FAIR:verkehr

Zu Beginn dieses Sommers bereiteten die Anwohner der Saint-Julien-Straße  den Autofahrern eine Überraschung. An einem Wochenende wurde die Straße für den Autoverkehr gesperrt und das „Fairkehrtes Fest, blühende Straße„ von den Anrainern und vielen Besuchern gefeiert. Die Straße führt zum Salzburger Hauptbahnhof und ist stark befahren. Der Zebrastreifen und Teile der Fahrbahn wurden mit Rasen belegt. Auf diesen Rasenflächen haben sich die Menschen niedergelassen. „Schnapsen“, „Mensch ärgere dich nicht“ oder mit den Kindern Ball gespielt. Manche haben ihre Gitarre oder Ziehharmonika ausgepackt, andere ein Buch. Die aufgestellten Bierbänke waren reichlich besetzt, die Unabhängigen haben ihre eigenen Klappstühle mitgebracht. Die Wagemutigen sind oben ohne in den Liegestühlen gelegen. Es herrschte auf der Straße ein dichtes Gedränge, weil viele Zuwanderer mit der ganzen Familie, von der Oma bis zu den Kleinkindern  gekommen sind. Dazwischen mischten sich Radfahrer und Inlineskater. Musiziert wurde an mehreren Standorten. Versorgt wurden die Besucher mit türkischen und persischen Spezialitäten, mit Pizza und Kebab oder heimisch mit Weißwurst und Bier. Für Vegetarier gab es eine vegetarischen Gulaschsuppe. Nützliche Informationen konnte man sich bei der kath. Frauenbewegung, den Kinderfreunden, der Arbeiterkammer, dem Klimabündnis und bei den StadtBus holen. Bemalte Kartonautos bewegten sich auf vier Füßen, nicht mit vier Rädern vorwärts. Autoverkehrt.

ZUG:fahrt

Steht eine Bahnreise bevor, sitzt man geistig schon im Zugabteil, bevor man dort ist. Man macht sich Gedanken welchen Platz man bekommen wird und wer die übrigen Mitreisenden sein werden, besonders die unmittelbaren Nachbarn. Man hat keinen Blick für das Treiben auf dem Bahnhofsvorplatz und in der Bahnhofshalle, weil man zu knapp auf  dem Bahnhofsgelände eintrifft und es sehr eilig hat den Zug zu erreichen. Einmal den neu gestalteten Bahnhofsvorplatz in Villach vor der Abfahrt zu genießen habe ich mir gegönnt. Der Platz, eigentlich sind es zwei Plätze, einer links und einer rechts der Bahnhofsstraße ist offen, luftig und leicht, sowie praktisch gestaltet. Nach dem Berufsverkehr ist eine Gruppe von Volksschülern, alle mit gelben Sicherheitswesten, unterwegs. Zu den umliegenden Geschäften eilen die ersten Vertreter, ein Monteur von Thyssen macht sich am Fahrstuhl zu schaffen. Beim Billa besorgen sich die Frauen die fehlenden Lebensmittel,  ein junger Schlosser holt die Jausenbrote und das Bier für seine Kollegen. Ständig überqueren Rad- und Zugtouristen den Vorplatz.  Bei den Cafétischen sitzen die ersten Raucher bei einem Cappuccino und einer Zigarette. Das Lieferauto von Ölz parkt rückwärts ein.

Das Zugabteil ist unterbesetzt, die meisten suchen nach einem  Fensterplatz oder einem Platz mit Fußfreiheit. Auf der anderen Seite von mir hat ein junger Bursche seinen Laptop am Ausziehtisch und neben sich eine Tasche mit der Aufschrift: Studieren in Innsbruck. Der Zug fährt pünktlich ab. Schmerzhafte Laute, Aufschreie,  kommen von einer Frau die einige Bänke vor mir sitzt. Sie hat einige Illustrierte neben sich liegen, blättert darin und beginnt mit sich selbst zu reden. Dabei wird sie lauter und beschuldigt jemanden sie betrogen und hintergangen zu haben. Es gibt kein Gegenüber. Dann sinkt sie zusammen und stimmt in ein Jammern ein. Beim  Schaffner  erkundigt sie sich nach dem Tunnel. Die meisten fühlen sich gestört, es ist eine angespannte Situation, im Grunde sind wir Mitreisenden hilflos, wissen mit der Situation nicht umzugehen. Die unmittelbaren Sitznachbarn befreien sich davon, dass sie den Platz wechseln.  Hoffentlich gibt es einen Lichtblick nach dem Tunnel. Tauerntunnel.

