohnung? Eine Frau überquert mit einem Hund an der Leine einen kleinen Platz. Der Hund dreht sich immer wieder um und richtet seinen Blick nach oben, zu einem Fenster in einem mehrgeschossigen Wohn­haus. Die Frau drängt den Hund zum Weitergehen, er macht genau das Gegenteil. Er dreht sich um, setzt sich auf sein Hinterteil und blickt zu den Fenstern im ersten Stock empor. Er ist mit Worten nicht  zu bewegen seinen Platz zu verlassen, er fängt leise zu jammern an. Die Hundebesitzerin erklärt: „Normalerweise zeigt sich eine Bekannte hinter dem Fenster, öffnet das Fenster und wirft dem Hund  einen Leckerbissen zu“. Heute bleibt das Fenster geschlossen, es brennt auch kein Licht in der Wohnung. Der Hund ist nicht bereit weiterzugehen und fängt zu klagen an. Um sich Klarheit zu verschaffen, will die Hundebesitzerin in den Wohnblock gehen und bei der Bekannten anläuten. So kann sie klären, ob sie nicht zu Hause ist oder ob sie irgendwelche Beschwerden hat.

 

Pflichtbewusstsein.