RAD:fahren

Unter  der Draubrücke in Gummern  befindet sich ein Rastplatz für Radfahrer und der Umkehrpunkt für den Draumarathon. Dort gibt es die Möglichkeit frisches Wasser zu trinken und sich welches Abzufüllen. Vor mir breiten sich die Getreidefelder aus und trotz mancher Regentage ist das Korn gereift. Gibt es mehrere Schlechtwettertage oder Hitzetage, so wird im lokalen  Fernsehen darüber diskutiert, welche Auswirkungen diese auf die Landwirtschaft und auf den Fremdenverkehr haben. Das Getreide ist nur halb so hoch, wie es in meiner Kindheit war. Bei allen Getreidesorten haben sich die kürzeren Halme durchgesetzt, man hat das Saatgut verändert. Es gibt kaum noch einen Bedarf für das Stroh und die kurzen Halme erleichtern den Mähdreschern die Arbeit. Die Zeit, als das Getreide mit der Hand geschnitten und zu Garben gebunden wurde, liegt einige Jahrzehnte zurück. Das Getreide wurde an den Fortschritt angepasst, es ist komfortabel.

 Auf dem Radweg kommen immer mehr Radfahrer daher und rasen an mir vorbei. Eine Pause ist nicht vorgesehen, es gilt das Tempo zu halten und die Kilometeranzahl zu erreichen. Den Meisten genügt ein Schluck aus der Trinkflasche, während der Fahrt und nur keinen Blick zu viel auf die Landschaft. Ganz selten treffe ich Radfahrer auf einer Bank sitzend an, sie sind immerfort in Bewegung. Sie haben Angst, dass sie zum Stillstand kommen, sind mit den Schuhen in den Pedalen fixiert, an das Fahrrad gekettet. Vor dem Stillstand besteht eine allgemeine Furcht. Gerade die Pensionisten, darunter  besonders jene die vor kurzem in Pension gegangen sind, treten am kräftigsten in die Pedale. Sie legen die weitesten Strecken zurück um den endgültigen Stillstand möglichst weit hinauszuschieben. Das Erste, wenn es die finanziellen Mittel erlauben ist zu verreisen, eine weite Reise, die man sozusagen für die Pension aufgehoben hat. Drauradweg.   

ZIGAINA:rad

Die Radfahrer von heute können unter einer Vielfalt von Fahrrädern wählen. Die meisten haben einen Alu-Rahmen und sind mit allen technischen Raffinessen ausgestattet: Federgabeln, Nabendynamo, Scheibenbremsen, hydraulische Bremsen dazu ein Shimano Schaltwerk von 24 Gängen. Dem Verwendungszweck nach gibt es verschiedene Ausführungen, wie Mountainbike, Trekkingbike oder Citybike. Passend dazu eine funktionelle Radbekleidung, Schweiß absorbierend, in allen Farben. Die einen verwenden das Fahrrad für das sportliche Training, als Ausdauertraining für den Kreislauf, andere für einen gemeinsamen Familienausflug, zum Erleben der Gemeinschaft. Heute geht es beim Fahrradfahren um das Vergnügen oder um die körperliche Fitness. Aus Kostengründen und zur Verringerung der Umweltbelastung erledigt man Einkäufe im Nahbereich mit dem Fahrrad. Vereinzelt trifft man heute noch auf Landstraßen, sogenannten Feld- und Güterwegen ältere Frauen und Herrn mit einem Fahrrad der einfachsten Ausführung. Ein einfacher Antrieb mit Rücktritt und einer Vorderbremse, keine Federung. Hier ist das Fahrrad das Fortbewegungsmittel der Landbevölkerung. Man benützt es um am Sonntag die Verwandten zu besuchen oder vom Feld etwas heimzuführen. Die Fabriks- und Landarbeiter um am Sonntagnachmittag an einer politischen Versammlung teilzunehmen.

Die Radfahrer waren in den Fünfziger Jahren eine politische Macht. Die soziale Dimension der Fahrräder und ihrer Benützer bringt der Maler aus Friaul in seinen Bildern zum Ausdruck. In der Villa Manin, die Sommerresidenz der Dogen von Venedig, wurde sein Schaffen von 1942 – 2009, gezeigt. In den Fünfziger Jahren malte er Landschaften ohne Menschen, nur mit Fahrrädern in blau und grün Tönen. Bedrohlich wirken die Szenen wo zu den Fahrrädern die Sensen dazukommen. Das Fortbewegungsmittel und die Sensen als die Waffe der Landbevölkerung. Die Landarbeiter kommen in den späteren Bildern dazu, in Preußischblau. Am Rand der Bilder die Stumpen der abgeholzten Pappeln. Bei manchen Darstellungen verschmelzen der Fahrer und das Rad zu einer Kampfmaschine. Biciclette.

GEDANKEN:geröll

Uns plagen täglich Gedanken über naheliegende und ferne Dinge. Am meisten denken wir an unsere nächsten Familienangehörigen, ob sie Grund zur Freude haben oder ob sie über gewisse Umstände besorgt sind. Das sogenannte Glück hängt viel davon ab, ob man schmerzfrei ist und sich gesund fühlt. Plagen einen organische Schmerzen, die Sorge um die Wohnungskosten und den täglichen Bedarf, dann trüben die Gedanken ein. In einer Aufbauphase gehören die Gedanken der Partnerschaft, der Zukunft der Kinder, wie wird man einmal wohnen. Erweitert man den Kreis, denkt man an die Arbeitskollegen und das Klima in der Firma, wie man mit der zugewiesenen Arbeit zurechtkommt. Daran, ob die Aufträge reichen, dass die Firma weiter besteht und der Arbeitsplatz gesichert ist. Interessiert sich jemand für die Öffentlichkeit, ist man schnell bei der Arbeit der Politiker, den Vorkommnissen im Dorf.

