corona:leckerbissen ll

Während der großen Seuchen im finsteren Mittelalter zeigten sich manche Menschen davon unbeeindruckt. Sie ließen sich nicht abhalten dem Essen, der Musik oder dem Theater zu frönen. Musische Vergnügungen könnten ein natürliches Immunmittel in unsicheren und teuflischen Zeiten sein. Damit gibt man eine resistente Botschaft an die Immunabwehr weiter und unterstützt sie bei ihrem Kampf gegen Viren und Bakterien. Nichts macht kränklicher, als wenn man sich mit schlechten Ereignissen in der Nachbarschaft oder in der Familie beschäftigt. Gibt es keine guten Nachrichten oder keinen Trost in Gesprächen, dann steht uns heute eine Fülle von erbaulichen Geschichten oder Musikstücken zur Verfügung. Nichts zerstreut die bösen Gedanken so schnell wie ein kleines Fest. Auch wenn dieses während der Corona Pandemie nur im engsten Kreis gefeiert werden konnte. Deshalb war es im Sommer 2021 an der Zeit meinen runden Geburtstag unter dem Motto Kirchtags Schmankerln, zu feiern. Dazu gehörte eine Gailtaler Kirchtagsssuppe und ein Kirchtagsbratl mit warmem Sauerkraute. In der Einladung habe ich aufgefordert anstatt Geschenke eine Spende für eine karitative Organisation abzuliefern, so wehte über allem ein guter Geist. Eine Teilnehmerin äußerte sich lobend, wie harmonisch die Familienfeier verlaufen sei. Wie rücksichtsvoll die Verwandtschaft miteinander umgegangen ist. Etwas dazu beigetragen hat die vorausschauende Sitzordnung und auch Tiere geben sich friedlich, wenn sie vor einem vollen Futtertrog sitzen. Beobachtet wie entspannt Kühe sind, wenn sie auf der Weide grasen oder in der Gruppe zum Wiederkäuen im Schatten auf einer Wiese liegen. Aus dem Tagebuch…

Um den Impffortschritt anzukurbeln gilt jetzt das Motto: Bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt. Jetzt wurde eine allgemeine Corona Impfpflicht eingeführt, mit Verwaltungsstrafen bei Ablehnung. Als Zuckerl gibt es nach der Coronaimpfung ein Paar Frankfurter mit Senf, Semmel und Coca-Cola. 

corona:leckerbissen

Soziologen, Psychologen und Neurologen verschiedener Universitäten fragen sich, welche Folgen das Coronavirus über die körperlichen Beschwerden hinaus verursacht. Wie verändert die Corona Pandemie uns als ganze Menschen und wie sehen die Veränderungen in weiterer Zukunft aus. Für viele Studierende eine einmalige Gelegenheit ein Forschungsthema zu finden. Bei der Fülle von angehenden Forschern ist es nicht einfach ein neues Thema für eine Feldforschung zu finden. Aus dieser Perspektive ist die Corona Pandemie für Forschungswütige, welche die momentane gesellschaftliche Situation abbilden und erforschen wollen, ein Corona Leckerbissen. Besonders gefördert wird die medizinische Forschung, Impfstoffe, Medikamente und die Behandlung der sogenannten Long COVID. Manche Überschriften von Seminararbeiten zur Erlangung eines akademischen Grades gleichen mehr einer Zeile aus einem Fantasyroman, als aus dem praxisbezogenen Leben.

Nicht nur die Pharmaindustrie, Forscher, Wissenschaftler und Universitätsneueinsteiger wittern ein Geschäft mit Corona, auch Museen sind vielerorts aktiv geworden. Sie haben auf der Webseite ihre Besucher aufgefordert, Erlebnisse und Souvenirs aus der Corona Pandemie, aus dem ersten Lockdown, zu schildern und mit Bildern zu dokumentieren. Inzwischen haben die Lockdowns ihren Neuigkeitswert verloren, kein Mensch, volkstümlich keine Sau, interessiert sich für den dritten oder vierten Lockdown. In Zeiten der schrillen Sozial Media Plattformen geht der Neuigkeitseffekt schnell verloren. Gesucht wurden Schnappschüsse aus der Lockdown Zeit, Hinweistafeln zum Umgang mit Covid 19, Aufnahmen aus dem Homeoffice oder Gesichter mit Mundnasenschutzmasken. Wer dazu eine Geschichte erzählen konnte hatte bei den Museen die Nase vorne. Welche Geschichten oder Tagebücher es in das Archiv des Museums schaffen, entscheidet die Archivarin. Das weitere Schicksal welche Berichte, Fotos oder Dokumente, in fünfzig oder hundert Jahren wieder öffentlich werden, wenn an der Geschichte und den Auswirkungen der Pandemie geforscht wird ist nicht steuerbar.

