VER:laufen IV

Verlässt man in Venedig den markierten Weg ist die Gefahr groß, dass man sich verläuft. Dies kann dazu beitragen, dass man etwas Neues entdeckt, was für das Begreifen der Stadt förderlich ist. Dies können persönlich gestaltete Fenster von kleinen Werkstätten oder Mauernischen mit religiösen Motiven sein, die einen Blick in die Seele des Viertel gewähren.

Kann man sich auch im Leben verlaufen? Unsere Lebensläufe lehnen sich an die Routen der Eltern an, die an die Kinder weitergegeben wurden, der pädagogische Routenplaner. Bei den Routenplanern hat man die Wahl zwischen der schnellsten oder der kürzesten Route. Gleich bleiben der Abfahrtsort und der Zielort. Vor Jahrzehnten konnte man mit diesem oder jenem Schulabschluss den Einstieg in einen bestimmten Beruf und die vorgegebenen Aufstiegsmöglichkeiten planen.  Zuweilen wusste man bei Betriebseintritt in welcher Position man zum Berufsende in Pension gehen wird. Dabei hat es immer Aussteiger und Ausreißer gegeben. Heute wäre eine solche Lebensplanung absurd, das Schlagwort heißt Flexibilität. Immer flexibel sein bedeutet in steter Anspannung zu leben, den Augenblick nicht zu versäumen.

Da stellt sich die Frage, wann man sich eine Pause gönnen soll, wann braucht es die Flexibilität nicht mehr. Oft werden für das Alter, wenn man aus dem Berufsleben ausscheidet, Forderungen gestellt, dass man alles daran setzten soll um flexibel zu bleiben. Es geht darum, den Lebensfaden nicht zu verlieren. Meine Losung für die Pension heißt, so flexibel wie möglich und stabil wie notwendig.

Plexiglas.           

VER:laufen II

Eine besondere Erfahrung beim Gehen macht man in der Lagunenstadt Venedig, wo man neben der Benützung der Vaporetto auf dem Canale Grande, sehr viel zu Fuß unterwegs ist. Nach den sogenannten Ameisenstraßen, wo sich die Fülle der Besucher durchschlängelt, kann man sich leicht orientieren. Sie führen verlässlich zu den Sehenswürdigkeiten wie Markusplatz, Rialtobrücke, Guggenheimmuseum oder Palazzo Grassi. Besteht die Absicht ein unbekanntes Stadtviertel zu erforschen wie, Cannaregio oder Castello, dann steckt die Tücke bei der Besichtigung im Detail. In den schmalen und verwinkelten Gassen, die oft nur körperbreit sind, kann man sich schnell verlaufen. Viele Gassen sind nicht beschriftet, die Häuser haben eine Hausnummer. Die Gassen machen oft einen Hacken und plötzlich geht es nicht mehr weiter oder sie enden an einem Kanal, aber es gibt keine Brücke. Sie  sind meist dann nicht vorhanden, wenn man dringend eine sucht. In dieser Situation hilft auch kein Stadtplan, weil man durch die Winkelzüge die Orientierung verloren hat. In so einem Fall ist es empfehlenswert umzukehren, zurück zu gehen, bis man sich an einem bekannten Ort neu orientieren kann und es noch einmal versuchen. Wie im Märchen, von einem Knaul Wolle den Faden hinter sich abspulen, damit man weis, von wo man gekommen ist.

Labyrinth.

VER:laufen

Heute kommt es selten vor, dass sich jemand mit dem Auto verfährt. Vor Jahren war dies, wenn man im benachbarten Ausland unterwegs war, öfter der Fall, dass man sagte: „Jetzt habe ich mich verfahren“. Meistens wollte man abseits der großen Durchzugsstraße ein Kleinod besichtigen oder zu einem landestypischen Fest fahren. In der Nachbarregion Friaul gibt es eine Reihe von unverwechselbaren Festen, wie Lavendelfest, Kartoffelfest, Schinkenfest oder die Vogelmesse in Sacile. Die Vögel werden dort in Käfigen entlang der Straße zur Schau gestellt und zum Verkauf angeboten. Dabei ist der ganze Ort, die Luft, erfüllt von Vogelstimmen. Heute vertrauen die meisten auf ein Navigationsgerät, dem Routenplaner aus dem Internet und wie ich auf eine aktuelle Straßenkarte. Schnell verfahren kann man sich in einer größeren Stadt, kaum in der Innenstadt, vielmehr in der Peripherie, wenn man eine bestimmte Adresse sucht. Der Innenstadtbereich ist gut beschildert. Zurzeit gibt es eine Diskussion über das geeignete Verkehrsmittel im Stadtbereich und dazu den Vorschlag, dass man am Besten die Straßenbahn und die U-Bahn benützt. Die bequeme, schnelle und sichere Fortbewegung mit der U-Bahn habe ich bei meinem letzten Wienbesuch anlässlich einer Fachmesse erlebt. Ich habe darauf geachtet, dass sich die Hotelunterkunft in der Nähe einer U-Bahn-Haltestelle befindet.