Ist es möglich, so freut man sich auf seinen Urlaub, egal ob man ein großes Programm vorhat oder ihn in kleinen Rahmen genießen wird. Einen Ausflug in eine naheliegende Stadt, einen Badetag beim nächsten See oder eine Wanderung in den Julischen Alpen plant. Steht man am Fuße vom Vitranc, der in einer Geröllhalde ausläuft, denkt man an die Schwierigkeiten die auf jene zukommen, die in den Felsen einsteigen. Selbst begnügt man sich mit einer Wanderung am Fuße des Berges. Da kann man spüren, dass der Berg sich Gedanken über uns macht, wir die ihn von allen Seiten betrachten, die Furchtsamen, denen der Felsen Angst macht. Unsere Bewunderung ist auch ein Eingeständnis an unsere Vergänglichkeit, angesichts der Erdgeschichte. Jene, die es wagen ihn zu besteigen, sich an ihn festkrallen, nimmt er als lästige Fliegen wahr, die in einer erdgeschichtlichen Sekunde nicht mehr da sind. Für ihn ist unsere Anwesenheit ein Augenaufschlag.

Bärenhöhle.  

SCHWINDEL:punkt

Manche Dinge sind einem unangenehm, man möchte sie verdrängen oder wie man in der Umgangssprache sagt: Man schwindelt sich darüber hinweg. Am Hinterkopf befindet sich ein Punkt, wird er durch eine harte Unterlage gereizt, so kann er Schwindel auslösen. Meistens schwindelt man sich an einer Behandlung vorbei. Viele Vorschriften bauen sich um einen auf, wie die Naturgesetze, Staatsgesetze, Kirchengesetze, die humansten Gesetze sind die Gottesgesetze. Die Kirchengesetze sind in Verruf geraten. Die Diskussionen um die Vorkommnisse in den katholischen Internaten haben in mir einen Punkt getroffen. Ich habe das Gefühl, als wäre ich an einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Einige Schrammen sind geblieben. Dort sind Schuldgefühle eingeimpft, Barrieren aufgebaut worden. Werden Schrammen nicht fachgerecht versorgt, gereinigt und verbunden, so heilen sie schlecht und brechen immer wieder auf, sie vergiften den Körper.

Gegengift.

ORTS.wechsel

Wir sind mit Bekannten unterwegs und besuchen mit ihnen den Ort Cividale, in der Ebene von Friaul, mit den Kultstätten der Langobarden und der gewagten Teufelsbrücke über die Natisone Schlucht. Von dem Stadtpanorama bin ich jedesmal gefesselt. Wir spazieren über die Piazza,  dabei erezählen sie von den Schwierigkeiten, welche die Schwester verursacht und von den Wünschen der Enkelkinder. Kein Wort zu dem herrlichen Ambiente. Sie blicken erst auf, als sie darauf aufmerksam gemacht werden. 

Es gibt Bekannte, die verbringen die Tage ihrer Pension damit, dass sie ständig verreisen. Sie sind kaum länger als eine Woche in ihrer angestammten Wohnung. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes das Reisefieber. Für mich ist es unvorstellbar ständig unterwegs zu sein, jeden Tag in einer anderen Umgebung zu verbringen. Die immer neuen Eindrücke würden mich erschlagen, ich würde es nicht schaffen meine Eindrücke in den Notizheften aufzuschreiben, sie mental zu verarbeiten. Ein Ausspannen wäre für mich dabei unmöglich, ich hätte das Gefühl an Ort und Stelle etwas zu versäumen, mein Kopf würde von so vielen Informationen zugemüllt werden. Um ihn zu entlasten ist es für mich entspannend, wenn ich die gleichen Urlaubsorte wähle. Viele glauben, dass wenn man viele Orte bereist hat, viel gesehen hat. Dabei ist man vor sich selbst ständig auf der Flucht. Ich leide darunter, dass es mir bis jetzt nicht möglich war, mich mit meinen Aufzeichnungen von der Sommerakademie 2008 in Kremsmünster zu beschäftigen und schon steht die nächste Sommerakademie vor der Tür. 

Ortsbestimmung.

JUNG:alt

Mit dem Älterwerden bringt man zumeist das Nachlassen der Kraft in den Füßen, Atembeschwerden, Sehstörungen oder Unbeweglichkeit in Verbindung. Für junge Menschen stehen ältere Menschen außerhalb ihrer Interessen, sie sind aus ihrer Wahrnehmung ausgeschlossen. Meistens wissen Ältere nichts mit den Begriffen aus der aktuellen Musik- und Filmwelt anzufangen. Auf keinen Fall können sie so spielerisch mit dem Handy und mit dem PC umgehen wie junge Leute. Schon Fünfundzwanzigjährige entrüsten sich über die Respektlosigkeit der Fünfzehnjährigen mit der Bemerkung: „Dies hätten wir uns nicht getraut“. Wie unverständlich erscheint heute vieles einem Fünfundfünfzigjährigen. Die Enkelin protestierte dagegen, dass die Oma gefragt wurde, ob das neue Kleid passt: „Wie kann die Oma wissen was modern ist, sie ist schon alt“. Gut ist es, wenn man im Alter den Humor nicht verliert und sich bei Montaigne Trost holt, der sagt: „Das Alter bringt neue Sorgen, aber es lässt auch alte Sorgen sein“.

Sorglos.

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