vorteil:card I

An schean Tog noch haben inzwischen alle verinnerlicht und es kommt uns so selbstverständlich von den Lippen, wie das Amen am Schluss vom Vater Unser. Es wird so regelmäßig angewandt, wie das Atmen. Diesen Spruch benützen der Fenstermonteur und die Fitnesstrainerin, die Kellnerin und der Kranfahrer, die Verkäuferin und der Vogelhändler, der Malergeselle genauso wie der Mostbauer. Ich glaube nicht, dass dieser fromme Wunsch nur irgendeinem Menschen etwas genützt hat. Zumeist steht dahinter erst gar nicht der innerliche Wunsch, dass es für den anderen ein schöner Tag werden soll. Auch sollte der Wunsch ehrlich gemeint sein, so ist es undefinierbar, wie dieser Schaene Tog für den Einzelnen ablaufen soll. Es gibt genügend Menschen, welche mit dem Wunsch, An schean Tog noch, im Innersten damit nichts anfangen können. Nachdem sich der Glückwunsch, ob passend oder unpassend, An schean Tog noch, mehr als abgenützt hat, macht sich eine neue Redensart breit. Da der Mensch größtenteils gewinnorientiert ist, sich von ideellen, von gefühlsmäßigen Wünschen nicht wirklich angesprochen fühlt, hat man eine neue Redensart eingeführt: Haben sie eine Vorteilscard?

Für den Häuslebauer gibt es die BonusCard von der Baumarktkette, zum Einrichten die Luxuscard vom Möbelhaus. Wer regelmäßig das Fitnessstudio besucht bekommt Bonuspunkte mit denen er das Handtuch mit Firmenwerbung, das Fitnessleibchen und die Trinkflasche günstiger erwerben kann. Gäste, welche regelmäßig zum Essen kommen, können von der Kellnerin eine Abokarte  erwerben. Sie können unter dreierlei Menüs wählen.Die Supermarktkassiererin fragt, bevor sie An schean Tog noch wünscht, ob man eine Kundenkarte hat. Dabei spielt es keine Rolle ob man ein Flasche Mineral um 50 Cent  oder für die nächsten Wochen Lebensmittel um Fünfundfünfzig Euro kauft. Wer die Frage nach der Kundenkarte verneint, dem wird versucht eine Kundenkarte aufzuschwatzen mit dem Hinweis, es gibt spezielle Angebote für Kundenkarteninhaber.

Kartenetui.

smart:phon II

Wie allgegenwärtig das Handy ist und wie wir damit überall erreichbar sind, erlebte ich an einem Samstagnachmittag in der Klagenfurter Innenstadt. Jeder kann dies für sich beobachten, am liebsten telefonieren die Menschen, wenn sie gerade durch die Stadt bummeln. Meistens geht es darum, sich mit jemandem zu treffen, eine Verabredung innerhalb der Stadt auszumachen. Dabei nehmen wir automatisch an, dass die gewünschte Person am Handy erreichbar ist. Niemand will sich im Vorhinein festlegen, wo man sich um elf Uhr, nach Erledigung der Besorgungen, treffen will. Alles wird im letzten Moment fixiert. In der engen Kramergasse, auf dem Weg zum Alten Platz, steht inmitten der Fußgängerzone eine beleibte Frau. „Rüsselchen wo bist du“, flötet sie in das Handy? „In den City Arkaden bist du, wo? am WC! Geht es dir gut, hast du schon alles erledigt? Warte dort auf mich, ich hole dich am WC ab. Küsschen, tschüss Rüsselchen“. Das geliebte Rüsselchen ist für sein Schatzi auch am WC erreichbar. Es will keinen Augenblick alleine sein.

Manche spielen in der Fußgängerzone Geige, andere auf der Posaune und wieder andere knien am Boden um zu betteln. Im bunten Innenstadtbereichen trifft man sie auf Schritt und Tritt. Einer spricht mich vor einer Bäckerei an. Er verlangt von mir zwei Euro, er will sich etwas zum Essen kaufen. Einen anderen muss ich ansprechen, dass er mir die Straßenzeitung Mut  verkauft. Wer es im Trubel mit mitleidigen Gesten nicht schafft Aufmerksamkeit zu erlangen, versucht es mit dem regelmäßigen Läuten einer Kuhglocke. Er selbst steckt in einer Mönchskutte und hat sein Gesicht mit weißer Schminke eingefärbt, er ist ausdruckslos. Aufgeschreckt wenden sich ihm einige zu, andere senken hilflos ihren Blick auf die Straße. Der Laienmönch kann sich ein Lachen nicht verkneifen. An die Armut dieses Straßenkünstlers will niemand so recht glauben.

