zeit:bewusst l

Eines der  wesentlichen Merkmale, worin sich der Mensch von der Tier- und Pflanzenwelt unterscheidet ist unsere Fähigkeit des Zeitbewusstseins. Unser Verstand, eine Intuition oder ein Gefühl, ermöglicht es uns, über den momentanen Augenblick hinaus, an persönliche Ereignisse der Vergangenheit zu erinnern. Anderseits persönliche Vorhaben für die Zukunft zu planen. Keine Antwort habe ich auf die Frage, war das Verfassen dieser Zeilen schon in der Vergangenheit geplant oder passiert es aus meinem momentanen Empfinden? In der Kunst, sowohl in der Musik, in der Malerei, auch beim Verfassen von Texten spricht man von der Inspiration. Jemand setzt sich an das Klavier und beginnt darauf zu spielen, einfach aus einer Eingebung heraus. Die Noten behält er sich im Kopf, das Gehirn als Speichermedium, und feilt später noch etwas daran. Diese Speicherfähigkeit gibt es auch bei den Tieren. Wobei die Kunststücke meistens mit einer extra Portion Futter belohnt werden. Bei der Führung durch den Affenberg am Ossiachersee klettern zwei Affen auf einen Baum, einer setzt sich auf einen Ast und klatscht in die Hände, der Zweite schwingt sich auf einen Ast und dreht sich um die eigene Achse, beide werden dafür mit Apfelspalten belohnt. Spannend wird es am Intelligenzplatz, wo in eine Röhre ein Apfel gesteckt wird und es den Affen durch das Öffnen und Drehen von Schubern möglich ist, den Apfel bis zur geschlossenen Klappe zu schleusen und diese dann zu öffnen. Nicht jeder der über hundert Affen beherrscht nach Aussage des Hegers das Apfelholen. Zumeist werden die Kunstfertigkeiten von der Mutter auf die Kinder weiter vererbt .

Zuckerbrot

irak:krieg III

Im Zeitraffer will ich etwas von den Ereignissen der letzten Monate, am Persischen Golf, aufschreiben. Der Krieg dauert länger, als es zu Beginn prophezeit wurde. Die massiven Alliierten Luftangriffe haben unter der Bevölkerung viele Opfer verursacht, zu großen Verwüstungen an Gebäuden und öffentlichen Einrichtungen geführt. Die Militärs und die Medien wollten uns einen klinischen Krieg verkaufen, den Computerkrieg, ohne menschliche Opfer. Ich habe nie daran geglaubt, weil auch in und neben militärischen Einrichtungen sich Menschen befinden und bei deren Zerstörung getötet werden. Saddam Hussein hat politisch überlebt, er ist weiter an der Macht. Jetzt wird mit ihm verhandelt, für mich ist dies moralisch nicht nachvollziehbar. Die Kurden haben sich im Nordirak gegen Hussein erhoben und niemand unterstützt sie jetzt dabei. Sie werden von den intakten Elitetruppen Saddams abgeschlachtet. Sehe ich im Fernsehen wie Erwachsene und Kinder, welche vor Saddams Soldaten fliehen, um ein Stück Brot raufen, dann schäme ich mich. Wir sind wählerisch und wollen vieles nicht essen, bei uns wird täglich Brot weggeworfen .

Ein Kurde kommt täglich in das Geschäft und blättert in den Tageszeitungen um sich über das Schicksal der Kurden zu informieren. Beim Reden ist zu Tage gekommen, dass er zu Hause einen kaputten Fernseher hat. Er hat kein Geld um sich einen neuen Fernseher zu kaufen. Daraufhin habe ich ihm meinen gebrauchten Schwarz-weiß Fernseher geschenkt. Als ich ihm das Fernsehgerät in die Wohnung gebracht habe, hat er gesagt: „ Jetzt haben wir die Welt im Haus“….1. Mai 1991

