ARBEITS:pause

In einem Vormittag ist die Buchhaltung der letzten Woche erledigt, das Kassabuch und das Wareneingangsbuch aufgebucht, sowie die aktuellen Kontoauszüge bearbeitet. Bis Mittag bleibt noch Zeit, um den Innenhof mit einem Laubstaubsauger zu säubern. Vorher entferne ich bei den Blumen das Unkraut und beschneide einige überbordende Sträucher. Dies ist eine Beschäftigung die mir viel Freude bereitet, eine Abwechslung zur kaufmännischen Arbeit. Dabei kann ich beobachten, was sich von Woche zu Woche im Hof verändert hat.

Die Mittagszeit und das schöne Wetter erlauben es, eine kleine Radtour zu unternehmen. Mein Weg führt durch das Möselsteiner Moor der Bahn entlang nach Pöckau, weiter nach Neuhaus, bis zur ersten Rast in der Oberschütt. In diesem Frühjahr wurden die Ebereschen ausgegraben und durch Kastanienbäume ersetzt. Die Ebereschen waren für mich ein Jahreszeitenthermometer. Färbten sich die Beeren rot, war dies ein Zeichen, dass der Hochsommer vorbei war und der Frühherbst beginnt. Gleichzeitig war dies der Auftakt für die neue Schulsaison, die mit der Schulbuchauslieferung begonnen hat. Auch in der heißen Phase des Schulanfanges habe ich, wenn es die Zeit erlaubt hat, diesen Ort aufgesucht, um auszuspannen. Manche begehen den Fehler, dass sie in einer intensiven Arbeitsphase auf das Ausspannen vergessen, dann wenn man es am nötigsten hat.

Nach einer gelungen Arbeit ist die Freude beim Ausspannen groß, gerade dann, wenn man sich die die Auszeit stehlen musste. Wie ändert sich das, wenn man in Pension ist, wo die Auszeit das Normale und die Arbeitszeit die Ausnahme ist.

Vorzeichenwechsel.

ME(E)R.sitzung

Bei den Südländer kann man beobachten, wie sie ein menschliches Leben führen. Sie haben am Vormittag Zeit für einen Kaffee auf der Piazza, für ein Schwätzchen am Gehsteig. Sie benehmen sich als Gäste nicht ungestüm. Betreten sie eine Trattoria dann haben sie die Geduld, bis ihnen von der Bedienung ein Platz zugewiesen wird. Im Süden sollte man nicht den Fehler machen und sich eine Speisekarte von der Anrichte holen. Dieses Verhalten würde einen strafenden Blick des Kellners mit sich bringen und die Folge wäre, dass man bis zur Aufnahme der Bestellung lang warten müsste. Man durchschaut nicht, nach welchen Regeln die Gäste bewirtet werden. Dem Chaos liegt ein südländisches System zu Grunde. In den Küstenorte von Istrien, wie in Strunja, gibt es die Minisupermärkte “Mercator”. Dort bekommt man eine Semmel mit sieben Dekagramm Mortadella für 66 Cent, wenn man die Geduld hat zu warten, bis sich die zwei Verkäuferinnen über die Pläne für das kommende Wochenende ausgesprochen haben.

So gemütlich nimmt es unser Gehirn nicht, es kontrolliert über die Sinnesorgane im drei Sekunden Takt, ob es in der Außenwelt Veränderungen oder neue Reize gibt. Dies ergibt am Tag 14400 Kontrollaufrufe. So beschreibt es der Hirnforscher Prof. Pöbbel in seinem verständlichen Buch: „Je älter umso besser, neues aus der Hirnforschung“. Diese Aktivität hat einen Zusammenhang mit dem Wellenschlag des Meeres, der auch im drei Sekunden Takt erfolgt. Der Aufenthalt am Meer bietet eine gute Gelegenheit sich auf den Wellenschlag des Wassers einzulassen, um die Gehirnaktivitäten zu synchronisieren. Zwischen den Orten Piran und Strunjan gibt es am Uferweg viele Plätze, wo man mit dem Rauschen des Meeres allein ist.

Eile mit Weile.

