ZER:störung

Wir haben das Bedürfnis alles zu zerstören, wir wollen keine zufriedenen Menschen, wir wollen den gestörten Menschen. Haben wir in unserer Kindheit oder Ehe diese Zerstörung  erlebt, so wollen wir, dass alle anderen in dieser Zerstörtheit aufwachsen. Davor schützen keine spirituellen Praktiken, wie Yoga,  Meditation und die christliche Haltung, dabei reagiert der Urinstinkt. Alles was sich verbessert hat, muss zerstört werden. Keine Entwicklung der Lebensformen, Gleichschaltung auf der tiefsten Stufe. Der größte Genuss liegt in der Zerstörung. Die einzige Empfindung ist die Erinnerung an ein zerstörtes Leben. Wurde mir die Freude am Leben genommen, so soll dies auch für alle Anderen gelten.

Eine Reproduktion wie ich es von der Arbeit in der Fabrik kenne. In einer Schicht verschraubte ich 1440 Paar Schuhabsätze. Ohne Achtsamkeit, ich spürte es in den Fingerspitzen, ob der Absatz passte oder nicht. Schaffte ich es nicht, so schafften es auch die Anderen am Band nicht.

Eisbrecher.

RÜCK:blende

Plant heute jemand die Übernahme oder die Neugründung eines Unternehmen, dann wird mit Experten, dem Steuerberater, dem Notar und dem Kreditberater gesprochen. Bei der Wirtschaftskammer gibt es das Gründerservice, wo sich Menschen die ein Unternehmen gründen wollen beraten lassen können. Handelt es sich um  eine Betriebsübergabe, dann gibt es Beratungsstellen für Übergeber und Übernehme. Man versucht die Erfolgsaussichten mit Kennzahlen zu berechnen. Oft wenden sich Jungunternehmer an einen Persönlichkeitstrainer der sie mental stärkt. 

Geht etwas zu Ende, dann erinnert man sich gerne an die Anfänge. In der „Volkszeitung“ wurde Anfang Dezember 1971 in einem Inserat ein Nachfolger für das Papiergeschäft in Möselstein gesucht. Dies war der Auslöser zu meiner Selbstständigkeit. Meine Hoffnung war, dass ich als selbstständiger Buchhändler viel Zeit mit dem Lesen verbringen könnte. Nach einem Telefonanruf  fuhren der Vater, der Bruder und ich am 24. Dezember mit einem VW Käfer nach Möselstein um das Geschäft zu besichtigen und mit dem Verpächter zu verhandeln. Der Verkaufsraum hatte ein Ausmaß von ca. 30 m2. Heute wäre dies die Größe für eine Würstelbude oder einen Süßwarenkiosk am Bahnhof. Das Geschäft, im Ortszentrum gelegen, war ein Zubau zu einem bestehenden Wohnhaus. Die Schneewände an den Straßenrändern reichten bis in den ersten Stock. Bei einem Glas Wein wurden wir handelseinig und mit ein paar schriftlichen Notizen fuhren wir nach Hause. Wir mussten am Bauernhof rechtzeitig zur Fütterung der Tiere und zur Bescherung ankommen. Zum Jahresanfang nahm ich einen Kredit auf und kaufte einen gebrauchten Renault 4, der wie eine alte Bauerntruhe bemalt war. Der Vorbesitzer war ein Möbelrestaurator. Bei einem Papiergroßhändler bestellte ich Ware nach dem Bauchgefühl. Noch war ich bei der Firma Gabor in Spittal/Dr. als Schuhfacharbeiter, als „Absatzschrauber“,  beschäftigt. Pro Schicht verschraubte ich etwa 2800 Stück Damenabsätze. Am Freitag vor der Geschäftseröffnung sagte ich zum Personalchef , „dass ich am Montag nicht mehr zur Arbeit kommen werde“. Dieser hat mich aufgefordert die vierzehntägige Kündigungsfrist einzuhalten. Kurze Zeit später ist  der Betriebsleiter gekommen und hat mir gedroht: „Wenn ich die Kündigungsfrist nicht einhalte wird man mir jeden Schuh, der durch meinen plötzlichen Abgang weniger produziert wird, von meinem Lohn abziehen und notfalls bei Gericht einklagen“. Einen Tag vor der Geschäftseröffnung bin ich, mit einem Ölofen und einem Diwan beladen, nach Möselstein gefahren und habe  am 20. Jänner das Geschäft wiedereröffnet.

Frühstart.

ENT:zug

Man ist bei den  Ortsbewohnern seit Jahrzehnten dafür bekannt, dass man immer im Geschäft stand, offen für alle  Wünsche war. Jetzt können sich viele nicht vorstellen, dass man sich aus dem Geschäftsleben zurückziehen wird. Man hat versucht ausgeglichen zu sein, ein stabiles Äußeres herzuzeigen, wenn dies auch nicht immer einfach war. Selbst hat man manches mal unter wechselhaften  Stimmungen gelitten. Es wird die Meinung geäußert, dass einem langweilig werden wird, dass man durch den fehlenden Kundenkontakt unter Entzugserscheinungen leiden wird. Kann es eine Entziehungskur geben und wie könnte diese aussehen? Es wird von verschiedenen Seiten,vom Kulturverein, beim Pfarrobstgarten oder von einer Vereinszeitung angeboten, bei ihnen mitzuarbeiten. Alle erwarten, dass sie keine Absage bekommen. Nicht zu vergessen die Mitarbeit im Haushalt, als Hilfsarbeiter. 

Selten stellt jemand die Frage, wie man für sich selbst die Zeit nach dem Rückzug aus dem Geschäftsleben vorstellt?  Man sorgt für Erstaunen, wenn man den Fahrplan für die nächsten Jahre in einem Satz zusammenfasst: „Viele Pensionisten wollen  die Welt bereisen, ich wünsche mir, dass ich in der Pension die Welt verändern kann, meine  Beobachtungen niederschreiben.“

ZWILL:inge

Scheidet man aus dem Arbeitsprozess aus, so erlebt jeder die Wochen davor anders, dies betrifft die unselbstständigen und die selbstständigen Erwerbstätigen in gleicher Weise. Es ist die Zeit, wo man am Arbeitsplatz beginnt, die betrieblichen und die persönlichen Utensilien zu trennen. Viele Jahre konnten sie am Schreibtisch und im Büroschrank nebeneinander existieren, jetzt müssen sie fein säuberlich getrennt werden. Bei einem Selbstständigen ist dies in der aktiven Phase kaum zu unterscheiden, weil Betrieb und Privat sind eine Einheit. Es ist, als ob man Siamesische Zwillinge trennen muss. Aus medizinischen Berichten wissen wir, dass dies, je nach Art der Verwachsungen, ein schwieriger Eingriff ist. Meistens ist  nur einer lebensfähig. So ähnlich kann man die Trennung zwischen Betrieb und Privat, das Ausscheiden aus dem Betrieb, erleben. Um einen Teil lebensfähig zu erhalten, muss der andere absterben.

Ein Geistlicher hat gehört, dass ich mich aus dem Geschäftsleben zurückziehen werde und hat sich nach meinem Befinden erkundigt. Er hat bedauert, dass er  trotz seiner siebzig Jahre nicht in den Ruhestand gehen kann, da der Bischof für seine Pfarre keinen Nachfolger hat. Er ist zum Durchhalten verurteilt.

Gottespension.