VER:rückt

Auf einem Maskenball oder bei einem Faschingsumzug nehmen viele eine andere Identität an, sie besetzen eine andere Rolle oder wie gerne gesagt wird, sie schlüpfen in eine andere Haut. Manchmal wäre es gut man könnte aus der Haut fahren. Beim Faschingstreiben ist man außer sich, maskiert,  geschminkt und verrückt. Wie viele verschiedene Leben können wir hier auf Erden haben und wie viele Rollen verträgt unsere Psyche, dabei sind nicht Theaterrollen gemeint. Dabei gibt es die Rolle des guten Ehemannes und strengen Abteilungsleiters, die andere Seite ist  der verschwenderische Unterhalter in einer Bar. Der allseits beliebte Bankdirektor und zu hause der missmutige Ehepartner.

Ist es verrückt, wenn bei der rockigen Faschingsmesse in der  Dreifaltigkeitskirche in Völkendorf bei der Predigt der Versuch unternommen wurde, die Auferstehung als eine Verrücktheit des Lebens zu bezeichnen. Es wird von uns verlangt an etwas zu glauben, was außerhalb unserer  Normalität und Erfahrung steht. Die „Dreifaltigkeit“, drei Personen in einer Person vereint, kann als Verrücktheit bezeichnet werden. Fasching und Ostern haben vieles gemeinsam. Nehmen die Kirchenbesucher maskiert an der heiligen Messe teil, so wird das Außersichsein, das dem Glauben innewohnt, auch äußerlich dokumentiert. Auf einem Hut findet sich der Bericht von der Eröffnung der olympischen Spiele in Vancouver. Dort findet der irre Kampf um Medaillen statt, dabei wird mit Tausendstelsekunden gemessen, eine Bewegung, die mit dem menschlichen Auge nicht  wahrnehmbar ist. Niemand leistet gegen diese verrückte Art der Leistungsbemessung Widerstand. Vieles was uns im Alltag bewegt, bewegt sich im Bereich des Närrischen. Im Evangelium nach Lukas, am sechsten Sonntag im Kirchenjahr, heißt es: „Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Die Normalität wird auf den Kopf gestellt. 

Aus dem Tagebuch, 14.2.2010

THOMAS:bernhard

Gestern wäre Thomas Bernhard achtzig Jahre alt geworden. Einer seiner markanten Sätze lautet: „Die Ursache jedes Übels ist man selbst“. Er könnte damit gemeint haben, dass wir dazu neigen die Ursache für unsere Probleme bei anderen zu suchen. Anderen die Schuld an unserem Unglück zuzuschieben. Es gibt Lebenssituationen, die von anderen mitgesteuert werden, wenn man es dabei belässt. Für böse Menschen wird oft mehr Verständnis aufgebracht als für die Braven. In der Bibel steht, dass im Himmel mehr Freude über einen reuigen Sünder herrscht, als über hundert Gerechte. Die Frage ist, ob böse Menschen ein Unrechtsempfinden haben?  Sie sehen sich nie im Unrecht.

Es heißt, dass sich viele Menschen damit die Hölle auf Erden schaffen, indem sie die  Schuld bei anderen  suchen. Andere Menschen mit Vorwürfen überhäufen, die nicht stimmen und sich dabei selbst die Hölle bereiten. Die christliche Theologie sieht im Himmel und in der Hölle keinen jenseitigen Zustand. Die Menschen bereiten sich, durch gute Taten den Himmel und durch schlechte Taten die Hölle, hier auf Erden selbst.

Eine Eigenschaft, mit denen man sich die Hölle auf Erden bereiten kann, ist die Eifersucht. Es gibt nichts Konkretes, man bohrt  in Ereignissen und erwartet, dass aus den Bohrlöchern, Honig und Milch fließen, es kommt bittere Galle. Nebensächliche Vorkommnisse werden zu einer Geschichte entwickelt.

Fegefeuer.