PARA:dies

Bei der Rast am Unterbergerbrunnen, in der Nähe vom Draukraftwerk Villach, scheint von der Früh weg die Sonne. Nach acht Stunden Schlaf ist am Morgen vieles vergessen. Es ist gut, dass im Schlaf die Erinnerungen an eine Enttäuschung aufgelöst werden. Manches mal lassen der Ärger, die Schmerzen im Brustbereich, die Stiche der Nierenschmerzen, das Brennen im Magen, keinen Schlaf zu. Wird das Sterben eine schlaflose Nacht sein, die im Paradies endet, sobald man das Tor des Vergessens durchschreitet. Alles Irdische wird vergessen sein. Das meiste Leid wird dadurch verursacht, dass unser  Körper, unser Gehirn und unsere Seele von den belastenden Ereignissen nichts vergisst. 

Undine zieht instinktiv die linke Vorderpfote ein, wenn sie zu einem Sprung ansetzt. Vor Jahren hat sie sich diese Vorderpfote verletzt. Wir zucken  zusammen, wenn sich hinter uns etwas bewegt oder zu Boden fällt.

Im Aufwachzimmer.

TRAUM:atisiert

Bei traumatischen Ereignissen stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, dass man psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nimmt. In einem Großteil der Bevölkerung ist das Verständnis dafür nicht sehr groß. Es herrscht die Meinung,  dass man mit den Situationen wie, Tod eines Partners oder der Eltern, bei einem schweren Arbeitsunfall oder einer chronischen Erkrankung, allein zu Rande kommen soll. Im strengsten Fall holt man sich beim Hausarzt gegen Schlafstörungen eine Schlaftablette, bei Nervosität, Schweißausbrüchen und Herzrasen eine Beruhigungstablette. Diese nimmt man ein, ohne sich mit den Ursachen der Störung auseinanderzusetzen. Man versucht die Beschwerden vor der Verwandtschaft zu verbergen. Die Angehörigen bedauern die Beschwerden und  halten Nervosität für ansteckender als eine Grippe. Man wünscht sich lieber an Gelenksschmerzen zu erkranken, als an etwas „Seelischem“. Wohl hat sich die Meinung durchgesetzt, dass bei einem Massenunglück, wie Zugs- oder Busunglück,  Lawinen- oder Tunnelunglück, die Betroffenen psychologisch betreut werden sollen. In so einem  schweren Fall  gesteht man den Betroffenen diese Hilfe zu.

Manchmal ist es unmöglich die Erlebnisse selbst aufzuarbeiten, auch nicht mit der Familie, weil auf einen Unglücksfall jeder anders reagiert. Dabei können einen schon die nächsten Familienangehörige nicht mehr verstehen. Dies zeigt sich bei einem Motorradunfall, wo ein Familienvater mit seinem Motorrad frontal gegen einen entgegenkommenden Linienbus gerast ist und auf der Stelle tot war. Eines der Kinder, die Tochter, ist auch nach einem halben Jahr von dem Unfalltod traumatisiert. Wo sie hinkommt, in ein Geschäft, Bank oder Post und es eine Möglichkeit zum Reden gibt, erzählt sie von dem schrecklichen Unfall und dem Tod des Vaters. Sie entschuldigt sich für ihre Betroffenheit und zieht als Beweis für ihre Schilderung eine kleine Zeitungsnotiz, in einer Folie eingeschweißt,  mit der Überschrift: „Biker raste in den Tod“ aus dem Hosensack. Den Tod ihres Vaters will sie nicht akzeptieren, in ihrer Familie wird nicht geredet.

Hoffnung.  