SPENDEN:zeit

Je näher der Heilige Abend rückt, umso mehr Spendenbriefe finden sich im Briefkasten. Wie bei einem Marathonlauf haben die caritativen Organisationen auf den Startschuss gewartet, um ihre Bettelbriefe in der Vorweihnachtszeit abzuschicken. In diesen düsteren kalten Tagen hoffen sie, dass sich das Herz bei den Adressaten weit öffnet: Macht auf das Tor, die Tür, öffnet das Fenster weit, bald ist Christkindlzeit. Die große Spendenshow mit vielen Prominenten läuft im ORF, „Licht ins Dunkel“. In guter Erinnerung habe ich die Initiative „Nachbarn in Not“. Sie unterstützte die notleidende Bevölkerung im ehemaligen Jugoslawien, nach dem Balkankrieg. Neu ist in Österreich, dass die Spenden an caritative Organisation als freiwilliger Aufwand von der Steuer abgesetzt werden können. Manche Organisationen klagen darüber, dass durch die Wirtschaftskrise die Gabefreudigkeit geringer ist. Es ist nicht einfach bei den vielen Anfragen eine Auswahl zu treffen. Für mich stehen beim Spenden die Organisationen, Das Rote Kreuz oder die Caritas, an erster Stelle. Da ich Brillenträger bin, weis ich um die Kostbarkeit des Augenlichts und unterstütze die Aktion „Licht für die Welt“. Meine Wertschätzung haben jene Ärzte, die freiwillig in Entwicklungsländer den kranken Menschen helfen, die Initiative „Ärzte ohne Grenzen“.

Neben den schriftlichen Anfragen gibt es persönliche Besuche, sogenannte „Spendensammler“, die an der Haustüre anläuten. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt: Der Sparverein, Die Kegelrunde, Der Eisstockklub, Das Kaffeekränzchen, Die Pensionistenrunde, alle veranstalten eine Weihnachtsfeier und bitten um eine Unterstützung. Von einem stattlichen Herrn, Mitglied der Orangen Partei in Kärnten, wurde ich um eine Spende ersucht, weil sie möchten ein Wahlversprechen einlösen und im Nachbarort einen Eislaufplatz errichten. Eine Haussammlung, um ein Wahlversprechen umzusetzen, war mir neu. Dass die Wahlversprechen der Parteien, die Steuern von morgen sind, ist den meisten Wählern bewusst.  Die orange Partei ist seit gestern wieder blau.

Opfergeld.

SCHUB:umkehr

Beim Wort Schubumkehr denken jene, die sich für das Fliegen interessieren und sich in technischen Belangen auskennen, an das Bremsmanöver bei der Landung. In Österreich ist die Erinnerung wach, dass es zu einem Flugzeugabsturz bei der  LaudaAir gekommen ist, weil sich die Schubumkehr während des Fluges eingeschaltet hat. Von einer Schubumkehr kann man bei verschiedenen Menschen sprechen, wenn sie sich im Alter ihrer Kindheit zuwenden. Sie beginnen vor allem aus ihren Kindheits- und Jugendtagen, zu erzählen. Der Mittelteil des Lebens, dort wo man am meisten bewegt und geschafft hat, spielt oft keine Rolle. Ebenso die Gegenwart und schon gar nicht die Zukunft. Oft trifft es bei Schriftstellern zu, dass sie die Aufarbeitung und Erlebnisse der Kindheit und Jugend für die späteren Jahre aufheben. Das Langzeitgedächtnis des Menschen funktioniert besser, als das Kurzzeitgedächtnis.

 

Zu einem eigenartigen Ereignis ist es in der Bekanntschaft gekommen. Eine betagte Frau hat nach einem kleinen Gehirnschlag nur mehr windisch geredet. Windisch hat sie während ihrer Kindheit im gemischtsprachigem Gebiet von Kärnten gesprochen. Damit man sich mit ihr verständigen konnte, wurde ein windisch-slowenisch sprechender Pfleger hinzugezogen.

 

Im Kindergarten.