WEIT:blick

In unserem vielschichtigen Alltag, wo ein Ereignis das Vorhergehende ablöst, wo sich die Meldungen gegenseitig über den Haufen rennen, im Großen wie im Kleinen, warten die Österreicher gespannt auf der Zahlen für das Budget 2011. Welche Reformen und Sparmaßnahmen wird es geben und welche Gebühren und Steuern werden erhöht. Schon seit Monaten versucht man hinter den Vorhang bei den Verhandlungen der Bundesregierung zu blicken. Kaum machte jemand durch einen Fensterspalt einen Blick in den Verhandlungsraum, wurde das Fenster wieder geschlossen oder das Erblickte als unverbindlich dargestellt. Trotz dieser Geheimhaltung kann man nicht sagen, dass die Politiker mit Weitblick ausgestattet sind. Er besteht oftmals darin, die Belastungen bis zur nächsten Regionalwahl geheim zu halten. Ein Blick über die nächste Regierungsperiode hinaus ist nicht vorgesehen.

Für den Einzelnen ist es schwierig Weitblick zu beweisen, wenn große Veränderungen bevorstehen, besonders dann, wenn es Veränderungen sind, die einzigartig sind und sich im Leben nicht wiederholen. Oft kann man sich auch nicht vorstellen, wie die nächsten Monate ablaufen werden. Aus Erfahrungen kann man lernen und Schlüsse ziehen, wo die Erfahrungen fehlen, bleibt nur der Sprung in das kalte Wasser, in das Unbekannte. Gespannt verfolgt man die Rettungsbemühungen um die eingeschlossenen Bergleute in Chile, denen jeder Weitblick verwehrt ist. Die in der Hoffnung leben bald in das Licht, an die Oberfläche geholt zu werden.

Hoffnung statt Weitblick.

JUNG:alt

Mit dem Älterwerden bringt man zumeist das Nachlassen der Kraft in den Füßen, Atembeschwerden, Sehstörungen oder Unbeweglichkeit in Verbindung. Für junge Menschen stehen ältere Menschen außerhalb ihrer Interessen, sie sind aus ihrer Wahrnehmung ausgeschlossen. Meistens wissen Ältere nichts mit den Begriffen aus der aktuellen Musik- und Filmwelt anzufangen. Auf keinen Fall können sie so spielerisch mit dem Handy und mit dem PC umgehen wie junge Leute. Schon Fünfundzwanzigjährige entrüsten sich über die Respektlosigkeit der Fünfzehnjährigen mit der Bemerkung: „Dies hätten wir uns nicht getraut“. Wie unverständlich erscheint heute vieles einem Fünfundfünfzigjährigen. Die Enkelin protestierte dagegen, dass die Oma gefragt wurde, ob das neue Kleid passt: „Wie kann die Oma wissen was modern ist, sie ist schon alt“. Gut ist es, wenn man im Alter den Humor nicht verliert und sich bei Montaigne Trost holt, der sagt: „Das Alter bringt neue Sorgen, aber es lässt auch alte Sorgen sein“.

Sorglos.

JA:natur

Der Spruch einer österreichischen Supermarktkette, „JA.natur“, ist zu einem Bestandteil des Wortschatzes geworden. Nach einem wechselhaften Wetter im Mai spaziere ich, am Maibachl entlang, auf die Gennottenhöhe. Ich sehe wie kräftig das Gras in den letzten Wochen gewachsen ist. Überall ist es grün und es riecht nach Blüten. Am späten Nachmittag beginnen die Vögel mit ihrem Abendkonzert und die Mücken nützen die verbleibenden Sonnenstrahlen. „JA.natur“ denke ich laut. Oft übersehen wir, dass trotz des Krisenstimmung vieles in der Natur funktioniert, dagegen sind manche Lebensmittel, Produkte einer Kunstfabrik. Die Meldungen von der Krise am Arbeitsmarkt und die Einsparungen bei den Sozialleistungen der öffentlichen Hand erscheinen, weil der Konsum und die Exporte zurückgehen, „JA.natur“. Die Banken haben vieles verspekuliert, da ist es „JA.natur“, dass sie etwas zur Budgetsanierung beisteuern.         

Der Kuckuck ruft dreimal und die Bienen streifen am Gesicht vorbei. Der Juni ist ein guter Zeitpunkt, dass man Tabletten durch die „JA.natur“ Bewegung im Freien ersetzt. Läuft ein Jogger vorbei, dann kann ich den Schweiß riechen, „JA.natur“. Bevor ich gegangen bin hat sich ein Vogel in die Loggia verirrt und die Katze Undine hat ihn erwischt und getötet.

Ja natürlich.