ROTE:stuhl

Vor der Stadt liegt das Viertel der gelben, blauen, grünen Neonröhren, der blinkenden, laufenden Leuchtreklamen, der Werbespots. Abends umschwirren die Shoppingsüchtigen die Leuchtreklamen wie die Maikäfer das Gartenlicht. Nach regnerischen Frühlingstagen wird das Lichterviertel von einer Nebelbank eingehüllt. Durch die Nebelwand leuchten rot die Umrisse von einem übergroßen Stuhl. Bei Tagesanbruch sieht man zwischen den frisch verschneiten Berggipfeln das Rosa der inneren Schamlippen von den Nachtträumen. Der Schnee verfärbt sich im Frühsommer rosa, von den Fußverletzungen und Rippenbrüchen. Die Sitzfläche des roten Stuhls zieren Heizspiralen, die sich in den Hintern brennen. Wer sitzt als erster auf den roten Stuhl, wer besteht die Feuerprobe. Kommt das Leben abhanden, dann bleibt das Ich übrig, das Unbekannte. Wer kennt sein körperliches Inneres. Die Funktion der Leber, der Lunge, des Herzen, die Schmerzen der Nieren, die Trägheit des Darmes. Was tun, wenn die Funktionen nachlassen. Das Sitzen am Stuhl schnürt den Darm ab, es schneidet in die Darmwand. Mit dem Feuerstuhl fährt man zwischen den Berggipfeln in ein fremdes Land.

Feuerwagen.

WUNSCH:los

Die  Einkaufszentren laden zu einem Rabatteinkaufswochenende ein, alles minus 10 bis 20 Prozent. Dort  wird man schon lange nicht mehr gefragt: „Haben sie noch einen Wunsch.“ Früher war dies beim Greisler eine Standardfrage, wenn alle gewünschten Artikel auf dem Verkaufspult standen. Die Positionen wurden durchgezählt und mit den Posten am Kellnerblock vom Villacher Bier verglichen. Danach händisch zusammengezählt, zweimal zur Kontrolle. Dies ging alles sehr schnell, nicht ganz so schnell wie heute beim Scannen im Supermarkt. Von der Supermarktkassiererin wird verlangt, eine gewisse Anzahl von Positionen, in einer gewissen Zeit einzuscannen. Erreicht sie das vorgeschriebene Limit nicht, ist sie ihren Job los. Da bleibt keine Zeit zu fragen: „Haben sie noch einen Wunsch“. Bei einer Begegnung auf der Straße wird nach der Begrüßung oft gefragt, wie geht es heute und es heißt dann, ich bin wunschlos.

Wunschlos glücklich sein kann man auch, wenn man infolge eines grippalen Effekts im Bett liegt, keine ernsten Beschwerden hat, und sich die Zeit gönnt auszuspannen. Nichts muss funktionieren, niemand verlangt etwas, alles geschieht freiwillig. Die Augen, die Gedanken, den Körper baumeln lassen.

Vitamin C Brause. 

BILD:genau

Wir ersticken in einer Flut von Bildern, die Wörter geraten in das Abseits. Die meisten Bilder werden nicht mit der Digitalkamera sondern mit dem Handy gemacht. Dabei wird keine menschliche Situation ausgelassen. Ob die Frau auf dem Balkon sitzt, aus der Dusche kommt oder das aktuelle Mittagessen. Hat man Besuch und sitzt  im Wohnzimmer bei einem Glas Bier, vergeht keine Viertelstunde und jemand zückt sein Handy um ein Foto zu schießen, die Gesichter sind zum Abschuss freigegeben. Bei einer Feier im Partyraum zu einem runden Geburtstag ist es selbstverständlich, dass das Lachen jedes einzelnen festgehalten wird, dauert es auch nur drei Sekunden. Man will allen zeigen wie gut man sich versteht, wenn es auch nicht  so ist. Ist man Mitglied beim örtlichen Gesangsverein, dann kommt der Obmann mit ein paar Sangesbrüdern um ein Ständchen zu singen. Alles auf der Homepage nachzuschauen.   

Bei einer Veranstaltung der Wirtschaftskammer, ein Vortrag eines bekannten Zukunftsforscher, drängen die Funktionäre in das öffentliche Interesse. Niemand will es versäumen, zusammen mit den Landespolitikern, in die Tageszeitung zu kommen. Über die Zukunft kann man nach dem Vortrag nur rätseln und Überraschungen sind nicht ausgeschlossen.

