leben:ereigniss II

Beim Telefonieren vor einigen Wochen war die Zuversicht aus seiner Stimme verschwunden. Er wollte uns besuchen, sobald er sich von den Therapien erholt haben würde. Wie hätte ich mich ihm gegenüber, in seinem kritischen Zustand, verhalten? Bis zum Abend türmen sich in meinem Kopf, rund um das Sterben und den Tod, immer mehr Fragen auf. Gehört der Prozess des Sterbens noch zum Leben, wie wir es verstehen?  Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht, sagte Ludwig Wittgenstein. Ab wann kann und soll man jemanden bei einer schweren Krankheit sagen, er soll sich auf das Letzte vorbereiten? Wann äußert sich der Arzt dazu und hat man als Betroffener ein Recht auf die Letzte Wahrheit? Möchte ich dies bei einer tödlichen Krankheit meinerseits wissen und wie würde dies das Verhältnis zu den Angehörigen verändern?  Diese Fragen kann ich für mich nicht beantworten, wer könnte dazu eine Antwort geben?

Zumeist nehmen die Menschen ihre Empfindungen, Wünsche und offenen Fragen mit ins Grab, wie man sagt. Vielleicht kann ich einige Fragen klären, wenn ich verschiedene Ebenen des Ablaufes betrachte. Der Prozess des Sterben, ob qualvoll oder gefasst, hängt wahrscheinlich mit der Bereitschaft das Leben loslassen zu können, ab. Für wen gibt es schon den richtigen Zeitpunkt, wohl die Meisten werden sagen, der Tod kommt zu früh. Er soll in ein paar Monaten oder in ein paar Jahren wiederkommen. Danach bei den Hinterbliebenen Bestürzung und Wut. Als Angehöriger fühlt man sich allein gelassen. Dazu kommt der mahnende Finger, dieses Schicksal erfasst  jeden.

Ludwig Wittgenstein

leben:ereignis I

Vor ein paar Wochen wurde für dieses Jahr im Gailtal das letzte Kirchweihfest gefeiert, der Kirchtag. Eine Augenweide ist die Gailtaler Tracht, welche die Mädchen und Burschen aus diesem Anlass tragen.Der Kirchtag beginnt mit dem Böllerschießen in Hergottsfrüh, gefolgt von einem Hochamt in der Kirche, beidem die Burschenschaft rund um den Altar Aufstellung nimmt. Nach der Messfeier ziehen sie hinaus auf den Kirchenplatz, wo der Lindentanz stattfindet. Bei zünftiger Volksmusik vergnügen sich die Einheimischen und die „Konta“. Vom Zechmeister werden ortsbekannte Leute auf den Tanzboden gerufen und für sie ein Tusch gespielt. Für dieses, Hoch sollst du leben, dreimal hoch, gibt es von den Bespielten eine großzügige Spende. Vor der Mittagspause zieht die Konta  von einem Haus zum Anderem um die Hausleute hoch leben zu lassen und zum Kufenstechen einzuladen. Am späten Nachmittag folgt der Höhepunkt des Kirchtagsgeschehens, das Kufenstechen. Die Burschen reiten ohne Sattel auf einem Pferd die Dorfstraße entlang und versuchen dabei ein kleines Fass mit einem Faustkeil zu treffen. Bei wem das Fass zersplittert, der ist der Sieger vom Kufenstechen. Nach diesem Spektakel geht es auf den Tanzböden unterhaltsam weiter.

Die Bezeichnung für die Gailtaler Kirchtagssuppe ist verschieden, anderorts heißt sie auch die Gelbe Suppe, ob ihres Farbtons, hervorgerufen durch den Safran. In die Suppe kommen fünf verschiedene Sorten von Fleisch, sowie Rahm und Eidotter. Dazu wird der Kärntner Reindling, eine Süßspeise serviert. Es ist ein lieber Brauch, dass ich von einer befreundeten Familie zum Saure Suppen Essen eingeladen werde. Wir sitzen auf der überdachten Terrasse, mit Blick auf den Hausberg, dem Dobratsch. Für mich ist es der verlorene Berg, weil aus meinem jetzigen Alltagsleben verschwunden. Nach der Begrüßung erfahre ich, ein guter Bekannter ist am Vortag verstorben. Diese Mitteilung hat für den Verlauf des Nachmittags keine Bedeutung, die neue Wirklichkeit musste erst Stufe für Stufe in mein Bewusstsein einsickern.

