66:99 III

In jedem Wahlkampf kommen kritische Stimmen auf, zu Unrecht oder zu Recht, die darüber diskutieren ob es Sinn macht, dass über 70-jährige noch das Wahlrecht ausüben können. Ob es nicht sinnvoll wäre, wie es beim Führerschein gefordert wird, dass, ist man erst über Siebzig, zu einem Wahltest antreten muss. Im einen Fall geht es darum, ob man noch fähig ist ein Auto zu lenken, im anderen Fall, ob man noch geistig aktiv an der Politik und am Wahlkampf teilnimmt. Ein weiterer Aspekt und kritischer Einwurf kommt vom Vorfeld der Parteien, den parteipolitischen Jugendorganisationen. Diese sehen in Pensionsthemen eine Blockade für ihre Zukunftsthemen. Ihre Ideen und Wünschen an die Politik werden von den Senioren überstimmt. Wir Rentner, brauchen ihre Zukunft Ressourcen auf, verhindern notwendige Veränderungen. Die Vorhalte gibt es aus gutem Grund, weil der ältere Mensch wünscht sich den Erhalt des Erreichten, nimmt die Position des Bewahrens ein und meidet die Veränderung.

Die Ruheständler pochen darauf, dass sie auf Grund ihrer Arbeitsjahre das Recht haben, noch etwas von ihren Leistungen zu genießen. Nach einer anstrengenden Berufszeit noch die Süße der Leichtigkeit zu schlürfen. Für die Zukunft eines Staates braucht es beide Bevölkerungsgruppen und eine Brücke zwischen den Generationen. Bei diesem Spagat können die Politiker ihr Können beweisen. Dazugesellen kann sich die Tendenz, dass gerechtfertigte Forderungen nicht durch ein höheres Defizit erfüllt werden sollen, sondern durch gutes Einteilen der Steuern.

Nulldefizit

66:99 II

Plötzlich wird die Altersgruppe über sechzig nicht nur für die Wirtschaft, den Verkäufern von Seniorenreisen, Vitaminpräparaten und  praktischen Gehhilfen interessant, sondern auch für die wahlwerbenden Politiker. Diese Zuwendung ist jetzt, ein paar Wochen vor der nächsten Nationalratswahl in Österreich, aktuell.  Dies hat seine wahltaktischen Gründe.  Ein Drittel aller Wahlberechtigten Österreicher_innen, ca. zwei Millionen Menschen, sind Rentner, somit eine wahlentscheidende Bevölkerungsgruppe. Zudem lassen sich die Senioren leichter als geschlossene Gruppe ansprechen. Bei den Arbeitern oder Gewerbetreibenden sind die verschiedenen Interessen und Forderungen an die Politik schon weiter gestreut. Dementsprechend klingen die Ansagen und Versprechungen an die Senioren, wie eine Vorverlegung der himmlischen Genüsse. Eine kleine Kostprobe vom überirdischen Paradies.

Eigentlich müssten wir hellhörig sein, weil ähnliche und manche gleichlautende Versprechungen, wie Verwaltungsreform, Steuersenkung oder Gesundheitsfürsorge es schon vor der letzten und vorletzten Wahl gegeben hat. Die Politiker rechnen mit der altersbedingten Vergesslichkeit der Senioren. Trotz der Zerwürfnisse in der großen Koalition war es vor deren Auflösung möglich, den Pflegeregress abzuschaffen. Bislang hatte der Staat die Möglichkeit, wurden die Pflegekosten durch die Rente und das Pflegegeld nicht abgedeckt, auf die Ersparnisse und Immobilien der zu pflegenden Person zurückgreifen. Das Notgroschensparbuch wurde auf einen Schlag konfisziert.

66:99 I

Ein erfolgreicher Hit von Udo Jürgens war: Mit Sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an, mit Sechsundsechzig Jahren, da hat man Spaß daran.. Wenn dies stimmt, dann befinde ich mich in einer neuen Lebensphase. Udo, wie er liebevoll genannt wurde, hat diesen Schlager zu seinem Sechsundsechzigsten Geburtstag komponiert. Nach Berichten der Medien hat er sich in diesem Alter fitter gefühlt, als vergleichsweise zwanzig Jahre früher. Mit Sechsundsechzig Jahren hat er mehr auf seinen Körper geachtet, als in anderen Jahren. Auf dem Papier fühlen sich zwanzig Jahre früher sorglos an, umgekehrt stellt sich die Lebenssituation um vieles unkomplizierter dar. Da tauchen ernste Bedenken auf, Blockaden, ob noch zwanzig Jahre dazu kommen werden? Und wenn, in welchen körperlichen oder geistigen Zustand, man kann nur hoffen. Der Schlager, Mit Sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an, wird bestimmt bei vielen Menschen wieder Saison haben, zum Lebensmotto werden. In vielen europäischen Staaten drängt man darauf, hauptsächlich aus budgetären Gründen, dass die Menschen bis Fünfundsechzig Jahren arbeiten. Wobei es unter den Senioren einen kleinen Teil gibt, die freiwillig über das vorgesehene Rentenalter hinaus tätig sein wollen. Hauptsächlich findet man diese unter den Selbstständigen, unter den höheren Angestellten und Freiberuflern.