irak:krieg II

Faschingssamstag,ein ungewöhnlicher Tag um an meinem Tagebuch weiterzuschreiben. Es war ein schöner Tag, vormittags reger Geschäftsbetrieb, nachmittags Langlaufen in Fürnitz und anschließend zum Baden nach Warmbad. Jetzt, abends kann ich in Ruhe die Tageszeitung lesen. In den vergangenen Tagen hat es geschneit und beim Langlaufen war es wunderschön. Der Schnee ist  weich und ich gleite lautlos durch die Winterlandschaft. Dabei sind mir Erlebnisse aus Politzen, das morgendliche und abendliche Tränken der Kühe im Winter, eingefallen. Aus dem Stall  wurden sie  zum Brunnen in das Freie getrieben. Das Aufspalten der Holzstämme zu Scheitern und das weitere Zerkleinern mit der Kreissäge bei Schnee und Kälte im Hof. Im Winter haben wir beim Mostholen, beim Holen von Kartoffeln und Äpfel aus dem Erdkeller die Tür sofort geschlossen, damit die Kälte nicht in das Innere eindringen konnte.

Vielleicht kann ich morgen Vormittag, noch einmal Langlaufen. Dabei möchte ich ein paar Fotos von der stillen Winterlandschaft machen. Beim Fotografieren spezialisiere ich mich momentan auf das Motiv „Zäune“, ein weitreichendes Thema. Wir sind in unserem Alltag immer von Zäunen umgeben, überall stehen Zäune. Um uns errichten wir emotionale Zäune und reale Zäune um unser Eigentum. Der  Maskenumzug am Faschingsdienstag wurde in Arnoldstein wegen des Golfkrieges und der Jugoslawienkrise abgesagt. Ich bin der Meinung, ein gutes Wort zum Nachbarn und zum nächsten Mitmenschen trägt mehr zum Weltfrieden bei, als ein abgesagter Faschingumzug. In Arnoldstein darf offiziell und öffentlich nicht gelacht werden, nur heimlich unter der Bettdecke. Der Golfkrieg tritt in die nächste Phase, es folgt der  Bodenkrieg. Auftretende Befürchtungen können in unseren Breiten ausdiskutiert werden. Abends besuche ich einen EDV-Kurs in der Volkshochschule in Villach. Meine erworbenen PC-Kenntnisse kann ich in Zukunft bei der Bestellung von Büchern  einsetzen…….  9. Februar 1991

irak:krieg l

Dieses Jahr möchte ich versuchen die Tagebucheintragungen wöchentlich zu schreiben. Zeitweise denke ich daran, wie miserabel es mir gesundheitlich vor einem Jahr gegangen ist. Dankbar bin ich dafür, um wie vieles besser es mir heute geht. Glücklich diese Beschwerden überwunden zu haben, mit Willensstärke und sportlichen Aktivitäten. Im Mai bei einem Kuraufenthalt in Baden bei Wien, das Radfahren über den Sommer und die Wanderwoche  in Brixen. In den Herbstmonaten die Möglichkeiten zum Schwimmen in der Therme in Villach genützt. Jetzt hoffe ich auf die Zeit zum Langlaufen. Das Weihnachts- und Silvestergeschäft war zufriedenstellend. Beim Raketenverkauf gab es diesmal im Ort Mitbewerber. Ich habe ihnen gegenüber einen Vorsprung, durch meine Direktwerbung in Friaul. Für dieses Jahr habe ich bereits geschäftliche Pläne und private Vorhaben. Für das Arnoldsteiner Porträt möchte ich Personen zum Thema Widerstand, Behinderte und Künstler interviewen. Es verspricht ein interessantes Jahr zu werden……  2. Jänner 1991 

„Heute ist kein schöner Morgen, am Golf wird gekämpft, der Krieg am Persischen Golf hat begonnen“. Mit dieser Radiomeldung begann um sechs Uhr morgens mein Tag. Die westlichen Streitkräfte haben den Irak mit einem Luftangriff erfolgreich überrascht. Der Beginn des Golfkrieges ist für mich eine Entlastung. Die Ungewissheit, wann und wie dies passieren wird, hat mich belastet. Viele Auswirkungen, seit Monaten von den Medien hochgespielt, sind nicht zu erwarten. In dieser Situation wäre ein Satellitenfernsehen von Vorteil, ich könnte dem Einheitsbrei der ORF Nachrichten entkommen. Diese Woche wurde mir ein Zahn entfernt, es werden immer weniger. Bald wird im Unterkiefer ein Zahnersatz notwendig sein. Mein Tai Chi Kurs ist zu Ende, ich halte Ausschau nach einer aktiven Sportart. Montagabend habe ich geholfen den Flugzettel, zur Unterstützung der Wiederwahl des amtierenden  Bürgermeisters S., fertig zu stellen. Viele Menschen haben Angst ihre politische Meinung frei zu äußern. Die politischen Parteien haben uns fest im Griff. Bei der Bürgermeisterwahl kandidiert eine neue Liste: „FLA“. Beschließe den Tag nicht mit den Nachrichten, schreibe in meinem Tagebuch weiter…..17. Jänner 1991