FREI:tod

Fahre ich in den frühen Morgenstunden am Drauradweg von Villach in Richtung Paternion, so werden in mir verschiedene Erlebnisse wach. Die Drau begleitet mich seit der frühen Kindheit. Blickte ich aus dem Küchen- oder dem Schlafzimmerfenster, so sah ich, wie sich die Drau in vielen Schleifen durch das Tal zog. Rechts und links die Überschwemmungsgebiete, welche sich bei Regenfällen mit Wasser füllten. Die reißende Drau, deren Wasser sich mit Gewalt in Richtung Villach ergoss, war eingebettet in große Auwälder. Je heißer es im Sommer wurde umso näher rückten die Kühe zum Fluss, um sich vor den sengenden Sonnenstrahlen zuschützen und aus den Tümpeln zu trinken. Egal zu welcher Jahreszeit, der Wasserstand des Flusses war ein ständiges Gesprächsthema. Einmal hatte die Drau zu wenig Wasser, ein andermal schwoll die Drau so stark an, dass sie aus den Ufern trat und die angrenzenden Felder überschwemmte. Bei länger andauernden Regenfällen wurden die Keller der Häuser in Beinten überflutet, bei Hochwasser der ganze Talboden. Bis in die sechziger Jahre war die Drau ein unregulierter Fluss, der alle Freiheiten hatte. In den siebziger Jahren wurde die Drau reguliert, aufgestaut und zur Stromerzeugung genützt. 

Nach dem Passieren des Bundesheeranlegeplatzes bei Oberwollanig erblicke ich am Rand vom Drau-Radweg eine Gruppe von Frauen, welche mit erhobenen und ausgebreiteten Armen, mit leicht gebeugten Knien und einem verzückten Gesicht  in die gegenüberliegenden Sträucher blicken. Vor Verzückung bleiben sie von allen Geschehnissen vor und neben ihnen unberührt. Die Innigkeit wie sie in die Sträucher blicken lässt, in der Zeit um den großen und kleinen Frauentag, auf eine Marienerscheinung schließen. Oder es zeigt sich eine der vielen Frauen, die in ihrer Ausweglosigkeit den Weg in die Drau gewählt haben. „Wieda is ane aus da Sunnseitn ins Wossa gongan“, wurde zu uns Kinder gesagt, wenn eine Frau den Freitod in der Drau gewählt hat.

Ebereschen.   

STRASSEN:fest

Es schmerzt, wenn die Partnerin, mit der man über Jahrzehnte zusammengelebt hat, stirbt. Obwohl das Zusammenleben nicht immer einfach war, wird die Verstorbene in den höchsten Tönen gelobt. Sie fehlt in der Wohnung, wo viele Stücke an sie erinnern, dies tut weh. Die Fotoalben werden hervorgeholt und darin geblättert,  sowie Bilder aufgestellt. In Zukunft wird es schwieriger sein, da die Fotos auf CD gespeichert sind, und die CD als Grabbeigabe beigelegt werden. Deshalb erfreuen sich die Herstellung von digitalen Fotobüchern immer größerer Beliebtheit. Es spricht einiges dafür, dass man die Verstorbene über das Geschehen und die Veränderungen in der Wohnstraße weiterhin informiert. Am Fuße des Dobratsch ist  die Frau eines Nachbarn verstorben, sie waren über Jahrzehnte verheiratet. Damit die Verstorbene über die Ereignisse in der Straße weiter Bescheid weiß, geht der Mann einmal in der Woche, das Bild seiner Frau in der Hand, durch die Straße und erzählt ihr, was sich in der letzten Woche zugetragen hat. Dabei lässt er nichts unerwähnt: Bei einem Haus wurde die Fassade neu gestrichen, beim Nächsten hat sich das Kind beim Spielen verletzt. Die Familie aus dem übernächsten Haus ist in den  Sommerurlaub gefahren und von der Familie gegenüber hat die Tochter jetzt einen festen Freund. Bis er die ganze Straße abgeschritten ist, dauert es eine Weile, so wird die verstorbene Frau über vieles informiert.

Aus den Berichten von Bekannten gelingt es den Frauen zumeist leichter über den Verlust von ihren Partner hinwegzukommen und den Alltag zu meistern. Sie haben mit der Instandhaltung der Wohnung und dem Zubereiten der Mahlzeiten eine Aufgabe. Dazu kommt die Grabpflege und erlaubt es die Entfernung wird es täglich besucht. Am Friedhof kann man erleben, dass Frauen ein leises, manchmal  ein lautes Zwiegespräch mit dem verstorbenen Mann führen, bei ihm ihren Kummer und die Sorgen abladen.

Nachbarschaft.

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