corona:wallfahrt ll

Beim Betreten des Kirchenraum der Wotrubakirche überrascht mich, dass die Betonquader, welche von außen betrachtet kreuz und quer stehen, im Inneren Harmonie erzeugen. Der Altarblock steht in der Mitte und die Sitzplätze für die Messebesucher sind rund um den Altar angeordnet. Möchte sich jemand während der Messe zurückziehen, kann er sich in einer der Nischen, die durch die ungleichmäßigen Anordnungen der Quader entstehen, tun. Von außen werden die Fenster in der Betonmasse kaum wahrgenommen, innen sind sie präsent. Kurze Zeit zeigte sich die Sonne, das Spätsommergrün der Bäume und das Blassblau am bewölkten Himmel besuchte den Sakralraum. Die Betonquader erzeugen einen Schutzraum, der für verschiedene Zwecke dienen könnte. Man sitzt in einer Höhle, welche einem Angriff von außen standhalten würde. Abgeschirmt, von wem, dies muss ich erst herausfinden und was suche ich in dieser Abgeschiedenheit? Spannend ist für mich die Verwandlung der groben Filzstiftskizzen und der massigen Tonmodelle in der Ausstellung zu diesem Sakralbau. Ist es bei der Betrachtung des Baukörpers von Bedeutung, wie gläubig und welches Glaubensverständnis Wotruba hatte?

Zur Mittagsstunde betritt eine festlich gestimmte Schar von Menschen, allen voran die Taufpatin mit dem Neugeborenen, die Kirche. Sie versammeln sich um das Taufbecken. Ein etwa dreijähriges Mädchen wiegt eine Puppe in ihren Armen, auf dieselbe Art wie die Taufpatin das Baby. In der Kapelle beginnt die Taufzeremonie, was wird der Pfarrer der Patin, den Anwesenden, dem neuen Erdenbürger auf ihren Lebensweg mitgeben?

Vor ein paar Stunden sah ich im Frühstücksraum des Azimut Hotels in den Armen einer jungen Mutter ein etwa einjähriges Kind. Mit einer Hand hat es den Pulli seiner Mama hochgeschoben und genussvoll an ihrer Brust gesaugt. Im Trubel und Gedränge des Frühstücksraums ist diese Episode weitgehend unbeachtet geblieben. Mir wäre sie auch entgangen, wenn die Familie nicht in meinem Blickwinkel gesessen wäre. Am meisten irritiert von der Ungezwungenheit der Mama waren die anwesende Oma und der Opa.

Eine Frau, welche auch den Weg von der Straßenbahn zur Wotruba Kirche genommen hatte, verabschiedete sich mit der Feststellung, dass die Kirchenfenster einmal geputzt gehörten. Aus dem Tageheft 258

omikron:wallfahrt

Der erste Ausstellungsbesuch in Wien, im lockeren Coronasommer 21, führte mich in das Untergeschoß des Belvedere 21. Dort wird die Entstehungsgeschichte der Wotruba Kirche am Georgenberg in Wien-Mauer nachgezeichnet. Zuerst lautete der Auftrag an Wotruba eine Klosteranlage mit Kirche auf den Georgenberg zu errichten. Verwirklicht wurde der Kirchenbau, 1974 begonnen und 1976 eingeweiht. Die ersten Skizzen welche Fritz Wotruba (1907-1975) zum Kirchenbau machte verlangen von den Besuchern viel Vorstellungsvermögen. Er war kein Architekt, sondern Bildhauer und die Skizzen gleichen seinen Entwürfen für eine Skulptur. Die ersten räumlichen Darstellungen in Ton stehen den Skizzen nichts nach. Ein Wunsch von ihm war die Kirche mit rieseigen Steinblöcken zu realisieren. Die Entwürfe für die Kirche lösten damals heftige Diskussionen aus, heute ist der Kirchenbau für Gläubige und an Baukunst Interessierte ein Wallfahrtsort.

