sprech:zimmer I

Nicht immer strahlten die Wartezimmer der Ärzte eine Atmosphäre aus, wo man sich wohl fühlen konnte. Dabei machte es keinen Unterschied, ob es sich um eine Landarztpraxis oder eine Facharztpraxis in der Stadt handelte. Einstmals legte man auf die Ausgestaltung der Wartezimmer keinen besonderen Wert. Die Wände waren beklebt mit verschiedenen Informationen zu Krankheiten und der Aufforderung zu einer Vorsorge Impfung. Zumeist sah man den ausgehängten Plakaten ihr langes Dasein an. Die Sessel zeigten deutliche Spuren, welche die vielen Patienten hinterlassen hatten. In der Innenstadt handelte es sich oft um Räume mit einem Fenster in den verlassenen Innenhof und die Stühle standen am Gang. Beliebt waren dazumal bei den Fachärzten die sogenannten Wartenummern. Schon früh morgens, ab sechs Uhr, suchte man das Wartezimmer des Facharztes auf und zog eine Nummer. Irgendwo stand ein Hinweis, bei welcher Nummer der Arzt am vorherigen Tag mit der Ordination aufgehört hatte. So konnte man sich ein Bild verschaffen, wie lang die Warteschlange vor einem ist.

Mit dem Frühzug fuhr die Mutter mit mir von Politzen nach Villach, um schnurstracks beim Augenarzt auf den Hauptplatz eine Nummer zu ziehen. Danach erledigte die Mutter verschiedene Einkäufe. Vis a vis gab es das Kaufhaus Warmuth, mit seinem breitgefächerten Sortiment, von der Bekleidung bis zu den Haushaltsgeräten. In der Nähe befanden sich der Eisenhof sowie die Samenhandlung Streit. Im Schaufenster der Buchhandlung Pfanzelt am Unteren Kirchenplatz sah ich Bücher, die ich mir wünschte. Vom zu vielem Lesen hat mir die Schulärztin abgeraten, da ich schon als Kind eine Brille brauchte. Die Ursache dafür sah sie im zu vielen Lesen. Am späten Vormittag eilten wir in die Augenarztpraxis, um auf den Aufruf unserer Nummer zu warten.

Der Nächste.

kur:himmel II

Einen anderen Aspekt hat der Reha Aufenthalt. Dabei versucht man mit den Patienten nach einem Schlaganfall, einer Herzoperation, einer Hüfte-, Knie- oder Wirbelsäulenoperation oder einem Arbeitsunfall ihre körperliche Mobilität wiederherzustellen. Im besten Fall gelingt es, dass der Patient wieder voll arbeitsfähig wird. Für diese intensiveren Gesundheitsmaßnahmen bedient man sich gerne der Einzeltherapien. Diese sind etwas kostenintensiver, erzielen aber auch bessere Erfolge.

Es ist nicht einfach nach einem Kuraufenthalt den Erfolg in Worte zu kleiden. Nicht für den Kurgast und nicht für die Kurärztin bei der Abschlussuntersuchung. Gerne bedient man sich dabei der Befindlichkeitsskala von 0 bis 10. Zehn bedeutet weiterhin einen schmerzhaften Zustand. Vielfach begnügen sich Kurärzte damit, dass sie bei der Enduntersuchung nach dem Befindlichkeitsstatus fragen und ihn mit der Eingangsuntersuchung vergleichen. Werde ich persönlich nach meinem Kurerfolg gefragt, nach meinem persönlichen Empfinden, dann kann ich mit einem reellen Vergleich aufwarten. Mein persönlicher Kurerfolg zeigt sich darin, dass ich mich beim wöchentlichen Wohnungsputz, beim Staubsaugen und beim Bodenaufwischen um vieles lockerer und beweglicher fühle. Die Lebenspartnerin hat schon signalisiert, sollte ich die Möglichkeit bekommen in einigen Jahren meinen  Kuraufenthalt zu wiederholen, dann bekomme ich von ihr den Segen dazu.

Himmlische Aussichten.

