corona:kirchtag

Während der Sommermonate finden in Kärnten in vielen Ortschaften die Kirchtage, das Kirchweihfest zu Ehren des Namenspatrons, statt. Wegen der Coronapandemie wurden die Kirchtage ausgesetzt, so denken manche Gastwirte darüber nach, einen Hauskirchtag abzuhalten. Spontan fallen mir zwei Kirchtage ein, welche abgesagt wurden, der Arnoldsteiner und der Villacher Kirchtag. Niemand kann die Menschenmassen steuern, die sich während der Villacher Kirchtagwoche durch die Innenstadt wälzen würden, dabei wäre kein Babyelefant Abstand möglich.  Den Höhepunkt würde der Trachtenumzug am Samstag bilden, mit ungefähr dreitausendfünfhundert Teilnehmern und mehr als vierzigtausend Zuschauern.

Auch der traditionelle Arnoldsteiner Kirchtag mit Kufenstechen am Sonntag- und Montagnachmittag konnte nicht stattfinden. Nach den Pandemievorschriften war das Kufenstechen nicht durchführbar. Dabei drängen sich Menschen an Menschen, Körper an Körper, um dem Galopp der Reiter mit ihren Pferden zu folgen. Jeder versucht einen Blick auf den Reiter  zu erhaschen, wenn er sich dem Holzfassl nähert und darauf einschlägt. Am Kirchenplatz vermischen sich die Ausdünstungen der Pferde mit den Ausdünstungen der Reiter. Diese galoppieren in Gailtaler Tracht, aus dickem Stoff und in Lederstiefeln bei sommerlichen Temperaturen, über den Platz . Über der Zuschauermenge hängt eine Duftwolke aus Körperschweiß, den verschiedenen Deodorants und Parfums. Aus den tiefen Dekolletés quengelt der Busen in die warme Nachmittagssonne und ein körperwarmer Duft an Verheißungen.

Gleichzeitig zum Ferndorfer Landkirchtag hat es in Politzen beim Gasthof Rader einen Hauskirchtag gegeben. Das Gasthaus hatte über Jahrzehnte für die Ortschaft Politzen, Beinten und Nußdorf eine wichtige nachbarschaftliche Funktion. Es gab einen öffentlichen Fernsprecher, einen Schwarzweißfernseher und eine Tiefkühlanlage. Durch einen Zubau wurde in den 60er Jahren ein Veranstaltungsraum und darüber ein paar Fremdenzimmer geschaffen. Am Kirchweihsonntag trafen sich die Politzner, Beintner und Nußdorfer, Groß und Klein, im Gasthof zur Tanzunterhaltung. Ein Ziehharmonikaspieler sorgte für gute Stimmung. Eine Schießbude, ein Standl mit Schaumrollen, Lebkuchenherzen mit den schönsten Liebesschwüren gehörten auch dazu. Meiner Schwester wurde am Politzner Kirchtag von ihrem künftigen Ehemann der Heiratsantrag gemacht.

covid-19/35

corona:schütt

Vor der Ortschaft Oberschütt sitze ich im Niemandsland, am Waldesrand, auf einer Bank. Vor mir breitet sich eine große Wiese, mit unterschiedlichem Graswuchs, aus. Seitlich ist ein Acker, wo die Maispflanzen sprießen. Hundert Meter weiter befindet sich der Bauernhof zudem diese Wiese gehört. In meiner Erinnerung, wenn ich hier eine Pause eingelegt habe, die Herbstzeit. Der Acker abgeerntet, die Wiesen gemäht. Jetzt weiden zehn bis zwölf Rinder auf der Wiese, darunter zwei oder drei Jungtiere. Die Beharrlichkeit mit der die Kühe ein Grasbüschel nach dem anderem mit ihrer rauen Zunge einfangen. Nichts wird beschleunigt oder gebremst. Inmitten der weidenden Kühe gibt es welche, die zum Wiederkäuen am Boden liegen und vor sich hindösen. Hin und wieder lassen sie den Schweif auf die Flanken sausen, damit sich die Fliegen und die Bremsen aus dem Staub machen.