Augenblick

reise:gruppe II

Aus den Lautsprechern kommt eine neue Durchsage: „Vorsicht Bahnsteig eins, der Zug fährt ein und die ersten beiden Waggons des Railjets nach Salzburg sind für eine Reisegruppe reserviert. In diese Waggons nicht einsteigen“. Am Bahnsteig nähern sich von Osten, vorneweg ein Polizist und zwei Polizistinnen, eine Schlange von Menschen. Einige haben einen grauen Müllsack geschultert, andere eine Einkaufstasche eines Lebensmitteldiskonters in der Hand. Alle ohne nennenswertes Gebäck, im besten Fall einen Rucksack am Rücken. Eine Vielzahl von jungen Männern, dazwischen einige Frauen mit einem Kleinkind auf dem Arm. Bei den herbstlichen Frühtemperaturen, zumeist mehrere Kleidungsstücke übereinander getragen, Hauptsache warm. Die übrigen Reisenden werden aufgefordert am Trottoir etwas zurückzutreten. Ein bedrückendes Gefühl, ähnliches ist mir nur aus dem Fernsehen und den Zeitungen bekannt, Kolonnen von Menschen die aus Bürgerkriegsstaaten auf der Flucht sind. Die Augen blicken uns unverstanden an, wir blicken ratlos auf die Vorüberziehenden, die in die ersten beiden Waggons einsteigen. Die übrigen Reisenden gehen zu den Waggons, auch jene Asylanten, welche sich ein Bahnticket kaufen konnten. Für mich war es das erste Mal, dass ich konkret mit Flüchtlingen in einem größeren Ausmaß konfrontiert war. Manches an guten Ratschlägen relativiert sich, wenn man der Wirklichkeit gegenüber steht.

Ein Freund von mir war ehemals Kriegsreporter einer Wiener Tageszeitung. Er hat von vielen Fronten dieses Globus berichtet. Auf meine Frage, wie er den Anblick von getöteten Soldaten, Frauen und Kinder ertragen hat, hat er geantwortet: „Das Schlimmste für ihn waren die ersten toten Soldaten. Man gewöhnt sich in einem Krieg schnell an die Toten“. Dieser Gewöhnungseffekt dürfte auch bei der Flüchtlingskrise eintreten, mit der Variante, dass die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung in Misstrauen und Ablehnung umschlagen wird.

Während dieser Notizen schlängelt sich der Railjet die Hohen Tauern entlang, zu unseren Füßen liegt das Mölltal. Der Talboden ist ausgeleuchtet, die Wiesen, auf denen Kühe weiden, verschieden grün. Die Berggipfel vom ersten Schnee weiß eingefärbt. Im Zugabteil ist es wie immer. Die Menschen telefonieren, manche berichten bereits über die Ereignisse am Villacher Hauptbahnhof, andere tippen am Laptop. Beim Schaffner erkundigen sich einige nach der Verfügbarkeit vom WLAN oder schimpfen darüber, dass die Funkverbindung in den Tunnels ausfällt. Ein Kleinkind im Abteil schreit und will beschäftigt werden. Die Mama versucht es mit einem Bilderbuch und einer Banane zu beruhigen. Wie für solche Anlässe üblich, hat sie noch kein Wisch Handy. So beginnt meine Reise zu meinem Kuraufenthalt nach Salzburg. Wahrscheinlich wird uns im Kurheim die Flüchtlingskrise noch beim Mittag- und Abendessen verbal beschäftigen.

Normalität.

reise:gruppe I

Folgendes habe ich beobachtet, als ich in diesen Tagen mit dem Zug von Villach nach Salzburg gefahren bin. Beim Betreten des Bahnhofsgebäude ist manches anders, an der Architektur hat sich nichts verändert, es sind nur viel mehr Leute als üblich in der Bahnhofshalle. Menschen, welche ich bis jetzt nur von den Fernseh Nachrichten und aus den Berichten der Zeitungen kenne. Personen mit einer dunkleren Hautfarbe, einige haben einen Rucksack umgehängt, andere halten eine zerschlissene Reisetasche in der Hand. Die Bekleidung entspricht der Jahreszeit, Jacken mit einer Kapuze kombiniert, wie wir es bei uns von den Jugendlichen kennen. Fast möchte man sagen, es handelt sich um eine Gruppe von jungen Männern, welche einen Ausflug unternehmen. Dazwischen vereinzelte junge Frauen, welche die Dolmetsch Arbeit übernehmen. Den Mann am Fahrkartenschalter auf Deutsch oder Englisch etwas fragen und sich an Einheimische um eine Auskunft wenden. Sie kaufen sich Gruppentickets nach Salzburg. Die Durchsage, dass eine Direktverbindung nach München nicht möglich ist, wird in Deutsch und Englisch immer wiederholt. Reisende, die nach Deutschland weiterfahren, sollen sich an die Info Points im Salzburger Hauptbahnhof wenden.

Nach meinen Beobachtungen stellen sich die Inländer in der Bahnhofshalle auch zu kleinen Gruppen zusammen und schauen ungläubig dem Treiben zu. Am Morgen habe ich in einem Artikel der „Kleinen Zeitung“ von der moralischen und der ethischen Verantwortung in Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise gelesen. Es ist unsere Aufgabe den Menschen auf der Flucht zu versorgen. Die Politiker  müssen aber auch die damit zusammenhängenden zukünftigen Aufgaben im Auge behalten. Wie können die Asylanten später in unsere Gemeinschaft eingebunden werden und wie viele. Unabhängig davon hat die Bevölkerung das Recht die Politiker aufzufordern, für Rechtssicherheit und für die Erhaltung der Souveränität unseres Staates zu sorgen. Wer kann zum jetzigen Zeitpunkt sagen, dass es genügen wird, die Migranten mit einer Broschüre über unsere Lebensgewohnheiten und staatlichen Werte aufzuklären. Schon jetzt werden Anweisungen von Polizei und Grenzschutz missachtet.

Bahn fahren, Nerven sparen.