VER:antwortung

Der Kreis für unsere Verantwortung wird immer größer. Es genügt nicht, dass wir die Verantwortung für die Familie, einen Betrieb oder die Gemeinde tragen. Heute wird verlangt, dass jeder Verantwortung für die ganze Welt übernimmt. Wie nehmen wir die Welt wahr?, besteht die Wahrnehmung der Welt aus der Zeitung, aus dem Fernsehen, neu dazugekommen ist das Internet. Auf Reisen nehmen wir entferntere Teile der Welt wahr, diese  werden jetzt durch  Reiseberichte oder Google Erath ersetzt. Der Drang zum Verreisen kann zur Sucht werden, ein Ablenkungsmanöver, weil man sich nicht wahrnehmen will, ein verreisen vor sich selbst. Je mehr wir an Informationen aufnehmen, umso unsicherer werden wir in unserer Urteilsbildung.

 

Früher genügte zur Urteilsbildung, dass man die unmittelbare Umgebung aufmerksam wahrgenommen hat. Heute glaubt man, dass zur Urteilsbildung die ganze Welt einfließen muss, trotzdem ist alles Stückwerk.

 

Die Tastatur.

BLÄTTER:rauschen

Zu den Annehmlichkeiten eines Kuraufenthaltes gehört die Zeit zwischen den Kuranwendungen. Die Therapien sind nicht immer angenehm, in vielen Fällen sind sie anstrengend. Die Zeit zwischen den Anwendungen kann man sich mit dem Lesen von Tageszeitungen vertreiben. Die Kurorte im Gasteinertal verfügen über einen Lesesaal, wo eine Reihe von deutschsprachigen Tageszeitungen angeboten werden. Hier liegen Schundzeitungen und Schwundzeitungen nebeneinander, es ist eine geistige Dialysestation. Im Lesesaal rauscht es, wie das Laub im Herbst. Dazu kommt das Rauschen der Entlüftung, gleich der am WC. Manche verbinden das Lesen einer Tageszeitung mit dem Trinken von einer Tasse Kaffee. Der Lesesaal verhält sich zu einem Café wie ein Klinikspeisesaal zu einem Gourmetrestaurant. Vor dem Fenster spielt eine hochgewachsene Dame auf einer Flöte. In der Zeitung habe ich vom digitalen Buch gelesen, vom Rascheln beim Seiten umblättern zum geräuschlosen digitalen Umblättern. Oft finden sich in verschiedenen Zeitungen dieselben Nachrichten, wessen Meinung zählt? Plötzlich ist man eingenickt.

 

Vom Lesesaal zum Schlafsaal.

 

FLOH:markt

Findet ein Flohmarkt statt, dann kommt Stimmung im Ort auf. Man freut sich darüber, einen Tag lang in den Aktionskisten am Gehsteig zu wühlen. Bereits mit zehn Cent kann man vieles kaufen. Selbst die Massage gibt es zum halben Preis. Der Tandlerflohmarkt  findet im Gemeindezentrum statt. Hier versuchen Hausfrauen ihre Taschen, Gläser, Schallplatten und Bilder an die Besucher zu verscherbeln. Die Kinder trennen sich von Bilderbüchern, ferngesteuerten Autos, Puppenkleider und Stofftieren. Die älteste Tandlerin  ist fünfundachtzig Jahre alt und hat ihren Kleiderschrank durchforstet. Bei ihr findet man alte Ausgaben vom „Reimmichlkalender“ und „Das Beste“. In der Buckligen Welt ist sie eine begeisterte Leserin vom Tiroler Reimmichlkalender. Visavis verfällt das ehemalige Gemeindekino, auf der Tür ist zu lesen „Komm geh ins Kino“. Bei Bratwürstel und Bier erinnern sich ältere Flohmarktbesucher daran, dass von einem Polizisten am Kinoeingang kontrolliert wurde, ob man schon vierzehn Jahre alt war. Vorher durfte man keinen Film besuchen. „Vorsicht Hase“, bitte Gartentüre schließen.

