corona:zeit

Zur vielzitierten Krise und der schrittweisen Normalität ist es eine Überlegung wert, wie vieles durch das Coronavirus aus der Wahrnehmung verschwunden ist. Vor der Corona Krise gab es Jahr für Jahr eine wochenweise Diskussion über den Sinn und den Unsinn der Zeitumstellung, von der Normalzeit auf die Sommerzeit. Dazu war man mit den Meinungen von Schlafforscher, Mediziner, Psychologen, Landwirten und Wirtschaftsexperten konfrontiert. Dieses Jahr gab es zur Zeitumstellung in den Medien nur einen kurzen Hinweis. Keinerlei Expertenmeinung zu Risiken und Nebenwirkungen für die Menschen, Heimtiere und Nutztiere. Speziell die Kühe, wie lange brauchen sie bis sie sich an die Sommerzeit gewöhnt haben und geben sie weniger Milch? Erst die Schulkinder, lässt der Lerneifer nach und müssen sie durch die Zeitumstellung mit schlechteren Noten rechnen? Der Ausbruch der Coronaepedemie hat all diese Spekulationen aus der Angel gehoben.

Die Geschäfte haben wieder geöffnet und nach vier Wochen Shopping Abstinenz stellt man fest, dass viele Wünsche, die vor der Krise vorhanden waren, vergessen sind. Der Wunsch nach einer neuen Lampe, Couch oder Matratze ist bedeutungslos geworden. Plötzlich entdeckt man, dass diese Dinge noch Jahre ihren Dienst versehen werden und dies keinerlei Einschränkung der Lebensqualität bedeutet. Manches ist für den Alltag weniger notwendig als man es gewohnt war, der Besuch eines Caféhauses, des Lesesaal oder des Rückenstudio. Von allen Wünschen und Bedürfnissen geblieben ist der Wunsch, gesund zu bleiben. Aus dem Tagebuch…

covid-19/27

corona:single

Als Einzelner hätten wir keine Chance eine solche Krise zu bewältigen. Inzwischen sind Risse in der Gesellschaft aufgetreten, die Meinungen zur den Verordnungen sind unterschiedlich. Waren alle Schließungen notwendig und hätte es nicht genügt, die Risikogruppe in Quarantäne zu versetzten ? In den ersten Wochen der Pandemie haben wir, als die dramatischen Bilder aus Oberitalien gezeigt wurden, Angst bekommen. Die Särge von den Coronatoten wurden in den Sporthallen gestapelt und dann per Lkw in andere Landesteile abtransportiert. So wurde es uns über Wochen in der Zeit im Bild 2 gezeigt. Einen Rettungsanker habe ich im aufkommenden Frühling gesehen, da die hellen und warme Tagen sich positiv auf die Stimmung auswirken. In der Natur konnte man beobachten wie sich das Grün der Gräser, der Blumen und der Blätter ausgebreitet haben. Das Leben der Natur hat sich durch den Virus nicht stoppen lassen. Um wie viel dramatischer hätte man die Berichte in der Zeitung, im TV und die Reden vom Bundeskanzler empfunden, wenn es Herbst gewesen wäre? Der Winter vor der Tür gestanden wäre, die Bäume die Blätter verlieren, die Gräser verdorren und die Tage kürzer und dunkler werden. Diese äußeren Umstände hätten bei vielen Krisenstimmung und Bunkermentalität ausgelöst und die Seele verdunkelt.

Trotz des vielgepriesenen Singledaseins und der Ich-AG ist der Mensch, noch immer so viel Neandertaler, dass er sich in der Gemeinschaft am stärksten fühlt. Wie hätte ein einzelner Urzeit Mensch mit den primitiven Jagdwerkezeugen ein Bison erlegen können? Nur als Gruppe konnten sie ein Bison erlegen. Auch das Coronavirus werden wir nur als Gemeinschaft  die zusammenhält und sich gegenseitig unterstützt, eindämmen können.

covid-19/26

corona:firma

Inzwischen hat sich in Kärnten einiges verändert, die Ausgangsregeln hat man aufgehoben, es gibt Erleichterungen beim Umgang mit anderen Menschen. Die Möglichkeit sich zu infizieren steht immer noch im Raum. Zurzeit werden die Infizierten weniger und es gibt nur wenige Neuinfektionen. Auch wenn der Besuch eines Café oder Restaurant wieder erlaubt ist, Bibliotheken und Schulen geöffnet wurden, die Normalität ist es nicht. Eine neue Normalität kann ich mir nicht vorstellen, ist eine Wand grün, dann ist ein neues Grün eine fragwürdige Aussage. In den vergangenen Wochen hat man sich viel per Telefon oder über das Internet unterhalten, Kurse über Video- Konferenzen besucht. In diesem Zustand einen Meilenstein in der Kommunikation gesehen. In Krisenzeiten braucht der Mensch die Gemeinschaft, sehnt sich nach persönlichem Kontakt mit anderen Menschen. Wer sucht nicht nach einem Unterschlupf beim Nächsten, wenn einem das Leben Prügel vor die Füße legt? Bei der Vorstellung ich hätte diese Wochen als Single durchtauchen müssen, hätte dies bestimmt der Psyche zugesetzt. Etwas zu spüren bekommt die Psyche in der Krise soundso. Auch bei der Frage, welche Richtung wird die Pandemie nehmen und wie sicher sind wir vor einer neuen Infektionswelle?