Sitze ich auf dem Hauptplatz der Draustadt, dann kann ich den gezückten Handys mit meinen Augen folgen und dabei eine fotografische Reise über den Hauptplatz machen. Von einer Hausfassade zur Anderen, von einem Denkmal zum Nächsten. Es wird nicht vergessen auch die Frau und die Kinder auf das Bild zubringen.

Ziehen Jugendliche in einer Gruppe durch die Stadt wird es rasanter. Das gibt mehr Aktion, komische Situationen, da werden die Mädchen von den Buben geschubst, eine Tasche wird geschnappt, einem Mädchen nachgelaufen, wie soll man sonst seine Gefühle ausdrücken. Da bleibt kein Handy in der Jacke, alles wird mitgefilmt. Besonderen Spass gibt es im Vergnügungspark. Bei einer Fahrt durch das Gruselkabinett, mit dem Gokart im Autodrom, wobei man andere Autos rammt, dass es die Freunde fast aus dem Auto schleudert. Bei der Fahrt auf der Achterbahn bleibt kein Mund geschlossen und die Gesichter verzerren sich. Diese Schrecksekunden muss man festhalten und auf YouTube online stellen, dass es alle Welt sieht. Wer schaut dort noch genau hin, wenn alle dort sind, außer man ist prominent, dass sich für die anderen das Hinschauen lohnt. Wer wird sich an diese vielen Bilder, Videos noch erinnern? Diesen Bildern wird kaum dieselbe Aufmerksamkeit zuteil werden, wie den Schwarz-Weiß-Bildern, die es noch in den Familienalben gibt. Von uns selbst, den Eltern, der Taufe oder der Hochzeit.

Rarität.  

RISIKO:faktor

Ärgert man sich über den starken Verkehr auf der Umfahrungsstraße oder sieht man wie in der Nähe  ein Einfamilienhaus gebaut wird, dann fragt man sein Gegenüber, was wird sich in den nächsten zehn Jahren noch alles ändern?  Passt man genau auf merkt man, dass das Gegenüber für einen Moment zusammen zuckt. Für einen zwanzig oder dreißigjährigen Menschen sind zehn Jahre ein vernachlässigbarer Zeitraum, für einen siebzigjährigen oder achtzigjährigen Menschen ist es ein Zeitraum der gewisse Unsicherheitsfakten in sich birgt. Die materielle Basis ist meistens abgesichert, in Österreich kann man sich auf die Pension und die Sozialleistungen verlassen. Man hofft, dass die Wirtschaftskrise gemeistert wird und der Wohlstand keine neuen Risse bekommt. Der große Risikofaktor ist die Gesundheit, es hängt vieles vom  momentanen Gesundheitszustand ab. Viele Krankheiten tauchen im Alter aus dem Nichts auf, bestehende Beschwerden verschlechtern sich zusehends. Da kann man nicht mit Bestimmtheit sagen, ich werde in zehn Jahren sehen, wie sich der Verkehr entwickelt hat.

Andere, die jetzt  aus dem Arbeitsprozess ausscheiden haben plötzlich Zeit sich ihrer inneren Berufung zuzuwenden. Sie stellen fest, dass, wenn sie mehr als eine Talentprobe abgeben wollen einige Jahre, vielleicht ein Jahrzehnt brauchen werden, um sich durchzusetzen. Wie wird es um die körperliche Verfassung und geistige Gesundheit bestellt sein. Manches, was für drei Jahre geplant ist, braucht plötzlich fünf Jahre.

In einem Gasthof in Warmbad Villach, welches von einem jungen Ehepaar vor drei Monaten neu eröffnet wurde entwickelte sich beim Zahlen mit dem Wirt ein Gespräch. Man erkundigte sich, wie sich die Besucherzahlen seit der Eröffnung entwickelt haben. Der Wirt meint, dass es immer mehr werden. Er würde dies auch brauchen, er müsse  bis zur Pension noch dreißig oder gar vierzig Jahre arbeiten. Da stellte ihm der Gast die Frage: „ Was sind die schöneren Lebensaussichten, bis zur Pension noch dreißig Jahre zu arbeiten oder  wegen des fortgeschrittenen Alters fast sicher sein, dass man nicht mehr sein wird.“

Strassenkreuzung.