 

Eine Biographie.      

FLUG:verkehr

In der Ferienzeit steigt  der Flugverkehr deutlich an. Die Reiseveranstalter bieten vierzehn Tage Urlaub in Ägypten oder in Tunesien inklusiven Flug günstiger an, als einen vergleichbaren Inlandsurlaub. Dazu kommt der Städtetourismus mit einem Flugpreis um € 19.90. So entwickelt sich eine Mehrklassenurlaubsgesellschaft.  Für die einen ist es normal im Urlaub eine Flugreise zu machen, andere lehnen das Fliegen ab und andere können es sich nicht leisten zu verreisen. Bei den Flugreisenden gibt es die eine Gruppe, welche sich unbelastet in das Flugzeug setzt und eine Gruppe, für die es eine Überwindung ist, in ein Flugzeug zu steigen. Selbst kann man zur Sicherheit nichts beitragen, man vertraut  auf das Können und das Wissen des Kapitän und der Fluglotsen.

Vor meiner Sitzbank  ist eine Pfütze und die Ränder sind schwarz von Bienen. In der Nähe befinden sich Bienenstöcke und es herrscht reger Flugverkehr. Ein Bienenvolk besteht  aus zirka dreißig- bis fünfzigtausend Bienen. Jede Biene ist ihr eigener Kapitän und Lotse. Bei der Pfütze „tasten“ sich die Bienen gegenseitig ab, wer gehört zum selben Bienenvolk, bevor sie sich niederlassen und mit der Wasseraufnahme beginnen. 

Die Flugschneise.

ERD:mensch

Den Traum vom Fliegen gibt es schon lange. Die Menschen konnten an den Vögeln beobachten, wie diese mit ihren Schwingen durch die Luft segeln. Sie hatten damit die Möglichkeit sich schneller und weiter zu bewegen, als es den Menschen früher möglich war. Götter, Engel und Geistwesen bewegen sich mit  Flügeln fort. Das Bild, das Engel Flügel haben, hat sich in uns so eingeprägt, als wären es leibhaftige Wesen. Seit dem Mittelalter konstruiert man Flugmaschinen, um mit der eigenen Muskelkraft zu fliegen. Die Entwicklung des Düsentriebwerkes legte den Grundstein dafür, dass das Flugzeug zu einem Massenverkehrsmittel wurde. Heute gibt es Massen von Fluggästen, nicht alle sind vom Fliegen begeistert. Viele müssen sich überwinden, wenn sie in ein Flugzeug steigen. Die einen bedrückt der enge Raum und die vielen Menschen im Flugzeug, die anderen macht die Höhe Angst. Sie spüren, dass sie keinen festen Boden unter den Füssen haben. Ihnen wird im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter den Füssen entzogen. Seit  Millionen Jahren haben sich die Menschen mit den eigenen Füßen auf festem Boden fortbewegt.  Beim Fliegen wird ihnen zugemutet diese Sicherheit aufzugeben. Wir sind Erdmenschen, wären wir zum Fliegen geboren, hätte uns die Evolution Flügel gegeben. 

Es gäbe massive Beschwerden, wenn  man bei einem Konzert  von den Besuchern verlangen würde, dass sie sich zwei Stunden vor Konzertbeginn im Konzerthaus einfinden müssen und sich einer Körper- und Handtaschenkontrolle unterziehen müssten. Niemand würde das Konzerthaus betreten, wenn neben der Eingangstür Polizisten mit dem Gewehr im Anschlag postiert wären.  Beim Fliegen nimmt man dies alles in Kauf. Man geht zwei Stunden vor dem Abflug an schwer bewaffneten Polizisten vorbei in das Flughafengebäude und es wird eine strenge Körper-  und Gepäckkontrolle  durchgeführt. Ist man auch körperlich in einem fernen Land, so hat man das Gefühl, dass die Seele nicht mitgereist ist. 

Singen verleiht Flügel.