ruhe:stand II

Nach ein paar Monaten trüben für manche die Tage in der Pension ein. Nach dem ersten Nachholbedarf an häuslichen Tätigkeiten kommt die Frage, was kommt jetzt? Es kann ein fataler Fehler sein, dass man zu sehr im Beruf aufgegangen ist und keinerlei Hobby zugelassen hat. So stellt sich eine große Sehnsucht nach dem Arbeitsalltag ein, am liebsten würde man morgen an die Arbeitsstelle zurückkehren oder den eigenen Betrieb wieder aufsperren. Dann bleibt nur noch das Raunzen oder der Weg zum Pensionisten Stammtisch im MC-Café. Bei einem Cappuccino über die Unfähigkeit der Politiker zu schimpfen.

Nach Jahren kann der Pensionisten Alltag unerwartet einen Plan bekommen. Es braucht einen Terminkalender, an welchem Tag, um welche Uhrzeit, eine Tablette einzunehmen ist. Im Hubertuskalender werden die täglichen Blutdruckwerte eingetragen. Der Terminkalender ist plötzlich ganz aktuell. Er zeigt den nächsten Termin für die Rückengymnastik, den Besuch beim Augen- und Hautarzt an. Im nahen Therapiezentrum hat man zehn Inhalationen und Massagen gebucht. Bei späteren Generationen wird das Smartphone diese Erinnerungsfunktionen übernehmen.

Alle vierzehn Tage wird der Hausarzt aufgesucht, um sich die notwendigen Medikamente verschreiben zu lassen. Zwei Drittel der Apothekenkunden sind ältere Personen. Dazwischen erledigt man die Besuche beim Bandagisten und bei der Fußpflege. Wer im Ruhestand noch mobil ist, schafft diese Notwendigkeiten in einem angemessenen Zeitraum. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, für den wird der Arztbesuch zu einem Tagespensum. Man hat gehofft, in der Bezirksstadt braucht es kein eigenes Auto, dann fehlt es an idealen Busverbindungen. Samstag und Sonntags muss man Einbußen bei den Fahrmöglichkeiten hinnehmen.

Morgengymnastik

ruhe:stand

Verwandte resonieren darüber, dass sie noch immer Kundenanfragen erhalten, obwohl sie ihren Handels- oder Gewerbebetrieb schon vor bis zu fünf Jahren geschlossen haben. Sie hadern damit, dass sich jetzt Stammkunden melden, um etwas zu bestellen. Nach Jahrzehnten schwieriger Aufbauarbeit, bei der sie große Überzeugungsarbeit geleistet haben und um jeden einzelnen Kunden kämpfen mussten, fallen ihnen die Kunden heute in das Haus. Weil die Firma gelöscht, das Gewerbe abgemeldet wurde, können sie die Bestellungen nicht mehr annehmen und dies schmerzt einer Krämerseele. Außenstehende können dies kaum nachvollziehen, muss man seinen Betrieb nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil es keinen geeigneten Nachfolger gibt, schließen. Obwohl Aufträge und Ertragslage im grünen Bereich sind, will keines von den eigenen Kindern oder aus der Verwandtschaft den Betrieb fortzuführen. Die Jahre, wo eines der Kinder ganz selbstverständlich die elterliche Fleischerei, das Elektroinstallationsunternehmen, den Maschinenhandel oder eine Drogerie übernommen hat, sind vorbei.

Die Unternehmer haben versucht den Kindern eine bessere Ausbildung zu ermöglichen. In der Mittelschicht war bei den Eltern der Drang vorhanden, für den Nachwuchs einen akademischen Beruf zu ermöglichen. Traditionelle gebildete Berufe wie Arzt, Rechtsanwalt oder Bauingenieur. In den 80er Jahren wusste man nicht, dass Informatiker, Programmierer und Netzwerktechniker, Berufe für die Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz im 21.Jahrhundert aktuell sein werden. Zurzeit ist bekannt, dass Juristen und Notare von der künstlichen Intelligenz, in Fachkreisen spricht man derzeit von schwacher künstlicher Intelligenz, abgelöst werden. Die entsprechenden Programme formulieren Mietverträge oder Einsprüche gegen eine Verkehrsstrafe besser als altgediente Rechtsanwälte.