Entspannt war ich, als meine vierzigjährige Firmenchronik, Papier- und Buchhandlung Supersberger in Arnoldstein, nach einer Bearbeitungszeit von etwa einem halben Jahr einen Platz im Kärntner Landesarchiv gefunden hat. Vier Ordner zur Firmengeschichte sind angereichert mit vielen originalen Schriftstücken, Flugzetteln, Dokumenten, Aus- und Einnahmerechnungen und Unterlagen zum Ortsmarketing. Dazu gesellten sich meine Arnoldsteiner Porträts und – Gespräche, sowie Leserbriefe zur Ortsentwicklung. Auf meine Anfrage an das Kärtner-Landesarchiv zwecks Übernahme meiner Firmengeschichte erhielt ich innerhalb von einem Tag eine Antwort. Mit dem Hinweis, dass im Archiv sehr wenig Material zur lokalen Gewerbegeschichte vorhanden ist, freuen sie sich meine Ordner zu übernehmen. Die Übergabe der Firmengeschichte liegt jetzt sechs Wochen zurück.

covid-19/25

corona:arm

Bei den Online-Konferenzen, welche in der Quarantäne an Quantität und Qualität zugenommen haben, entstand immer wieder das Gefühl, hoffentlich wird man sich bald  real im Kurs treffen können. Viele Kursteilnehmer freuten sich darüber, als man nicht mehr virtuell im Kurs war, sondern real im Kursraum gegenüber saß, wenn auch mit einem gehörigen Abstand.

Mehrere Jahrzehnte hatte ich Kundenkontakte, wo ich mit Handschlag und offenen Blick auf die Kunden zugegangen bin. Auch nach drei Monaten Eingewöhnung fällt es mir schwer bei einem Treffen mit Bekannten und Kollegen meine Hand nicht zum Gruß auszustrecken. Meistens bleibt der Arm auf halber Höhe stecken, ich bin verunsichert und entschuldige mich bei meinem Gegenüber dafür, dass ich ihm nicht die Hand reichen darf. Mit einem Achselzucken lasse ich den Arm wieder fallen. Wir trennen uns mit viel Bedauern und verschieben den Handschlag auf später, in einem Jahr?

Später soll es die Normalität wiedergeben. Der Wunsch zum Verbleib in der neuen Normalität ist gering, obwohl ich mir beim Ressourcenverbrauch wünsche, dass es zu  einer Reduzierung kommt. In unser aller Interesse sollen wir mit den Gütern sorgsam umgehen und nur das zum Leben notwendige anschaffen. Die Waren des täglichen Bedarfs nicht von vornherein als Kurzzeitprodukte, sondern als Langzeitprodukte ansehen.

covid-19/24

corona:schmäh

Die Serviererin im Restaurant strahlte über unseren Besuch, allgemein trudeln die Gäste nur spärlich ein. Lange Zeit gab es in den Lokalitäten keine größeren Familienfeiern, wie Geburt, Erstkommunion, Geburtstage und Hochzeiten. Mit Schaudern denkt die Bedienung an den abrupten Schließungsbefehl zurück, von einer Stunde zur anderen musste der Gastbetrieb geschlossen werden. Am meisten fehlte ihr in den vergangenen Wochen der Plausch mit den Gästen, der kleine Schmäh während sie die Frittatensuppe und die Kärntnernudel serviert.

Abseits von unserem Bedürfnis nach Kommunikation frage ich mich, wie geht es den Vögeln, wenn wir ihnen den öffentlichen Raum wieder streitig machen? Über Wochen waren sie die Einzigen, welche sich zu jeder Tageszeit im Freien zu Wort gemeldet haben. In den nächsten Monaten werden die Vögel nicht mehr die Lauthochheit über den freien Raum haben, ihr Gesang wird wieder mit den Verkehrsgeräuschen von der Villacher Westtangente garniert sein.

Seit den Ausgangsbeschränkungen wird viel davon geredet, wie sehr man unter den fehlenden Kontakten mit anderen Menschen leidet und gelitten hat. Man war über Wochen mit den unmittelbaren Personen enger gebündelt, als manchem lieb war. Unter der Mehrheit, welche sich über die wiederhergestellte Freiheit freut, gibt es eine kleine Gruppe von Menschen, welche die wiedergewonnene Bewegungsfreiheit mit Argusaugen beobachtet. In dem Fall, wenn sie keinen Wert auf soziale Beziehungen legen, kein Interesse an den Mitmenschen haben. Solche, die sich mehr oder minder immer in der Selbstisolation, in der Selbstquarantäne befinden, weil sie sich selbst genügen. Diese haben sich während der Zeit, als nur vereinzelte Personen in der Getreidegasse unterwegs waren, sichtlich wohl gefühlt. Sie brauchten niemanden ausweichen und konnten ungehindert ihrer eigenen Spur folgen. Jene, welche unterwegs waren ähnelten ihnen. Plötzlich kommen ihnen in der Getreidegasse wieder eine Phalanx von Besuchern und Flaneuren entgegen.

covid-19/23