Ist man mit dem Auto unterwegs und hat sich verfahren, so kann man sich  damit trösten, dass eine Korrektur ein wenig Zeit kostet aber keine Anstrengung abverlangt. In geringem Umfang gilt dies auch mit dem Fahrrad, wobei für die Berichtigung schon körperliche Anstrengung und auch der Zeitfaktor größer ist. Unangenehm kann es sein,  wenn man in der Stadt zu Fuß unterwegs ist und feststellt, dass man sich verlaufen hat. Plötzlich findet man sich in einer falschen Richtung wieder und es kann körperlich schmerzen, wenn man wegen einem Irrtum zurücklaufen muss. Die Situation kann sich verschlimmern, wenn man einen Termin einhalten soll. Dabei kann es in den Städten im Sommer unerträglich heiß und im Winter kann oft ein  eisiger Wind wehen. Verschlimmert wird diese Situation, wenn einem der Begleiter die Schuld an den Verirrungen zuschiebt. Hitze und Kälte nicht verträgt und schlecht zu Fuß unterwegs ist. In solchen Fällen versucht man mit falschen Versprechungen wie, „es dauert nicht mehr lange und wir sind am richtigen Ort“, den anderen bei Laune zu halten. Dies kann nicht immer verhindern, dass die gute Laune in Aggression umschlägt.

Fußfetzen.

ZU:letzt

Es gibt die Überschaubaren, die menschenfreundlichen Supermärkte, die eine Ähnlichkeit mit den früheren Greißler haben, obwohl die Verkaufsflächen heute dreimal so groß ist. Das Sortiment besteht aus Artikel für den täglichen Verbrauch, Nahrungsmittel, Getränke und Artikel zur Körperpflege. Beim Greißler oder beim Gemischtwarenhändler, wie die größere Variante geheißen hat, konnte man außer den Lebensmittel auch ein Paar Gummistiefel, einen Besen und eine Packung Stahlnägel kaufen. Ein solche Produktbreite gibt es in den heutigen Nahverkehrsläden nicht mehr. Für die Getränke wird eine große Verkaufsfläche zur Verfügung gestellt. Wasser, in seiner natürlichen Form, hat als Getränk ausgedient. Das Mindeste ist Mineralwasser mit Zusatzgeschmack, Limonaden in allen Farben und ein breit gestreutes Sortiment an Bier- und Weinsorten.

Ungemütlich wird es, wenn man für den Einkauf des täglichen Bedarfes einen Megamarkt aufsuchen muß. Dann kann es eine halbe Stunde dauern, wenn man nach einem Bioapfelsaft und einem laktosefreien  Joghurt sucht. Im Segment Joghurt gibt es fast fünfzig verschiedenen Sorten, aus allen EU-Staaten.

Den Genuss in der schrillsten Ausformung kann  man in einem Feinkostgeschäft Am Graben in Wien erleben. Hier werden Delikatessen nach dem Motto, wer hat noch nicht, wer will einmal, wer probiert es, angeboten. In der Gemüseabteilung kann man zwischen achtzehn verschiedenen Kartoffelsorten wählen. Es gibt auch solche mit rotem Fruchtfleisch, passend zum Steak. Für die gesunde Jause am Nachmittag kann man zwischen zwanzig Apfelsorten wählen. Die prall gefüllte Käse-, Speck- und Wurstvitrine ist nicht zu übersehen, von der Decke hängen die Salamistangen. Ein ähnliches Bild bot sich in meiner Kindheit im Schlaf- und Wirtschaftsraum des Bauernhofes, von der Zimmerdecke hingen die Hartwürstel.

Beim Einpacken an der Kassa gibt es keinen Stress, weil dies wird durch eine Verkaufskraft erledigt, egal ob der Einkauf aus drei Artikel oder Dreißig besteht. Vom Reindling wird die Lebensgefährtin sagen, dass er der Beste seiner Art war.

Zu guter letzt.