Die Erwartungen der Ehefrau oder Lebensgefährtin sind andere. Sie hat erwartet, dass in der Pension beim gemeinsamen Frühstück der große Plausch beginnt, sich genüsslich in den Vormittag verlängert. Mit der Frage endet, was kochen wir heute oder was gibt es zum Mittagessen? Die Stunden bis zum Mittagessen verbringt man turtelnd in der Küche, wie vor dreißig Jahren. Damals konnte der Raum nicht eng genug sein, je kleiner umso lieber. Man war bestrebt auf Tuchfühlung zu sein, der Kussmund war nur eine Handbreite entfernt. In den Jahren, wo eine neue Zeit der Zweisamkeit anbrechen soll geht man sich aus dem Weg.

spittal:drau II

Unsere Firma lieferte der Konditorei für den Verkauf die Tortenschachteln. Als Lehrling war es meine Aufgabe, unter Einbeziehung der Druckerei und Buchbinderei, welche von den Brüdern des Chefs betrieben wurden, diese Schachteln zu fertigen. Aus Karton wurden die Schachtel ausgestanzt, gerillt, gefalzt und der Deckel mit dem Firmenlogo der Konditorei bedruckt. Die vorgefalteten Kartons wurden von mir im Schuppen der Papierhandlung, an einer ausrangierten Heftmaschine, zusammengeheftet. Wöchentlich habe ich einen halben Tag lang Tortenschachteln geheftet. Der Schuppen diente auch als Sammellager für das Altpapier und ist vergleichbar mit einem Kellerabteil. An drei Seiten hatte er ein offenes Lattengerüst. An warmen Tagen war es eine willkommene Abwechslung und die Heftmaschine funktionierte klaglos. Für die kalte Jahreszeit gab es einen elektrischen Strahler, der ein wenig die Füße wärmte, keinesfalls den Schuppen. So bin ich mit Weste, Mütze und mit Mantel an der Heftmaschine gesessen und habe mit klammen Fingern die Kartons zusammengeheftet. Der Beginn war mühsam, er erforderte viel Geduld. Bei tiefen Temperaturen funktionierte die Heftmaschine nur im Zeitlupentempo. In den beweglichen Teilen musste das Öl erst warm werden.

Bei Bedarf wurden die Tortenschachteln vom Chef und mir, mit dem Opel Caravan in die Backstube der Konditorei am Spittaler Hauptplatz geliefert. War der Chef nicht vor Ort und die Konditorei hatte einen dringenden Bedarf musste ich, rechts und links fünf Kartons in der Hand, zu Fuß vom Bahnhof in die Stadt marschieren. Bei meinem letzten Besuch verabschiedete ich mich bei der Thekenfrau mit der Bemerkung, dass ich vor fünfzig Jahren für die Konditorei Tortenschachteln geheftet habe.

Kirschentorte

spittal:drau

Es ist Nostalgie, komme ich nach Spittal an der Drau und besuche das Renaissanceschloss Porcia, mit seinem prachtvollen Innenhof. Im Schlosspark gibt es einen groß dimensionierten Springbrunnen, der vom Frühjahr bis in den Herbst von einer Blumenpracht umgeben ist. Der Bereich um den Springbrunnen war für mich in der warmen Jahreszeit, während der Lehrjahre, der bevorzugte Aufenthaltsort in der Mittagspause. Meine Speckbrote, zwischendurch einmal ein Brot mit Tirolerwurst, eingewickelt in Zeitungspapier verspeiste ich zu Mittag auf einer Bank beim Springbrunnen. Am Rande vom Schlosspark befand sich ein kleiner Kiosk mit verschiedenen Süßigkeiten und anderen Verzehrartikeln. Dort kaufte ich mir ab und zu einen Gabelbissen mit Semmel, für mich ein Festmahl. Für einen Schilling bekam ich dort einen claus Schokoladeriegel, erhältlich in verschiedenen Geschmacksrichtungen.

In der Nähe befindet sich eine traditionsreiche Konditorei mit einem gepflegten Gastgarten und einer verlockenden Tortenauswahl. Nach Jahrzehnten habe ich dieses Cafe wieder einmal betreten. Im Lokal dürfte sich nur weniges geändert haben. Meine schmale Lehrlingsentschädigung erlaubte es dazumal nicht, während der Mittagszeit öfter ein Café aufzusuchen. Die Konditorei besuchte ich nur ab und zu, zumeist am  Berufschultag.

An feuchten und regnerischen Tagen im Herbst und an kalten Wintertagen fand ich Unterschlupf im Speisesaal vom Kolpinghaus. Für drei Schilling bekam ich dort eine Suppe und einen Sprudel. War noch genügend Essen vorhanden, schenkte mir der Präsens eine Hauptspeise. Um Porto zu sparen gab mir der Chef die Rechnungen mit, welche ich während der Mittagsstunde bei verschiedenen Firmen in der Stadt abgegeben habe.

Mittagsteller