pension:tag II

Es gibt Menschen, die länger arbeiten als es für den Erhalt der Pension notwendig ist. Sind sie die neuen Vorbilder für die Zukunft oder können sie sich im fortgeschrittenen Alter keine Ruhe gönnen? In manchen Fällen ist es die Angst vor der Einsamkeit, weil man keinen Partner hat oder er/ sie vor Jahren verloren hat. So bleibt man, solange als möglich im angestammten Beruf, bis einem die Firma in Pension schickt. Eine bessere Position für die Verlängerung der Lebensarbeitszeit haben die Selbständigen. Sie können zwischen ihrem frühesten und spätesten Pensionsantritt wählen. Ist man körperlich und geistig in der Lage, kann man im Betrieb oder im Geschäft bleiben, man bleibt in der Öffentlichkeit. Es ergeben sich außerfamiliäre Kontakte bei den Gesprächen mit der Kundschaft. Man hat einen strukturierten Tagesablauf, eine Aufgabe, die man nicht erst suchen muss. So kann man die Zeit, wo man in die Anonymität einer Privatwohnung zurück muss, hinausschieben. Diesen Vorteil gibt es auch in der Landwirtschaft, wo die Altbäuerin und der Altbauer bis zu Letzt, solange es die Kräfte erlauben, am Hof nützlich machen. So entkommt man der Nutzlosigkeit, dass man sich nur noch als überflüssiger Esser sieht, den viele schon in das Grab wünschen.

Alt und jung.

jugo:land

Die Unterschiede zwischen Einwanderern und Einheimischen zeigen sich heute nirgends so deutlich wie bei den Kopftuchträgerinnen. Das Tragen des Kopftuches in der Öffentlichkeit erregt die meisten Menschen. Vor Jahrzehnten konnte man an Sonntagen in der Bahnhofshalle der Draustadt eine Handvoll Männer in abgewetzten Anzügen sehen. Mit einer Flasche Bier in der Hand unterhielten sie sich gegenseitig. Von den Kärntnern wurden sie in der Umgangssprache als „Jugos“ bezeichnet. An den Wochentagen waren sie in der Öffentlichkeit nicht präsent. Sie waren auf den Baustellen, beim Hoch- und Tiefbau oder beim Straßenbau. Ist es unter ihnen zu einem Raufhandel gekommen, so wurde in den Lokalnachrichten „Gastarbeiter“ wie eine Berufsbezeichnung zum Namen hinzugefügt.

Zu einem verstärkten Zuzug von Gastarbeiterinnen im Raum Spittal/Dr. ist es in den Siebzigerjahren gekommen, als die Schuhfabrik Gabor weiter ausgebaut wurde. Obwohl aus den umliegenden Tälern die Arbeitskräfte mit Firmenbussen in die Fabrik gebracht wurden, fehlte es an Arbeiterinnen. Deshalb wurden im benachbarten Jugoslawien Frauen angeworben. Sie wurden in den umliegenden Gemeinden in kleinen Wohnanlagen und in sogenannten Burschen- und Ledigenheimen untergebracht. Für uns Halbwüchsige, wie wir damals als Zwanzigjährige bezeichnet wurden, waren dies Frauen und Mädchen mit einer besonderen Ausstrahlung. Anders als wir es von den heimischen Mädchen kannte. Die Eltern warnten uns vor den „Jugoweibern“, was sie für uns erst recht interessant machte. In den Wirtshäusern waren die „Jugoweiber“ gern gesehene Gäste und brauchten sich um das Bezahlen der Zeche keine Sorgen zu machen.

Jugoland abgebrannt.

schöpf:er

Erschöpft sitze ich am Zusammenfluss von der Drau und der Gail, der Himmel ist bedeckt, die Luft  ist warm. Nach dem Radfahren komme ich am Flussufer zur Ruhe. Ich bin auf der Suche nach dem Schöpfer. Von ihm sagt man, dass er in der Natur zu finden ist. Wer lange genug die Natur betrachtet, dem offenbaren sich die Schöpfung und der Schöpfer. Bei meinem Blick dem Ufer entlang auf die Stauden, Weiden und Bäume, den Gräsern, Blumen und Gestrüpp stellt sich mir die Frage, wo versteckt sich der Schöpfer? Sitzt auch er erschöpft zwischen den Sträuchern auf einem Flussstein? Zwei Schwäne schwimmen, begleitet von den Stimmen der Vögel, flussaufwärts. Jedes Lebewesen, jede Pflanze ist für den Anderen da, sie unterstützten sich gegenseitig. Braucht es für die Abläufe in der Natur, im Großen wie im Kleinen einen Schöpfer? Schöpft die Natur die Regeln aus sich selbst, ist sie nicht Schöpfer ihrer selbst. Durch die Wolken kommt etwas Sonne. 

Erleuchtung.          

 

sechzig:jahre

Was denkt ein Neunzigjähriger über das Alter, wenn er zur Feier eines Sechzigjährigen eingeladen wird? Sein äußeres Erscheinungsbild ist tadellos, Anzug mit Krawatte und mit voller Aufmerksamkeit folgt er den Gesprächen am Tisch. Die meisten anderen Gäste werden ihm jung vorkommen. Er erhebt sich jedes Mal vom Stuhl, wenn er eine  Dame begrüßt. Der Großteil der Eingeladenen ist zwischen fünfzig und siebzig Jahre alt. Er spricht von ihnen, als von den Jungen. 

Junge Alte.