Nach der Fahrt mit dem Fahrrad, von Villach den Gail Radweg entlang, ist heute hier Endstation. Ohne auf die Uhr zu blicken, ohne Verpflichtung soundso viele Kilometer in die Pedale zu bringen, einfach nur da sein. So ruhig wie vor einigen Wochen, wo rigorose Corona Ausgangssperre herrschten, ist es nicht mehr. Von der Autobahn, die sich ihren Weg durch die Schütt gebahnt hat, kommt ein gleichbleibender Geräuschpegel. Noch hört man den Ruf des Kuckucks und einzelne Vogelstimmen ganz rein. Auf der Schütterstraße ist wieder reichlich Pkw Verkehr und die neue Freiheit heißt E-Bike fahren. Am Straßenrand bilden Blümchen mit gelben Blüten und zyklamen farbige Blumen dreieckige Inseln. Am blauen Himmel über Südkärnten zeigt sich noch immer kein Flugzeug, jeden Kondensstreifen würde man sofort erkennen. Es ist tröstlich wie sich die Umgebung mit den Monaten verändert. Vor, während und nach der Corona Krise, der Kreislauf der Natur bleibt derselbe.

covid-19/34

corona:schlosspark

Die Mittagspause während meiner Ausbildung zum Papier- und Buchhändler verbrachte ich zum Großteil im Schlosspark in Spittal/Drau. Sobald die Mittagstemperaturen für einen Aufenthalt im Freien erträglich waren, trudelten Lehrlinge aus den verschiedenen Geschäften und verschiedenen Branchen im Schlosspark ein. Der war vom Frühjahr bis in den Spätherbst unser Wohnzimmer. Jeder hatte seine Jause dabei und ich versorgte die Clique mit Zeitschriften, welche ich mir über die Mittagspause vom Buchladen mitnehmen durfte. Ganz verschämt die Quick und die Neue Revue, in beiden Zeitschriften berichtete Oswald Kolle, Ende der 60er Jahre über das Liebesleben von Frau und Mann. Die Jugendzeitschrift Bravo war auch beliebt, sie berichtete über Popstars und Dr. Sommer gewährte Hilfe bei Liebeskummer und Liebesproblemen. Meine Mittagslektüre war um eine Facette reicher, mich interessierte auch der gesellschaftliche und politische Umbruch in diesem Jahrzehnt. Zu meiner Auswahl zählte Der Spiegel, Twen, Konkret und Das Neue Forum.

Im Frühsommer führte eine Radtour von mir nach Spittal/Drau und in den Schlosspark. Die Dimension des Springbrunnens hat sich auch nach fünfzig Jahren nicht verändert und wird von einem bunten Blumenkranz eingerahmt. Es waren die ersten zaghaften Versuche der Bewohner nach der Coronasperre wieder ein Café zu besuchen, einen Cappuccino und eine Schlosstorte zu genießen. Ob sich heute noch immer Cliquen beim Schlossteich treffen? Verstohlene Blicke beim Lesen der Illustrierten vor den Erwachsenen wird es nicht mehr geben, das Schamgefühl liegt heute bei den älteren Parkbesucher. Jugendliche, welche Illustrierte durchblättern werden die Ausnahme sein. Wahrscheinlicher ist, dass jeder in einer Gruppe sein Smartphone in der Hand hat und sich durch die Mittagspause wischt und tippt.