fata:morgana

An einem warmen Nachmittag, Anfangs September, sitze ich in der Loggia und vertiefe mich in die Wochenendausgabe der  Presse. Die ersten Seiten mit den Berichten über die Kriegsschauplätze im Nahen Osten und in der Ukraine, die neuerliche Diskussion über die Steuerreform und wie viel Milliarden braucht das Bundesheer, habe ich nur überflogen. Ich vertiefe mich in die Beiträge der Beilage Spectrum, da unterbricht die Feuerwehrsirene meine Gedanken, sie macht einen Schnitt in das Gehirn, wie ich es vom Sezieren kenne. Aus den Reagenzgläsern wird die gefaltete schwabbelige Masse herausgenommen und in Scheiben geschnitten. Die heutigen und gestrigen Akademiker schneiden mit derselben Absicht die Gehirnmasse in Stücke und sind verblüfft, wenn sie die Schnittfläche betrachten. Werden aus dieser Schnittfläche die Gedanken auf den Tisch tropfen, oder sieht man in einen menschlichen Abgrund? Die Teile werden gewendet unter das Mikroskop gelegt und ähneln dem Verhalten der Katze Undine. Bei der Fernsehsendung Universum,  über das Tierleben in den Wäldern Polens, hat sie gebannt auf den Bildschirm geblickt. Jedes Mal, wenn eine Wildkatze oder ein Fuchs aus dem  Bild verschwindet, blickt sie rechts oder links hinter den Fernseher. Irgendwo hinter dem Fernsehgerät, müsste die Wildkatze oder der Fuchs wieder auftauchen. So ähnlich blicken die Wissenschaftler auf die Hirnhälften, irgendwo müssten die Gedanken, das Bewusstsein zu sehen sein.

Ein paar Minuten vergehen und von der Bundesstraße ertönen die Signalhörner des Feuerwehrautos, gefolgt vom Notarzt- und dem Rettungswagen. Die Sirenen rasen in Richtung Autobahn. Auf der Alpen Adria Autobahn gehören die ersten Septembertage zu den starken Reisezeiten. Scharenweise fahren Familien mit schulpflichtigen Kindern aus dem Mittelmeerraum zurück in den Norden, für die Kinder steht der Schulbeginn unmittelbar bevor. In die andere Richtung fahren Späturlauber, welche die jetzt etwas ruhigeren Strände an der oberen Adria genießen. Noch einmal rast ein Rettungswagen durch das Kurgebiet. Ich befürchte einen Megaunfall auf der Autobahn, möglicherweise in einem Tunnel, wo es immer wieder zu Auffahrunfällen kommt. Viele sind zu schnell unterwegs oder auch von der langen, eintönigen Fahrt auf der Autobahn übermüdet. Inzwischen habe ich die Arme gesenkt und die Wochenendausgabe der Presse liegt auf den Oberschenkeln. Die üblichen Straßengeräusche setzen ein, ein leises Rauschen vom fließenden Verkehr. Nur die Geräusche der Motorrader sind als solche einzeln zu erkennen. Ich hebe meine Arme und nehme die Lektüre wieder auf, vertiefe mich in die Buchbesprechung von Alexandra Millner, Aus dem Kopf klopfen.  Der neue Roman von Josef Winkler.

Am nächsten und am übernächsten Tag studiere ich die lokalen Meldungen in der Zeitung genau, es gibt keinen Bericht, der einen Zusammenhang zu den Rettungsfahrten herstellt. Möglicherweise bin ich einer spätsommerlichen Fata Morgana aufgesessen.

Aus dem Kopf klopfen.