Von Hietzing aus erreichte ich den Ort Mauer mit der Straßenbahnlinie 10. Vom Zentrum führt die Lange Gasse und diesen Namen führt die Gasse zu Recht, bergwärts. Den beschwerlichen Aufstieg auf den Georgenberg hatten mehrere zum Ziel. Nähert man sich der Kirche erscheint sie wie eine überdimensionierte Skulptur am Berg, so als hätten Riesen mit übergroßen Granitquadern ein Gebäude errichtet. Richtig trotzig steht sie am Berg, als Kärntner würde ich sagen am Nock. Die Kirche sendet das Signal, ich kann mich eines jeden Besuchers, bei einer Burg würde man sagen eines jeden Angreifers erwehren. Die aufeinander gewürfelten Betonklötze scheinen von außen betrachtet jede Statik zu ignorieren.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Besucher oder kann man sie Pilger nennen, welche den steilen Weg hinter sich haben, zu aller erst um die Kirche herumgehen. Gekonnt wurden die Fenster zwischen die Betonblöcke gesetzt, durch die ich einen kleinen Einblick in das Innere nehmen kann. Dabei habe ich erleichtert festgestellt, dass der Innenraum sich an einer Kirche orientiert. Niemanden habe ich beobachtet, der direkt in die Kirche eingetreten wäre. Wobei das Kirchentor von jeden einzelnen neu entdeckt werden muss. Mit Absicht, um die Menschen auf das Nichtalltägliche vorzubereiten. Aus dem Tageheft Nr. 258

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Auf der Verwandtschaft WhatsApp wird eine Kopie aus der Zeitung gepostet, wo die Trauerfamilie für die Beileids Wünsche anlässlich des Ablebens von Franz S. dankt. Gleichzeitig wird nachgefragt, ob es in Kärnten mehrere Personen geben könnte, welche Franz S. heißen? Es könnte auch andere Franz S. geben. Ich vertraue einer alten Volksweisheit, dass Totgesagte länger leben. Auf der Kopie befindet sich das Rezept für eine Rote Rüben Suppe, ein russisches Rezept? Bei einem traditionellen russischen Mittagsessen erhielten wir zuerst eine Rote Bete Suppe. Ich poste, dass die Rote Beete Suppe nicht zu meinen Lieblingsgerichten gehört und bei meinem Leichenschmaus keine Rote Rüben Suppe zu servieren.

Ein paar Tage darauf fuhr ich zu einer Familie nach Arnoldstein, ich bin zum Mittagessen mit Gailtaler Kirchtagsuppe und Schweinsbraten eingeladen. Von H., dem Hausherrn, wurde ich an der Haus Einfahrt erwartet und mit der Hand aufgefordert vor die Garage zu parken. Auf dem Weg zur Haustür erzählt er mir, er hat sich davor mit dem Nachbar unterhalten. Dieser hat nachgefragt, wer heute zu Besuch kommt? Ihm hat er geantwortet, der Supersberger, der ehemalige Papierhändler. Der Nachbar war darüber ganz erstaunt, der Supersberger, lebt er noch? In einer Kleinformatzeitung hat er von mir die Todesanzeige und dass Dankschreiben für die Beileidswünsche gelesen. Einige Arnoldsteiner dürften beim flüchtigen Lesen der Todesanzeige für Franz S. angenommen haben, dies sei der ehemalige Papierhändler. Durch den Pensionsantritt und den Wohnungswechsel bin ich in Arnoldstein leiblich kaum noch präsent. Beim Besuch im Geschäft erzählt mir der Verkäufer, dass in den letzten Tagen mehrere Kundschaften gefragt haben ob es zutrifft, dass der Herr S. verstorben sei? Sie haben meinen Namen in einer Traueranzeige gelesen. Aus dem Tagebuch…