Klosteralltag.

milch:käse

Beim nahegelegenen Lebensmitteldiskonter in Völkendorf herrscht seit einigen Wochen eine aufgeheizte Atmosphäre. Daran waren nicht nur die hohen sommerlichen Temperaturen Schuld, dazu kommt noch, dass gegenüber ein Getränkediskonter seine Pforten geöffnet hat. Dies ist erst möglich geworden, nachdem erstgenannter Lebensmittelmarkt neu gebaut hat und sein ehemaliges Geschäftslokal vom Getränkediskonter okkupiert wurde.

Eine der Verkaufspromotion dieser Woche bestand darin, dass ein großgewachsenes, schlankes Fräulein im Eingangsbereich Käsewürfel zur Verkostung angeboten hat. Bekleidet mit einer roten Bleamele Bluse versuchte sie die eintretenden Kundinnen zu einer Kostprobe zu animieren. Auf der Promotiontheke lagen ein paar Folder der Kärntner Molkerei und unter zwei Glaskuppeln Käsebrötchen. Dies ist ein Schimmelkäse, dies ist ein Hartkäse und man flanierte weiter. Vor der Kassa staute es sich im Markt, von dreien war nur eine geöffnet. Um die Mittagszeit hatten es die Kunden, welche sich eine Jause geholt hatten, eilig. Zwischen den Jausenkäufern Menschen mit einem Dreitageseinkauf. Ältere Menschen, welche mehr als einen Kassenbon brauchen, etwas Zuwendung und zwei persönliche Sätze. Der junge Bursche, ein routinierter Kassierer, hilft auch schon einmal einer betagten Frau das Geld aus dem Börserl zu fischen. So werden in der Warteschlange immer mehr Rufe laut, eine zweite Kassa zu öffnen.

Beim Verlassen des Lebensmitteldiskonters mache ich die Käseprobenverteilerinn darauf aufmerksam, man würde dringend jemand Zweiten zum Kassieren brauchen. Hier wäre sie entbehrlich. Abwehrend hebt sie die Hände und verweist darauf, sie sei nur die Praktikantin. Dies entlockt der Wurstverkäuferin hinter der Feinkosttheke ein Schmunzeln. Ein Herr gesellt sich zu uns, entnimmt der Käseglocke eine Probe und ist mit dem Geschmack sehr zufrieden. Ihn würde eines interessieren, wie viel die Kärntner Bauern von der Molkerei für einen Liter Milch bekommen? Das Gesicht der Praktikantin verwandelt sich in ein großes Fragezeichen.

Für die zumeist anspruchslosen Arbeiten, wie Kostproben verteilen oder saisonale Waren vor dem Geschäft zu verkaufen, werden vornehmlich Lehrlinge oder Praktikantinnen eingesetzt. Dieses Los teilte auch einmal eine Nichte von mir. Sie musste als Konsumlehrling, auf dem Bahnhofsvorplatz in Villach, in der närrischen Zeit, Faschingskrapfen verkaufen. Von zarter und kleiner Statur stand sie bei Minustemperaturen im Freien und versuchte mit dem Schlachtruf Friische Kraapfen den Berg von Krapfen abzubauen. Auf der Weite des Platzes, mit dem großen Standl und dem Berg von Faschingskrapfen machte sie in der Winterkälte einen erbärmlichen Eindruck. Obwohl es von ihr aus dieser Zeit kein Foto gibt, sehe ich sie heute noch im weißen, dünnen Verkaufsmantel mit dem Konsumlogo auf der Brust vor dem Forum Kaufhaus stehen.

Bauernkrapfen.

brief:kasten

Im Zeitalter des Internet und der Handykultur verschwinden immer mehr praktische Einrichtungen aus dem öffentlichen Raum, ohne das dies zunächst auffällt und wir sie vermissen. Dies betrifft den ländlichen Bereich genauso wie die Innenstädte. Wer ist im Dorf oder in der Stadt noch darauf angewiesen, dass er für seinen Alltag eine öffentliche Uhr benötigt?  Außer an der Fassade oder in der Eingangshalle  vom Bahnhof  gibt es im öffentlichen Bereich kaum noch Uhren. Einen großen Chronometer, auf dem man vom Gehsteig aus, die Uhrzeit ablesen kann. Fast ausnahmslos hat jeder sein Handy in der Jackentasche und blickt zwischendurch immer wieder darauf. Vielen Handybenützer geht es einfach um die Uhrzeit. Je weniger die traditionellen  Armbanduhren von den Jugendlichen getragen werden, umso größer ist das Angebot in den Schaufenstern bei den Juwelieren. Vor Jahrzehnten war es üblich, dass die Mädchen und die Burschen zur Heiligen Firmung von der Firmpatin oder dem Firmpaten nebst einem Rosenkranz eine Armbanduhr als Geschenk erhalten haben. Danach war lange Zeit ein Fahrrad das passende Geschenk.