Nach einem Jahr werde ich wissen, ob mein Alltag mit Sechsundsechzig  eine neue Blüte erlebt. Nach den ersten Pensionschnupperjahren hoffe ich auf mehr Gelassenheit und weniger Ehrgeiz. Wobei ich der Meinung bin, dass sich schon viele Jahre vor dem Rentenantritt, zumindest in kleinen Dosen, Hobbys und Talente zeigen müssen. Wer bis zu seiner Pensionierung kein handwerklicher Typ war, wird auch nach Sechzig nicht zum professionellen Heimwerker mutieren. Dafür gebe es jetzt zahlreiche andere Beispiele, eines will ich noch anfügen. Wer bis Fünfundsechzig achtlos an Ameisen und Ameisenhaufen vorüber gegangen ist, sie zumeist zertreten hat, wird mit Sechsundsechzig Jahren bestimmt zu keinem Ameisensachverständigen. Die Wurzeln für ein geglücktes Alter liegen in der Aktivphase. Jedem wünsche ich, dass er die Jahre nach Sechsundsechzig genießen und sich sinnerfüllt beschäftigen kann.

schuld:schulden I

In den meisten europäischen Staaten haben nach der Sommerpause die ersten Parlamentssitzungen stattgefunden. Auch die Politiker verbringen einen Sommerurlaub, wobei das politische Tagesgeschäft nicht von vornherein steuerbar ist. Vielerorts richten sich die Zeiten der Plenarsitzungen nach den großen Sportereignissen. Besonders brisant, wenn eine Mannschaft des Landes zu den Finalteilnehmern gehört. Am liebsten bleibt man bei dem Motto „Brot und Spiele“ hängen, so bleibt die Frage nach der Schuld und den Schulden immer aktuell. Wie viel Schuld vertragen wir, als Einzelner und als Volk, wem sind wir etwas schuldig? Die Frage ist durch die großen Zuwandererströme aktuell, stehen wir bei denen in der Schuld? Auch der finanziell meist gefährdete Staat der EU, Griechenland, droht immer mit dem Zeigefinger. Mitteleuropa hätte bei den Griechen noch eine Schuld abzutragen. Sind diese Fragen nur im Parlamentsclub oder auch in der Kirche zu diskutieren, während einer Messfeier?

Schuld und Schulden, zwei Begriffe welche in unserem Alltagsgebrauch einen negativen Beigeschmack haben. Welche einen Menschen, eine Gesellschaft, ein ganzes Volk belasten können. Er, sie, es hat sich schuldig gemacht, sind schuldbeladen. Einerlei, ob man an etwas Schuld ist oder bei jemanden Schulden hat. Immer verlangt Schuld nach Vergeltung oder aber der Schuldige bereut und bittet um Vergebung. Wie der Einzelne mit diesen Wörtern umgeht hängt damit zusammen, in welchem sozialen und religiösen Umfeld er aufgewachsen ist. Im christlichen Bereich nimmt das Einbekennen von Fehltritten eine zentrale Rolle ein. Bei der Feier der Sonntagsmesse erfolgt zu Beginn das Schuldbekenntnis: „…..ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken, durch meine Schuld, durch  meine große Schuld….“. Bei der Messfeier in der Pfarre „Herz Jesu“ in  Klagenfurt fügte das Evangelium noch etwas dazu. Ein Mann fragte Jesus: „Wie kann ich ewiges Leben erlangen“? Nach seiner Selbstauskunft befolge er schon alle Gebote. Da sagte Jesus: „Verkaufe alle Güter, verschenke deinen Reichtum, dann wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben und ewiges Leben erlangen“. Danach folgt ein Kernsatz, von denen sich in unserer materialistischen Welt viele betroffen fühlen: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“. Der Pfarrer knüpfte hier an, seine Aufforderung unseren Reichtum aufzugeben, könnte bei vielen Unbehagen ausgelöst haben. Für die breite Masse kann man sagen, wir verteidigen unseren Wohlstand. Den sehen wir auch in Gefahr, durch die alles überlappende Flüchtlingskrise. Es lässt auch die Gegenfrage zu, hat nicht auch die katholische Kirche als Institution großen Reichtum angehäuft? Es den Reichen über Jahrhunderte leicht gemacht, durch einen Ablassbrief sich von Schuld freizukaufen und so einen bleibenden Schatz im Himmelreich zu sichern.

Kamelreiten

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