kur:himmel I

Im österreichischen Gesundheitssystem gibt es eine spezielle Begünstigung, die Zuerkennung eines Kuraufenthaltes. Die Voraussetzung ist, dass man über einen längeren Zeitraum Schmerzen oder Beschwerden hat. Die Beschwerden müssen kein ernstes gesundheitliches Problem darstellen. Offen gesagt, sie könnten für jene zu einem gesundheitlichen Risiko werden, welche keine persönlich Gesundheitsvorsorge betreiben. Dazu zählen Verdauungs- und Atembeschwerden, Probleme mit dem Blutdruck oder den Venen, Maßnahmen zur Kräftigung des Herzmuskeln, neuerdings die Vermeidung bzw. Behandlung von Stresssituationen, wie es heute heißt, Burnout. Ein großer Teil der Kuranträge wird wegen Beschwerden am Bewegungsapparat gestellt. Wer leidet im fortgeschrittenen Alter nicht unter Nackenbeschwerden oder Spannungskopfschmerz, der von einer verspannten Nackenmuskulatur herrühren könnte. Wie sagt der Volksmund so treffend: Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz. Jeder muss sein Kreuz tragen. Dies verweist darauf, dass wir viele Sorgen und Nöte im Rückenbereich abladen. Es gibt kaum einen Beruf, egal ob er stehend oder sitzend ausgeführt wird, der nicht seine Spuren im Rücken hinterlässt. In den Kurhäusern wird versucht mit natürlichen Mitteln wie Gymnastik, Unterwasser- oder Trockengymnastik, Moorpackungen, Physiotherapie, Massagen und Elektrotherapien, den Beschwerden zu Leibe zu rücken. Auf den Einsatz von aggressiven Medikamenten wird verzichtet. Mit Unterstützung von Homöopathie, Hypnose und Bachblütentherapie wird versucht den ganzen Menschen zu behandeln.

Sehr oft setzt man auf die heilende Wirkung von Wasser, sei es das ganz ordinäre Quellwasser, wie bei der Kneipptherapie. In Österreich gibt es zudem viele Heilquellen, wie Radon- Schwefel- und Thermalquellen. Eine mir unbekannte Therapie verbarg sich hinter dem Namen Oberwassermassage. Die manuelle Rückenmassage, ebenso die Unterwassermassage waren mir bekannt. Bei der Unterwassermassage werden von einem Therapeuten, ähnlich den Massagedüsen in den Hallenbädern, mit einem Wasserschlauch verschiedene Körperstellen massiert. Bei der Oberwassermassage liegt man  auf einem Wasserbett  und durch die Gummiauflage hindurch  wird man von einem Wasserstrahl massiert. Selbst bleibt man im Trockenen.

Tintenstrahldrucker.

erste:wahl

Unter dem Schlagwort Erste Wahl versteht man zumeist ein Produkt in einwandfreier Qualität. Gibt es kleine Mängel, welche zumeist nur durch den Fachmann erkenntlich sind, dann bezeichnet man dieses Produkt als zweite Wahl. Heute findet man diese Waren in den Outlet Shops, welche sich in der Nähe von Grenzübergängen befinden. Als es in Europa noch eine florierende Textil- und Schuhindustrie gab,in den siebziger Jahren, befand sich fast auf jedem Fabrikgelände ein Verkaufsstore. Dort wurden die Artikel zweiter Wahl vor Ort verkauft, der sogenannte Fabrikverkauf. In einer Schuhfabrik, wo ich als Absatzschrauber am Montageband arbeitete, wurden am Ende vom Fertigungsprozess die Schuhe poliert und auf eventuelle Mängel kontrolliert. Gab es einen kleinen Fehler auf der Lederoberfläche, war die Sohle etwas verrutscht oder konnte man eine aufgeraute Stelle beim Leisten erkennen, dann wurden diese Schuhe aussortiert. Im Fabrikshop wurden die preislich hochwertigen Gabor Damenschuhe zum halben Preis verkauft. Dort deckten sich vor allem die Mitarbeiterinnen, für sich und ihre Familienangehörige, mit modischen Schuhen ein. Auf den Tragekomfort und die Haltbarkeit der Schuhe hatten die kleinen Mängel keinerlei Einfluss.

Für einen Laien waren die Fehler selbst bei genauem Hinschauen schwer erkennbar. Anders für den Betriebsleiter der Damenschuhfabrik in Spittal/Drau, in den siebziger Jahren. Er hatte den sprichwörtlichen Adlerblick. Bei seinem Erscheinen in der Fertigungshalle richteten alle Beschäftigten den Blick krampfhaft auf die Schuhe am Fließband. Wie ein Adler stürzte er sich aus großer Entfernung auf die Schuhe am Montageband, hob einen empor und reklamierte beim Bodenmeister. Dieser deutete nach dem Bandmeister, dass er zu ihm kommen soll. War er über den Fehler außer sich, warf er die Schuhe dem Bandmeister auch schon einmal über die Köpfe hinweg zu. Der Bandmeister baute sich dann vor dem Damenschuhfacharbeiter auf und stellte diesen zur Rede. Die erste Reaktion war zumeist, dass dieser den Makel auf einen Fehler in der Stanzerei oder Näherei zurückführte. Da die Schuhe noch in der Fertigungsphase waren, konnten die Fehler zumeist repariert werden. Hatte der Adler die Fertigungshalle verlassen, entspannten sich die Blicke der Beschäftigten.

Milchpause.