Eine öffentliche Uhr am Hauptplatz oder im Stadtpark diente vielen Verliebten als Treffpunkt für eine Verabredung. Damit wurden zwei Fliegen auf einen Streich erledigt. Zum Einem wusste jeder unmissverständlich wo sich der Treffpunkt befand, zum Anderem konnte man die Pünktlichkeit des Partners im Auge behalten. Vor der Jahrtausendwende konnte man sich eine Woche vorab für den Samstag um 14 Uhr bei der Weikhard Uhr am Grazer Hauptplatz verabreden und der Termin war bombensicher. Dazwischen gab es keine Telefonate und keine Terminverschiebungen, wie wir es heute, Dank oder Fluch des Handys, stündlich erleben. Die Weikhard Uhr zählt auch heute noch zu den wenigen Relikten öffentlicher Uhren. Diesen Treffpunkt gibt es seit vielen Generationen. Auch bei meinem Präsenzdienst in Graz diente der Platz rund um diese Uhr als Stelldichein. Inzwischen liegt die Amokfahrt eines 26jährigen durch die Grazer Innenstadt einige Monate zurück, wobei diese auch an diesem Treffpunkt vorbeiführte. Eventuell hatten sich Personen zu dieser Zeit, an dieser Stelle, verabredet und mussten die Amokfahrt mit den tödlichen Folgen mit ansehen.

Das gleiche Schicksal wie den öffentlichen Uhren ereilt die Briefkästen. Früher hat es an jeder Straßenecke einen gegeben, mit der leuchtend gelben Farbe haben sie einem sofort in das Auge gestochen. Mit dem Aufkommen von FAX und Email, mit dem verschicken von SMS per Handy,  wurden viele der Briefkästen abmontiert. Befindet man sich nicht in der Nähe des Haupt- oder Bahnhofpostamtes, dann bedarf es Adleraugen, um heute noch einen Briefkasten auszumachen. Da nützen auch die flotten Sprüche, welche die Briefkästen zieren, nichts: „Wenn es sicher sein soll, dann lieber mit der Post“ oder „Die Post bringt jeden etwas“. Um in den Genuss von Sozialleistungen zu kommen, ist es heute von Amtswegen unerlässlich, dass man über eine feste Post- und Wohnungsadresse verfügt. Für Zahlungsüberweisungen ein fixes Bankkonto. In naher Zukunft wird auch dafür eine Handynummer oder ein Googlekonto genügen, wohin man die Post schickt und das Geld überweist.

Staatsbürgerschaftsnachweis.

jausen:brot II

Der Meldeamtbeamte war dabei seine Stolle zu verzehren und ich platze in seine Kanzlei. Schnell verschwindet das Jausenbrot in der offenen Schublade im Schreibtisch. Ein unwirsches, was brauchen sie,  ist der erste Satz den er mir entgegen schleudert. „Eine Wohnungsänderung, haben sie das Anmeldeformular bereits ausgefüllt? Nein, es liegt am Gang auf. Zudem Mietvertag bzw. eine Bestätigung des Vermieters, dass sie unter dieser Adresse wohnen, dann sehen wir uns wieder. Auf Wiedersehen. Eigentumswohnung, dann müssen sie den Kaufvertrag mitbringen“.  Beim Satzende ist die Schublade endgültig geschlossen und ich stehe am Gang vor der Türe. Das Formular zur Anmeldung eines Hauptwohnsitzes liegt am Eingang auf.

Geschwind lese ich die einzelnen Punkte durch, vielleicht gibt es noch die eine oder andere offene Frage? Etwas ist mir am Formular unklar, soll ich zuerst den alten Hauptwohnsitz abmelden oder mich zuerst neu anmelden und dann abmelden. Noch einmal in dasselbe Bürozimmer, lieber nicht. Ich probiere es beim nächsten Zimmer. Am Schreibtisch sitzen zwei junge Burschen, einer davon im Rollstuhl. Ein freundliches was können wir für sie tun, welches Anliegen haben sie? Ich habe eine Frage zum Wechsel des Hauptwohnsitzes, wir können die Ummeldung gleich vornehmen, haben sie ein Ausweisdokument mit? „Ja, den Reisepass, aber keinen Kaufvertrag.“  „Der Reisepass genügt, den Kauf  können wir online im Grundbuchregister nachsehen“.  Die Verständigung bei der alten Wohngemeinde vom Hauptwohnsitzwechsel erledigen wir. Nach fünfzehn Minuten habe ich einen neuen Meldezettel. Einen schönen Tag noch.

Resttage.