literatur:archiv II

Kommt das Nachlassmaterial in die Hände von Archivaren, so sind diese zumeist von der Fülle der Hinterlassenschaft überfordert. Sie sind gezwungen nach besten Wissen und Gewissen, zum Teil auch aus eigenem Gutdünken, sich von verschiedenen Archivalien zu trennen, Kassation. Auch die ausgeschiedenen Papiere werden im Register vermerkt. Während des Nachmittages stellt mein Verstand die Frage, wie schaffe ich die Brücke? Hier diskutieren wir darüber, wie verändert neues Archivmaterial den Blick auf die Vergangenheit, gleichzeitig tobt in anderen Städten der Terror und es passiert ein Mord. Anderswo sind Menschen von Hunger und Jobverlust bedroht, wir diskutieren über die Farbe der Archivschachtel. In Linz befindet sich Österreichs größte Kirche, der Mariendom. Im Ausland, aber auch unter Österreichern sind der Stephansdom und der Salzburgerdom bekannter.

Symptomatisch wie unwirtlich die Zustände in Archiven sein können, war auch das Wetter während der Symposiumstage. Es gab einen Wintereinbruch. Die Berge um Linz, für Kärntner sind es Hügel, waren mit frischem Schnee bedeckt, zwischendurch gab es in der Stadt wildes Schneetreiben. Bei der abendlichen Stadtführung herrschte an der Donau und am Hauptplatz ein eisiger Wind. So sitze ich danach dankbar in der Kaiser Königlichen Hofbäckerei zum Aufwärmen. Meinem Gefühl nach der einzige warme Ort in der Stadt und zudem ein Cafe der alten Wiener Tradition mit einem historischem Ambiente. Zum Cappuccino gönne ich mir ein Stück Linzertorte. Innerhalb weniger Minuten wird die Bedienung, in diesem Altwienerambiente kann man das Fräulein sagen, nach einer kleinformatigen Tageszeitung gefragt. Zu ihrem Bedauern wurde dieses Massenblatt heute nicht zugestellt. Ein Stammkunde  greift nach einer Ersatzzeitung und trennt dort die Sportseite mit dem Bericht über eine Motorradveranstaltung heraus, trotz des Protestes des Fräuleins. Seine Begründung war einfach und genial, er sammelt Fotos von Motorrädern. Seine Motorik war etwas eingeschränkt und dies verschaffte ihm eine gewisse Freiheit, die wir nie in Anspruch nehmen würden. So ungeniert verhalten sich nur Kinder, wenn sie nicht vorher gebändigt wurden, oder sogenannte eingeschränkte Personen, um keine Diskriminierung aufkommen zu lassen.

Provenienz.

literatur:archiv I

Denke ich an das Symposium  „Archive für Literatur. Der Nachlass und seine Ordnungen“ im April  in Linz  zurück, so sind es zuallererst die interessanten, aber teilweise auch aberwitzigen Vorträge und Aussagen. Vor allem die undurchsichtigen, nicht steuerbaren Vorgänge, welche sich in den Archiven abspielen. Dabei war hauptsächlich von den Nachlässen der Schriftsteller­_innen die Rede, teilweise auch vom Staatsarchiv. Wer annimmt, man könnte an Hand der Archivmaterialien die Arbeitsweise eines Schriftsteller nachvollziehen, der übersieht dabei die Struktur der inneren Macht, die inneren Prozesse, die in einem Archiv ablaufen. Es beginnt damit, dass von den Nachlass Verwaltern, den Erben, die vorhandenen Briefe, Urkunden, und Manuskripte  sortiert werden. Dabei werden eventuelle Unterlagen die ein schräges Bild auf den Verstorbenen werfen könnten, schon einmal vorsorglich aussortiert. Zumeist werden diese Unterlagen nicht vernichtet, sondern nur zurückgehalten. Dies erklärt auch das Phänomen, dass Jahrzehnte später plötzlich neue Fakten über Politiker, Schauspieler, Künstler und Literaten auftauchen. Von Anna Freud ist bekannt, dass sie viele Briefe ihres Vaters lange Zeit unterdrückt hat. Dies ist ein Akt des Verbiegens.

Die Schriftsteller befinden sich in guter Gesellschaft, da wir von Johann Wolfgang von Goethe wissen, dass er selbst mit der Archivierung seiner umfangreichen Schriften begonnen hat. Die klassische Archivbox war noch nicht erfunden. Goethe verwahrte Manuskriptseiten, Notizen, Entwürfe und vieles mehr in Papiersäcken auf.

Goethe schreibt am 10. Januar 1798 an Schiller: „Indessen habe ich in diesen farb- und freudlosen Stunden die „Farben“ wieder vorgenommen und um das, was ich bisher getan recht zu übersehen, in meinen Papieren Ordnung gemacht. Ich hatte nämlich von Anfang Acten geführt und dadurch sowohl meine richtigen Schritte, besonders aber alle Versuche, Erfahrung und Einfälle conservirt; nun habe ich diese Volumina auseinandergetrennt, Papiersäcke machen lassen, diese nach einem gewissen Schema rubricirt und alles hineingesteckt.“

Kassation