covid-19/33

corona:stadtpark

Im Alter fällt es oft schwer einfach in den Stadtpark zu gehen, sich auf einer Bank niederzulassen und vom Frühjahr bis in den Herbst die blühenden Blumen und Sträucher zu genießen. Während des Corona Lockdowns war die Rede davon, es braucht einen Balkon oder Garten, um gesund darüber hinwegzukommen. Außer Acht gelassen wird, auch davor und danach, dass es in der Draustadt viele öffentliche Plätze gibt, wo man Naturschauen kann. Gerade die Senioren sollten sich diese Öffentlichkeit gönnen, manche schämen sich aber seinen Müßiggang öffentlich zu zeigen. In den gepflegten Parks wird uns, den Älteren, die Arbeit eines eigenen Gartens abgenommen und trotzdem kann man dort am Wachsen und Gedeihen teilnehmen. Die Kärntner werden gerne, ob der Lebensfreude, als die Italiener Österreichs bezeichnet. Nach meinen Beobachtungen bezieht sich diese Feststellung auf die Jungen und ohne Diskriminierung auf die sogenannten Ausländer, zumeist aus dem Süden zugezogen. Für die Südländer gehört es zu ihrer Lebensart, erlauben es die Temperaturen, jede Stunde im Freien zu verbringen. In den öffentlichen Parks sieht man viele Zuwandererkinder, mit und ohne Eltern. Zu ihrem Alltag gehört der öffentliche Platz dazu.

In nostalgischer Erinnerung schwärmen wir vom Urlaub im Süden, wo sich vieles vom Leben auf den öffentlichen Plätzen abspielte, an dem wir gerne, animiert durch die Urlaubsfreude, teilgenommen haben. Daheim angekommen ziehen wir uns in die eigenen vier Wände oder auf den Balkon zurück. Im Alter mangelt es manchmal am italienischen Temperament. Die Parkbänke erhalten oft einen schalen Beigeschmack, schnell denken wir dabei an Stadtstreicher oder Sandler und dazu gehen wir zumeist auf Abstand. Ein Meter Abstand ist das Modewort während der Corona Pandemie gewesen. Sozialdistanz, dabei bleibt mir der Arm, den ich dem Gegenüber ausstrecken will, auf halber Höhe stecken und sinkt dann wieder zurück. Im Alter mangelt es manchmal am italienischen Temperament.

covid-19/32

corona:party

Im Dschungel vieler guter Ratschläge bleibt die zentrale Erkenntnis, dass der Mensch sehr vergesslich ist, unberücksichtigt.  Wer zu sich ehrlich ist, erinnert sich bestimmt an eine kritische Lebenssituation, wo er gute Vorsätze für danach gefasst hat. Als die Gefahr vorüber war, wurden die guten Vorsätze schnell vergessen.

Ich wundere mich über die vielen Aussagen der Weltverbesserer, welche jetzt Hochkonjunktur haben. Sie erwarten eine geläuterte Menschheit, wenn die Coronavirus Pandemie vorbei sein wird. Eine Staatengemeinschaft die sich in zukünftigen Notzeiten gegenseitig unterstützt, eine Bevölkerung welche sich massiv dem Umweltschutz verschreibt und viele Menschen die ihren Alltag Entschleunigen werden. Die momentane Krisensituation bedingt ein klimafreundliches Verhalten und eine Zwangs- entschleunigung des Alltags. Wer etwas gegen die Erderwärmung beitragen und seinen Alltag entschleunigen will, der braucht keine Pandemie, sondern macht dies freiwillig. Eine gewisse Ähnlichkeit haben die Appelle der Weltverbesserer mit früheren Argumenten der christlichen Kirchen. Damals wurden Seuchen und Naturkatastrophen zur Strafe Gottes für das sündige Verhalten der Gläubigen erklärt und zu Umkehr und Buße aufgerufen.

Ich erinnere mich noch genau an das Erdbeben in Friaul im Mai 1976, welches wir in Südkärnten stark gespürt haben. Nach dem ersten Schock und der Betroffenheit über tausend Tote in Friaul waren an den darauffolgenden Wochenenden die Gasthäuser und die Tanzlokale in Kärnten gerammelt voll. Jeder versuchte vom Leben etwas zu erhaschen, bevor es zu spät sein könnte. Genauso wird die Weltenparty weitergehen, wenn die Corona Pandemie vorbei sein wird.

covid-19/31